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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Gau; Gäu; Gau-Algesheim; Gauch; Gauchblume; Gauche; Gaucherel; Gaucherie

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Gau - Gaucherie.

seßhafter Ansiedelung der Völkerschaften, unabhängig von der Zahl hundert, den Gerichtsbezirk bezeichnet, der Ausdruck centena oder hunaria (althochd. huntari) gebraucht. In Frankreich dagegen ist G. der weitere Bezirk, welcher in Hundertschaften zerfällt. Dem fränkischen G. analoge Einteilungen finden sich in den meisten germanischen Reichen, so bei den Westgoten, Burgundern und Langobarden die civitates oder Stadtgebiete, bei den Angelsachsen die shires etc. Die Gaue hatten meist natürliche Grenzen, welche durch Gebirge, Thäler, Flüsse und Wälder gebildet wurden; ihren Namen erhielten sie bald von den bedeutendsten darin gelegenen Städten (z. B. Wormsgau, Speiergau etc.), bald von größern oder kleinern Flüssen (Rheingau, Aargau etc.) oder Gebirgen (Eifelgau), bald von der Himmelsgegend (Nordgau, Westgau), bald von der Abstammung der Bewohner (Schwabengau, Hessengau) etc. In gleichem oder ähnlichem Sinn wie das Wort G. wurden auch andre Endungen gebraucht, z. B. -bant (Brabant, Teisterbant), -eiba (Wettereiba, jetzt Wetterau etc.), -feld (Wormsfeld, Eichsfeld) u. a. Die Bestimmung der Lage und der Grenzen vieler Gaue bietet gegenwärtig große Schwierigkeiten dar, namentlich auch deswegen, weil die Worte pagus und G. in sehr verschiedener, bald engerer, bald weiterer Bedeutung gebraucht werden, so daß es oft genug innerhalb eines Gaues kleinere Bezirke gab, die den gleichen Namen führten. Bisweilen, aber durchaus nicht regelmäßig, schlossen sich die Grenzen der Gaue an die der kirchlichen Sprengel (Bistümer, Erzdiakonate) an. Insbesondere in Sachsen ist der Name Go für kleinere Distrikte üblich gewesen, die mehr den fränkischen Hundertschaften als den Gauen entsprachen. - An der Spitze der Gaue standen seit den ältesten Zeiten Grafen (Gaugrafen), welche anfangs bloße Verwaltungs-, später aber auch richterliche Beamte waren und an den einzelnen Hundertschafts-Malstätten ihres Gaues Recht sprachen. Die Ausdrücke G. (pagus) und Grafschaft (comitatus) sind daher in der frühern Zeit meist gleichbedeutend. Später aber verfiel die Gauverfassung, wozu mannigfache Umstände, z. B. das Erblichwerden der Grafenwürde und die damit zusammenhängende Teilung der Grafschaften, die Bildung geistlicher Immunitäten (s. d.), die Städteverfassung und vor allen Dingen die Ausbildung des Lehnswesens, beigetragen haben; seit der Mitte des 12. Jahrh. ist nur selten noch von Gauen die Rede. Doch hat sich die Erinnerung an die Gauverfassung bis auf unsre Zeit in Namen, wie Breisgau, Rheingau, Sundgau, Aargau etc., sowie auch in dem Wort Gaudieb (der im G. umherstiehlt) erhalten. Vgl. Thudichum, Die Gau- und Markverfassung in Deutschland (Gießen 1860); Leutsch, Markgraf Gero, nebst einer Gaugeographie von Thüringen und der Ostmark (Leipz. 1828); Wersebe, Beschreibung der Gaue zwischen Elbe, Saale, Unstrut, Weser und Werra im 11. u. 12. Jahrhundert (Hannov. 1829); v. Lang, Bayerns Gauen nach den drei Volksstämmen der Alemannen, Franken und Bojoaren aus den alten Bistumssprengeln nachgewiesen (Nürnb. 1830); Derselbe, Bayerns alte Grafschaften und Gebiete (das. 1831); v. Hammerstein-Loxten, Der Bardengau (Hannov. 1869); Leyser, Zur Geschichte des Nahegaues (Birkenf. 1853); Böttger, Diözesan- und Gaugrenzen Norddeutschlands (Halle 1874-1876, 4 Bde.); Baumann, Die Gaugrafschaften im wirtembergischen Schwaben (Stuttg. 1879). Eine Beschreibung der deutschen Gaue begann 1855 der Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine, doch erschienen nur zwei Beschreibungen von Landau, der Wettereiba (Kassel 1855) und des Hessengaues (das. 1857). Man ist daher noch immer genötigt, die erste zusammenfassende Arbeit über Gaugeographie im 2. Band von Bessels "Chronicon Gottwicense" (Tegernsee 1732) zu benutzen. Neue Gaukarten für ganz Deutschland enthält die Bearbeitung des v. Sprunerschen Atlas für die Geschichte des Mittelalters und der modernen Zeit durch Th. Menke (3. Aufl., Gotha 1880, Tafel 31-36).

Gau, Franz Christian, Reisender und Architekt, geb. 15. Juni 1790 zu Köln, erhielt seine Bildung auf der Kunstakademie zu Paris und ging 1814 nach Italien, wo er besonders die Ruinen von Pompeji studierte, weshalb er auch später zu Mazois' Werk "Les ruines de Pompeji etc." (Par. 1812 ff.) den Schluß herausgeben konnte. Die Frucht einer 1818 bis 1820 unternommenen Reise nach Palästina, Ägypten und Nubien war das Prachtwerk "Antiquités de la Nubie" (Par. 1824; deutsch, Stuttg. 1821-28, 13 Hefte; mit Text von Niebuhr, der schon Proben daraus in seinen "Inscriptiones nubienses", Rom 1820, geliefert hatte). Von 1824 bis 1848 war er Direktor einer Architekturschule, besonders für Deutsche, in Paris. Seit 1826 in Frankreich förmlich naturalisiert, starb er 31. Dez. 1853 in Paris. Als königlicher Architekt restaurierte G. die Kirche St.-Julien le Pauvre und das Presbyterium der Kirche St.-Severin und erbaute das neue Gefängnis und die Barrière de l'Enfer. Als sein hervorragendstes Werk aber ist der Plan der Kirche Ste.-Clotilde auf der Place Bellechasse im Faubourg St.-Germain zu Paris zu bezeichnen, die erst nach seinem Tod unter wesentlichen Abweichungen von seinem Plan von Ballu vollendet ward.

Gäu, oberdeutsche Form von Gau (s. d.), kommt in der Schweiz und in Schwaben noch als Bezeichnung für flachere, meist hoch gelegene Landschaften (im Gegensatz zum Gebirge) vor.

Gau-Algesheim, Stadt in Rheinhessen, Kreis Bingen, an der Linie Mainz-Bingen der Hessischen Ludwigsbahn, hat eine kath. Pfarrkirche, ein Schloß, bedeutenden Weinbau und (1880) 2490 meist kath. Einwohner. Vgl. Brilmayer, Geschichte der Stadt G. (Mainz 1883).

Gauch, s. v. w. Kuckuck.

Gauchblume, s. Cardamine.

Gauche (main g., abgekürzt m. g. oder nur g., franz., spr. mäng gohsch'), linke (Hand); s. Destra.

Gaucherel (spr. gohsch'rell), Léon, franz. Zeichner, Radierer und Maler, geb. 20. Mai 1816 zu Paris, erlernte die Kunst unter Viollet le Duc, mit dem er Italien und Sizilien bereiste, kam daher zunächst zum Zeichnen dekorativer und kirchlicher Skulpturen (Reliquienkasten des heil. Eleutherius in Tournai), fertigte aber seit 1844 auch landschaftliche und architektonische Radierungen für die "Gazette des beaux-arts", die "Annales archéologiques" u. das Journal "L'Art", für die von der kaiserlichen Druckerei besorgte Ausgabe der "Nachfolge Christi", für architektonische Werke und andre nach Künstlern der verschiedensten Richtung, z. B. nach Meissonier, Ziem, Diaz, Saint-Aubin, Hobbema und Turner; ferner Aquarelle von großer Naturwahrheit und sorgfältiger Behandlung, wie: das Haus des Tintoretto in Venedig, Ansicht der Stadt Saintes, ein Abend in Arromanches (Departement Calvados), St. Peter in Rom, Torcello, und Ölbilder: Schiffe in Arromanches, die Ufer des Adour bei Sonnenuntergang (1875), sowie mehrere Porträte, nach eignen Zeichnungen radiert. Er starb 7. Jan. 1886.

Gaucherie (franz., spr. gohsch'rih), linkisches Wesen.