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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Gärungsgewerbe; Gärungsmilchsäure; Gärungspilze; Garve; Garwhal

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Gärungsgewerbe - Garwhal.

entsprechend ausgedehnte Vegetation von Hefepilzen in dem Flüssigkeitsgemisch wahrzunehmen. Reine Zuckerlösung geht niemals in G. über; wenn man aber die zur Ernährung des Hefepilzes unentbehrlichen Substanzen hinzusetzt, so genügt die Aussaat sehr geringer Mengen solcher Hefepilze, um alkoholische G. hervorzurufen. Alle Thatsachen sprechen dafür, daß die Gärungen durch die Entwickelung bestimmter Organismen veranlaßt werden, und man gelangt zu der Hypothese, daß die alkoholische G. schlechthin identisch sei mit den Resultaten des Stoffwechsels jener Organismen. Vgl. Mayer, Lehrbuch der Gärungschemie (Heidelb. 1874); Schützenberger, Die Gärungserscheinungen (Leipz. 1876); Pasteur, Die Alkoholgärung (deutsch, Augsb. 1877); Langer, Lehrbuch der Chemie mit besonderer Berücksichtigung der Gärungsgewerbe (Leipz. 1878); Nägeli, Theorie der G. (Münch. 1879); Bersch, Gärungschemie für Praktiker (Berl. 1879).

Gärungsgewerbe, diejenigen Industriezweige, welche ihre Produkte unter Benutzung eines Gärungsprozesses erzielen, also namentlich die Wein- und Bierbereitung und die Spiritusfabrikation (Brennerei). Im weitern Sinn kann man auch die Essigfabrikation hierher rechnen und die Brotbereitung insofern, als die Lockerung des Teiges gewöhnlich durch die bei einem Gärungsprozeß entwickelte Kohlensäure herbeigeführt wird.

Gärungsmilchsäure, s. Milchsäure.

Gärungspilze, mikroskopisch kleine, einzellige Organismen, welche regelmäßige Begleiter der Gärungen sind, und von denen teils nachgewiesen, teils nach Analogie mit Sicherheit zu vermuten ist, daß sie die Erreger, also die Fermente, der Gärungen sind. Jede Art Gärung (s. d.) hat ihre eignen Fermentorganismen, welche bei ihr ganz konstant auftreten und nur diese Gärungsform zu erregen vermögen. Die in ihren Wirkungen am genauesten erforschten G. sind die Hefepilze (Cryptococcus Ktzg., Saccharomyces Meyen), welche die Alkoholgärung zuckerhaltiger Flüssigkeiten hervorrufen, und aus welchen zum allergrößten Teil die in der Bierbrauerei und in der Branntweinbrennerei verwendeten Hefen bestehen. Die bei andern Gärungen auftretenden G. gehören zu den Schizomyceten; sie erscheinen mit dem Beginn der Gärung in der Flüssigkeit und vermehren sich in derselben rasch in ungeheuerm Grad so lange, als der chemische Prozeß andauert. Der bei der Buttersäuregärung auftretende Bacillus subtilis Cohn besteht aus sehr dünnen und zarten Fäden, welche durch Querteilung sich vermehren, und deren einzelne Glieder, etwa 6 Mikromillimeter lang, zu zwei bis vielen verbunden sind; die Fäden haben eine gerade, vorwärts schwimmende und achsendrehende Bewegung. Das Harnferment, welches die ammoniakalische Gärung des an der Luft stehenden Harns bewirkt, ist Micrococcus ureae Cohn, kugelförmige oder ovale Zellchen von 1,25-2 Mikromillimeter Durchmesser, die bald einzeln, bald zu mehreren kettenförmig verbunden vorkommen. Diesem letztern ganz ähnliche Organismen bilden die Fermente bei der Milchsäure- und bei der Weinsäuregärung. Der bei der Essiggärung des Alkohols thätige Fermentorganismus, die sogen. Essigmutter, ist ebenfalls ein Schizomycet, Mycoderma aceti Past. (Ulvina aceti Ktzg.), den Cohn zu der Gattung Bacterium rechnet. Auch einige andre Prozesse, welche allerdings chemisch noch gar nicht aufgeklärt sind, werden durch Fermentwirkungen eigentümlicher Schizomyceten hervorgerufen, so besonders das Blau-, Gelb- und Rotwerden gewisser organischer Substanzen. Beim Blauwerden der Milch erscheinen in derselben zahlreiche als Bacterium syncyanum Schröt. bezeichnete, lebhaft bewegliche, elliptische Zellchen; der blaue Farbstoff, der seinen Reaktionen nach mit dem Triphenylrosanilin übereinstimmt, ist in der Flüssigkeit verteilt, erscheint zuerst auf der Oberfläche der Milch beim Stehen an der Luft und verbreitet sich später in die Tiefe. Die gelbe Farbe, welche gekochte Milch bisweilen annimmt, wird erzeugt von Bacterium xanthinum Schröt., welches ebenfalls lebhaft bewegliche, stäbchenförmige Zellchen darstellt; der gelbe Farbstoff, welcher in der Flüssigkeit verteilt ist, hat dieselben Reaktionen wie Anilingelb. Hierher gehört auch der Micrococcus prodigiosus Cohn (s. Micrococcus). Bei allen diesen Pigmentbakterien bildet sich der Farbstoff unter Eintritt alkalischer Reaktion zuerst an der Oberfläche und nur in Berührung mit Luft. Den Fermentationen der G. ganz analog sind die fäulniserregenden Wirkungen verschiedener andrer Pilze (Fäulniserreger, s. Fäulnis) und allem Anschein nach auch die Wirkungen der Krankheiten erzeugenden Schizomyceten (s. Schmarotzerpilze).

Garve, Christian, deutscher Popularphilosoph, geb. 7. Jan. 1742 zu Breslau, war 1768-72 außerordentlicher Professor der Philosophie zu Leipzig, privatisierte unter schweren körperlichen Leiden in Breslau, bis seine Übersetzungen von Fergusons "Moralphilosophie" (Leipz. 1772), von Burkes Schrift "Über den Ursprung unsrer Begriffe über das Erhabene und Schöne" (Riga 1773) und eigne philosophische Abhandlungen die Aufmerksamkeit Friedrichs II. auf ihn lenkten, der ihn 1779 nach Charlottenburg zog. Hier starb G. 1. Dez. 1798. Seine Schriften: "Über die Neigungen" (Berl. 1764), "Über die Verbindung der Moral mit der Politik" (Bresl. 1788), "Über verschiedene Gegenstände aus der Moral, Litteratur und dem gesellschaftlichen Leben" (das. 1792, 5 Bde.; 2. Aufl. 1802, 5 Bde.), "Vermischte Aufsätze" (das. 1796-1800, 2 Bde.), "Über Gesellschaft und Einsamkeit" (das. 1797-1800, 2 Bde.), "Übersicht der vornehmsten Prinzipien der Sittenlehre" (das. 1798), "Sammlung einiger Abhandlungen aus der neuen Bibliothek der schönen Wissenschaften" (das. 1802, 2 Bde.) enthalten einen Schatz psychologischer und moralischer Wahrheiten in edler Form, ungeachtet er selbst kein höchstes moralisches Prinzip aufgestellt, sondern das Wesen der Sittlichkeit in die Befolgung solcher Regeln gesetzt hat, welche sich auf den Menschen in seiner Ganzheit und unter allen Umständen gedacht beziehen. Das größte Verdienst hat er sich durch seine vortrefflichen Übersetzungen (oder vielmehr Umschreibungen) erworben, zu welchen unter andern noch "Smiths Untersuchungen über die Natur und Ursache des Nationalreichtums" (Bresl. 1794-96, 4 Bde.; 2. Aufl. 1799), "Ethik des Aristoteles" (das. 1799-1801, 2 Bde.), "Politik des Aristoteles" (das. 1799-1802, 2 Bde.) und die auf Anlaß Friedrichs d. Gr. verfaßte Übersetzung von Ciceros Schrift "De officiis" (das. 1783, 4 Bde.; 6. Aufl. 1829) gehören. Seine Briefe an Weiße und Zollikofer gaben Manso und Schneider (Bresl. 1803-1804, 2 Bde.), die an seine Mutter K. A. Menzel (das. 1830) heraus. Vgl. Manso, G. nach seinem schriftstellerischen Charakter (Bresl. 1799); Schelle, Briefe über Garves Schriften und Philosophie (Leipz. 1800); "Garves Briefe an eine Freundin" (das. 1801).

Garwhal (Gurwal), 1) Gebirgsdistrikt in der Division Kumaun der Nordwestprovinzen des englisch-ostind. Reichs, 14,244 qkm (255 QM.) groß mit