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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Gent

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Gent (Geschichte).

Thor. Dem Zuchthaus schräg gegenüber befindet sich das große, 1837 erbaute Kasino, das zu Konzerten, Gesangsfesten und besonders zu den berühmten halbjährigen Blumenausstellungen des Botanischen Vereins dient. Zu den merkwürdigsten alten Bauten gehören noch die aus dem 14. Jahrh. stammenden und bis 1794 von privilegierten Metzgerfamilien benutzten Fleischerhallen am Groensel- (Gemüse-) Markt, der verfallene Prinzenhof, in welchem die Grafen von Flandern und die spanischen Statthalter Hof hielten und Karl V. geboren wurde, sowie die uralte Oudeburg oder 's Gravensteen am Pharaildenplatz, ein turmartiges, mit Schießscharten versehenes Thor von 1180, das vom alten Schloß der ersten flandrischen Grafen noch übrig ist und jetzt den Eingang zu einer Baumwollspinnerei bildet. Neuerdings hat die Stadt beschlossen, die Oudeburg anzukaufen und das Eingangsthor nebst den Umfassungsmauern bloßzulegen. Die Bevölkerung zählte 1885: 140,926 Seelen (1846: 102,977, 1866: 115,354).

In industrieller Beziehung behauptet G. lange nicht mehr den Rang, den es im 14. und 15. Jahrh. einnahm (die Stadt zählte damals 40,000 Lein- und Wollweber); doch ist seine Gewerbthätigkeit immer noch groß, und namentlich datiert von der Einführung der Baumwollspinnerei zu Anfang dieses Jahrhunderts ein neues Aufblühen der Stadt. Die wichtigsten Industriezweige sind neben der Baumwollspinnerei (480,000 Spindeln) Flachsspinnerei (100,000 Spindeln) und Weberei, Spitzenfabrikation, Kattundruckerei, Gerberei, Zuckersiederei; ferner Eisengießerei, Maschinenfabrikation, Brauerei, Fabrikation von Bijouteriewaren, Seife, Tapeten, Handschuhen, Papier, Tabak, Chemikalien etc. Sehr in Flor ist auch die Blumenkultur und Handelsgärtnerei. G. zählt 62 größere Blumenhändler und über 400 Treibhäuser, und der Handel mit Blumen und Pflanzen im Umfang von 10 Mill. Frank erstreckt sich über Deutschland, Frankreich und Italien bis nach Rußland. Der Handel Gents ist noch heute sehr bedeutend. Ein großer, ursprünglich nur zum Schutz gegen Überschwemmungen angelegter Kanal (10 m breit, 5 m tief), welcher bei Terneuzen in die Schelde mündet, gewährt G. die Vorteile einer Seestadt, die jedoch infolge des von Holland seit der Trennung erhobenen starken Durchgangszolles wenig zur Geltung kommen. Ein zweiter Kanal verbindet die Lys mit dem Kanal von Brügge nach Ostende. Haupthandelsartikel sind: Korn, Rüböl, Flachs etc. Das neue, 1828 vollendete Hafenbassin, an der Nordseite der Stadt, 1700 m lang, 60 m breit, kann 400 Schiffe aufnehmen; 1883 besuchten 719 Seeschiffe von 277,080 Ton., dann 516 Dampfer von 233,489 T. den Hafen. 15 km nördlich von G. sind Schleusen, durch welche die ganze Gegend unter Wasser gesetzt werden kann. Von den zahlreichen Wohlthätigkeitsanstalten, an denen G. reicher ist als irgend eine andre Stadt Belgiens, verdienen das Irrenhaus, das Entbindungshaus, das Findelhaus mit Hebammenschule, die Institute für Taubstumme und Blinde, die Wohlthätigkeitswerkstätte für Arme (Atelier de charité), das große Bürgerhospital (la Byloque) u. a. Erwähnung. An Bildungsanstalten besitzt die Stadt eine 1816 mit vier Fakultäten gegründete Staatsuniversität (in dem ehemaligen Baudelookloster), mit der eine Schule für bürgerliche Ingenieure und eine für Künste und Gewerbe (1883-1884 mit 870 Schülern) sowie die ehemalige berühmte Stadtbibliothek (mit über 100,000 Bänden und 700 zum Teil wertvollen Handschriften) verbunden sind; ferner einen sehr reichen botanischen Garten (gewöhnlich Baudeloohof genannt, 1797 angelegt) und einen zoologischen oder Akklimatisationsgarten (seit 1852), in welchem vorzugsweise Haustiere, Antilopen und Hirsche gezüchtet werden; außerdem eine École normale des sciences (Bildungsanstalt für Gymnasiallehrer), Seminare für Lehrer und Lehrerinnen, ein Athenäum, ein bischöfliches Seminar mit Bibliothek (10,000 Bände), eine höhere Knabenschule, eine Industrieschule, ein Konservatorium der Musik, ein Archiv des Königreichs, eine Primärmusterschule, eine Akademie der zeichnenden Künste (in dem alten Augustinerkloster) mit gegen 700 Schülern und einer Sammlung (Musée) von etwa 140 Gemälden (meist aus den 1795 aufgehobenen Genter Klöstern), Gesellschaften für schöne Litteratur und Kunst, Gartenbau, den schon erwähnten Botanischen Verein (Maatschappij van kruidkunde) etc. In G. erscheint die älteste Zeitung Belgiens, die 1667 gegründete "Gazette van G." Die Stadt ist Sitz eines Appellhofs, eines Tribunals und Handelsgerichts sowie eines deutschen Konsuls. Die ordentlichen Einnahmen der Stadt betrugen 1884: 4,5 Mill., die ordentlichen Ausgaben 4,4 Mill. Fr.; die außerordentlichen Ausgaben (meist durch Anleihen gedeckt) erforderten 5,4 Mill. Fr., wovon 5,2 Mill. Fr. für öffentliche Arbeiten verwandt wurden.

[Geschichte.] G. wird schon im 8. Jahrh. erwähnt, und bereits in karolingischer Zeit befand sich eine kaiserliche Burg daselbst, welche um die Mitte des 10. Jahrh. von Otto I. einem deutschen Burggrafen verliehen wurde. Allein um das Jahr 1000 bemächtigte sich Graf Balduin von Flandern derselben und wurde 1007 mit der Burg und der um dieselbe entstandenen Stadt von Kaiser Heinrich II. belehnt. Letztere wuchs durch ihren Handel, den der 1228 gegrabene Canal de Liéve sehr beförderte, so ungemein, daß sie im 14. und 15. Jahrh. 50,000 Mann ins Feld stellen konnte. In den Kriegen zwischen England und Frankreich suchte Jacob van Artevelde, ein Brauer von G., der sich zum Führer der Bürger emporgeschwungen hatte, den König Eduard III. zu unterstützen und dessen Sohn, den Prinzen von Wales, zum Grafen von Flandern zu erheben, wurde aber bei einem Volksaufstand 1345 erschlagen. Obgleich in der nächstfolgenden Zeit G. einen langwierigen Krieg mit Brügge führte, war es doch so mächtig, daß der "Ruwart" von G., Philipp van Artevelde, der Sohn Jacobs, 3. Mai 1382 den Grafen Ludwig von Flandern vor Brügge entscheidend schlug, worauf die meisten flandrischen Städte sich an G. anschlossen. Nachdem aber Artevelde 27. Nov. d. J. von Karl VI. von Frankreich und Philipp von Burgund bei Roosebeke besiegt und gefallen war, mußte sich G. nach mehrjährigem Widerstand 1385 dem Herzog von Burgund unterwerfen, welcher der Stadt jedoch ihre alten Rechte und Privilegien ließ. Damals stand G. in seiner größten Blüte; letztere verdankte es hauptsächlich der Tuchmacherei, die schon um 1400 in so lebhaftem Betrieb war, daß man 40,000 Wollweber zählte, welche 18,000 streitbare Männer aus ihrer Zunft stellen konnten. Als der Herzog Philipp der Gute von Burgund eine neue Steuer auf Salz und Getreide legte, zog (1452) ein Heer von 12,000 Gentern gegen ihn ins Feld, und die Stadt behauptete vier Jahre lang ihre Unabhängigkeit, bis sie in der Schlacht bei Gaveren bezwungen wurde, worauf sie einen Teil ihrer Privilegien verlor. Als Maria von Burgund, die in G. residierte, 1477 nach dem Tod ihres Vaters Karl des Kühnen ihre Räte Hugenet und Imbercourt an König Ludwig XI. von Frankreich gesandt hatte, um