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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Gemsblume; Gemse; Gemsengeier; Gemshorn; Gemskugeln; Gemswurz; Gemünd; Gemünden; Gemüse

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Gemsblume - Gemüse.

Gemsblume, s. v. w. Arnica montana.

Gemse (Gems, Capella Blas. et Keys.), Säugetiergattung aus der Ordnung der Huftiere, der Familie der Horntiere (Cavicornia) und der Unterfamilie der Antilopen (Antilopina), mit der einzigen Art C. rupicapra Blas. et Keys. Diese wird 1 m lang, mit 8 cm langem Schwanz, am Widerrist 75 cm hoch und 30, bisweilen 45 kg schwer. Sie ist gedrungen und kräftig gebaut, mit ziemlich schlankem Hals, kurzem, nach der Schnauze hin stark verschmälertem Kopf, mit spitzigen Ohren von nahezu halber Kopfeslänge, langen, starken Füßen, ziemlich plumpen Hufen, ohne Thränengruben und mit 25 cm langen, drehrunden, an der Wurzel geringelten, gerade aufsteigenden, an der Spitze rückwärts gebogenen Hörnern (Krickeln) bei beiden Geschlechtern. Hinter letztern befindet sich eine in einen Drüsensack führende Höhle, die sogen. Brunstfeige, aus der sich zur Brunstzeit eine schmierige, übelriechende Materie absondert. Im Sommer ist die G. schmutzig rotbraun, auf der Unterseite hell rotgelb, auf dem Rücken mit einem schwarzbraunen Streifen, an der Kehle fahlgelb, im Nacken weißgelblich. Die Hinterseite der Schenkel ist weiß, der Schwanz auf der Unterseite und an der Spitze schwarz. Von den Ohren verläuft über die Augen hin eine schwarze Längsbinde. Im Winter ist die G. oben dunkelbraun oder braunschwarz, am Bauch weiß, an den Füßen und am Kopf gelblichweiß, auf dem Scheitel und an der Schnauze etwas dunkler. Beide Kleider gehen unmerklich ineinander über. Jäger unterscheiden das große, dunkelbraune "Waldtier" von dem kleinen, rotbraunen "Grattier". Die G. bewohnt die Alpen, findet sich von Savoyen bis Südfrankreich, in den Abruzzen, in Dalmatien, Griechenland nordwärts bis zu den Karpathen. Auch in den Pyrenäen, im Kaukasus, in Taurien und Georgien kommen Gemsen vor, die vielleicht identisch mit denen der Alpen sind. In Oberbayern, Salzburg und dem Salzkammergut, in Steiermark und Kärnten findet sich die G. ungleich zahlreicher als in der Schweiz. Die G. ist die einzige Antilopenart, die in Europa vorkommt, und ein ganz unschädliches Tier. Sie hält sich am liebsten in dem obern Waldgürtel auf, steigt im Sommer aber häufig weiter im Gebirge empor und bewohnt, wo sie viel gestört wird, die unzugänglichsten Bezirke, von wo aus sie dann mit Anbruch des Tags die Grasplätze zwischen den Felsen besucht. Gegen den Winter rückt sie weiter in die Wälder herab. Sie lebt in Rudeln von oft sehr großer Zahl, und nur die alten Böcke halten sich außer der Brunstzeit isoliert. Ihre Nahrung besteht in den jungen Trieben der Alpensträucher (Alpenrose, Erle, Weide, Wacholder, Kiefer) sowie in Alpenkräutern und Gräsern, im Winter auch aus Moos und Flechten; Wasser ist für sie Bedürfnis und Salz eine große Leckerei. Sie klettert, springt und läuft mit staunenswerter Sicherheit und Schnelligkeit, besonders wenn sie verfolgt wird, und schwimmt auch vortrefflich. Ihre Sinne sind ungemein scharf; die G. ist das Sinnbild der Wachsamkeit, sie ruht selbst in einer Lage, daß sie augenblicklich die Flucht ergreifen kann. Beim Weiden und Ausruhen übernimmt das Leittier (die Vorgeiß) das Wächteramt und pfeift hell auf, sobald es Gefahr ahnt. Auf den sogen. freien Bergen und an Orten, wo keine G. geschossen werden darf, sind sie weniger scheu und fast zutraulich. Ihre Brunstzeit fällt in die zweite Hälfte des Novembers und Anfang Dezember; Ende Mai oder Anfang Juni wirft die G. ein, selten zwei oder drei Junge, welche bald der Mutter folgen und sechs Monate saugen. Im dritten Jahr ist das Junge ausgewachsen. Die Gemsen erreichen ein Alter von 20-25 Jahren. Jung eingefangen, lassen sie sich mit Ziegenmilch ernähren und werden sehr zahm, bisweilen pflanzen sie sich in der Gefangenschaft fort. Auf den Alpen sollen Ziegen von Gemsböcken beschlagen werden und Bastarde liefern, die sich schwer aufziehen lassen. Die Gemsen sind beständig durch herabrollende Steine und Felsstücke sowie durch Lawinen, auch im strengen Winter durch Futtermangel gefährdet; Luchs, Wolf und Bär, Adler und Lämmergeier stellen ihnen nach. Ihr größter Feind aber ist der Mensch, obschon die Jagd mühsam und gefährlich genug ist. Das Fleisch der Gemsen ist wohlschmeckend und wird hoch geschätzt; das Fell gibt schönes Leder, welches vorzüglich zu Beinkleidern und Handschuhen verarbeitet wird. Die Hörner dienen zu Stockgriffen und die Haare auf dem Widerrist als Hutschmuck. In dem Magen der G. findet man zuweilen die sogen. Gemskugeln oder den deutschen Bezoar. Dieselben wurden wegen vermeintlicher arzneilicher Wirksamkeit sonst teuer bezahlt, sind aber ohne allen Wert. In der Volksdichtung der Alpenbewohner spielt die G. etwa dieselbe Rolle wie die Gazelle bei den Morgenländern, viele Sagen knüpfen sich an ihr Leben, und der Aberglaube findet dabei reichliche Nahrung. Vgl. Keller, Die G. (Klagenfurt 1885).

Gemsengeier, s. v. w. Bartgeier.

Gemshorn, in der Orgel eine offene Labialstimme mit nach oben stark sich verengernden Pfeifen, die daher als teilweise gedeckt anzusehen und erheblich kürzer sind als die den gleichen Ton gebenden prismatischen und cylindrischen Pfeifen. G. ist mit Spitzflöte, Spillflöte, Spindelflöte, Tibia cuspida, Spitzgambe, Bockflöte, Blockflöte, Schwiegel, Pyramidflöte und andern Stimmen mit konischem oder pyramidalem Körper identisch. Am häufigsten ist G. zu 8' sowie als Quintstimme 2 2/3' (Gemshornquint), seltener zu 16' (Großgemshorn, im Pedal: Gemshornbaß, auch Stamentienbaß); die kleinern Arten führen meistens einen der angeführten Flötennamen.

Gemskugeln, s. Gemse.

Gemswurz, s. Doronicum.

Gemünd, 1) Stadt in Württemberg, s. Gmünd. - 2) Stadt im preuß. Regierungsbezirk Aachen, Kreis Schleiden, an der Urft und an der Linie Kell-Hellenthal der Preußischen Staatsbahn, von hohen Bergen der Eifel umgeben, hat ein Amtsgericht, eine evangelische und eine kath. Kirche, eine Synagoge, ein Holzsägewerk, Fuß- und Spulenfabrikation, eine Drahtzieherei und Drahtstiftfabrik, eine Kunstwoll-, Holzpappe- u. Pulverfabrik u. (1885) 1472 meist kath. Einw.

Gemünden, 1) Stadt im bayr. Regierungsbezirk Unterfranken, Bezirksamt Lohr, 155 m ü. M., am Einfluß der Fränkischen Saale in den Main, zwischen Rhön und Spessart, ist Knotenpunkt der Linien Würzburg-Aschaffenburg und G.-Hammelburg der Bayrischen sowie Elm-G. der Preußischen Staatsbahn, hat ein Amtsgericht, eine schöne gotische Kirche, eine Idiotenanstalt, Obst- und Weinbau, Schiffahrt, Gerberei, Lohe- und Holzhandel und (1885) 2066 meist kath. Einwohner. In der Nähe die Ruine des Schlosses Scherenberg. - 2) Stadt im preuß. Regierungsbezirk Kassel, Kreis Frankenberg, 257 m ü. M., an der Wohra, hat eine schöne gotische Kirche, Fabrikation von Töpferwaren und (1885) 1318 meist evang. Einwohner.

Gemüse, Pflanzen oder Pflanzenteile, wie Blätter, Blattstiele, Schößlinge, Fruchtböden, Früchte, rüben- und zwiebelartige Wurzeln, welche als Nahrung der Menschen dienen, teils in Gärten, teils auf Feldern