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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Geschmackslehre - Geschoß.

teresselosigkeit" seiner Aussprüche und damit deren Anspruch auf allgemeine Gültigkeit beruht, nicht nur der Freiheit des Gemüts von "subjektiven Erregungen", sondern auch der Abwesenheit jedes "Vorurteils" für oder wider das durch den G. zu beurteilende Objekt. Mitwirkung der letztern führt jene individuelle, nationale, geschichtliche Verschiedenheit der angeblichen Aussprüche des Geschmacks herbei, welche Mißtrauen in diesen erzeugt, streng genommen jedoch, eben als Werk jener fremdartigen Zusätze, gar nicht von ihm hergerührt hat. Ziel der Erziehung als Geschmacksbildung ist, an ruhige, vorurteils- und parteilose Betrachtung der Objekte zu gewöhnen, um dadurch wahre, interesse- und subjektlose Aussprüche des Gefallens oder Mißfallens, ästhetische oder Geschmacksurteile zu ermöglichen.

Geschmackslehre, s. v. w. Ästhetik.

Geschmackswerkzeuge (Geschmacksorgane), die zur Hervorbringung der Geschmacksempfindung dienenden Vorrichtungen im tierischen Körper. Bei der Schwierigkeit der Verständigung über die hierin Frage kommende Empfindung sowie bei der anatomisch nicht scharf definierbaren Beschaffenheit der G. lassen sich diese bei niedern Tieren in sicherer Weise kaum und auch bei den meisten Wirbeltieren nur vermutungsweise erkennen. Man sucht sie natürlich immer in der Mundhöhle und faßt daher nervöse Apparate in derselben, soweit man keine andre Deutung für sie hat, als G. aus. Unter den Wirbeltieren ist bei den Amphibien und Säugetieren die Zunge mit solchen Organen in Form der sogen. Geschmacksknospen oder Schmeckbecher (s. Zunge) ausgestattet, zu denen Nerven herantreten, und in denen sich eigentümliche Zellen mit langen, stäbchenförmigen Enden vorfinden.

Geschmeide, in der ältern Sprache eiserne Ketten (von Schmieden abgeleitet), dann goldene Ketten zum Schmuck und Schmucksachen überhaupt.

Geschmeidigkeit, s. Dehnbarkeit.

Geschmeiß, die Exkremente der Raubvögel, welche sich besonders unter den Bäumen finden, auf welchen dieselben nisten (horsten).

Geschnittenes Leder, s. Lederschnitt.

Geschnittene Steine, s. Gemmen.

Geschoß, alte Benennung für direkte Steuern.

Geschoß (franz. Étage), in der Baukunst s. v. w. Stockwerk. Je nach der Lage unterscheidet man, von unten nach oben fortschreitend, 1) das Kellergeschoß, welches ganz oder teilweise unter der Erde sich befindet, 2) das Erd-, Unter- oder Bodengeschoß, 3) das Hauptgeschoß, die Bel-Etage oder das erste Stockwerk, 4) das zweite, dritte etc. G. und 5) das Dachgeschoß. Außer diesen Geschossen kommen noch vor 6) das Zwischen- oder Halbgeschoß (Mezzanine), ein niedriges, meist zwischen dem Erd- und Hauptgeschoß angebrachtes Stockwerk, 7) der Kniestock (Attika), welcher unten in das Gebäude, oben in das Dach hineinreicht, daher halb als Obergeschoß, halb als Dachgeschoß zu betrachten ist. Stellt man diese verschiedenen Geschosse zusammen, so ergibt sich obenstehende Figur mit den beigefügten Bezeichnungen derselben.

^[Abb.: Bezeichnung der Geschosse des Hauses.]

Geschoß, im allgemeinen jeder Wurfkörper, im besondern der mittels Fernwaffen nach einem entfernten Ziel fortgetriebene, geschossene Körper. Der mit der Hand geschleuderte Stein oder zugespitzte Stab bezeichnet die Anfänge solcher Fernwaffen. Aber auch die Handwaffen aller Art wurden, neben ihrem Gebrauch als Schlagwaffe, geworfen, so die Wurfkeule, das Wurfbeil (wie noch heute bei wilden Völkern), an welche später, um sie zu erneutem Wurfe verwenden zu können, ein langer Riemen oder eine Wurfleine befestigt wurde. Das römische Pilum (s. d.), der schwere, das Jaculum, der leichte Wurfspieß, die gallische Hakenlanze (saunium), die germanische Caja hatten eine solche Wurfleine, aus welcher in Spanien der Lasso hervorging. Ein kurzer Doppelriemen (amentum) im Schwerpunkt des Lanzenschafts diente den Griechen u. Römern zur Verstärkung der Wurfkraft. Das G. der Schleuder (s. d.), anfänglich ein rundlicher Bachkiesel, wurde, um Wurfweite und Treffsicherheit zu vermehren, später aus Blei in regelmäßiger Form (glans) gefertigt: Fig. 1, römisches Schleuderblei (FIR bedeutet firmiter, "wirf fest"). Die älteste Schußwaffe ist der Bogen (s. d.), sein G. der Pfeil, ein der Länge des Bogens entsprechend langer Stab aus Rohr oder Holz mit Spitze aus Metall, Knochen etc. und Feder am andern Ende, den Flug zu regeln. Fig. 2, griechischer Pfeil, 0,60 m lang. Für die Armbrust (s. d.) mit ihrer größern Bogenkraft und Führungsrinne für das G. mußte der Pfeil verkürzt und widerstandsfähiger gemacht werden und wurde so zum Bolzen mit kurzem, starkem Schaft und eiserner Spitze. Als man die Erfahrung machte, daß die Drehung um die Längenachse seine Treffsicherheit erhöhte, gab man ihm hinten eigentümlich gebogene, die Drehung hervorrufende Federn (Fig. 3). Aber auch Kugeln aus Marmor, gebranntem Thon und Blei dienten als Geschosse für die Armbrust. Dem vorzüglich ausgebildeten Geschützwesen der Alten müssen ohne Zweifel gleichwertige Geschosse entsprochen haben. Die Gastraphreten (Bauchspanner), unsrer Wallbüchse und dem Gebirgsgeschütz vergleichbar, sowie die Katapulten, die Pfeilgeschütze, in ihren verschiedenen Größen hatten ein pfeilartiges G. von 0,60-1,75 m Länge, 18-40 mm Durchmesser und 0,25-2 kg Gewicht; die Palintonen, die Wurfgeschütze, warfen Steinkugeln bis zu 81 kg schwer auf etwa 1000 Schritt, die Katapulten schossen bis auf etwa 700 Schritt. Die Tormenta (Geschütze) der Römer entsprachen den griechischen.

In Deutschland und Frankreich ging das Geschützwesen, Ballisten, Rutten (der falarica entsprechend), Gewerfe, Antwerke (s. d.), eigne Wege; erstere schossen starke Pfeile, letztere warfen kugelförmige Steine bis zu 60 cm Durchmesser. Auch jene Zeit hatte ihre Riesengeschütze; vor Zara wurden 1346 Steine von 1431 kg, vor Nidau von den Bernern solche von 600 kg Gewicht geworfen; statt eines großen warf man auch eine größere Zahl kleiner Steine, Steinhagel; aber auch mit Nägeln beschlagene Balken,

^[Abb.: Fig. 1. Römisches Schleuderblei.]

^[Abb.: Fig. 2. Fig. 3. Fig. 2 Griechischer Pfeil, 3 Deutscher Drehpfeil.]