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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Girardin

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Girardin.

1803 zu Paris, trat 1821 in das pharmazeutische Laboratorium der Hospitäler von Paris, 1825 in das Laboratorium von Thénard und erhielt 1828 die Professur der angewandten Chemie in Rouen. Hier richtete er auch einen Kursus der angewandten Chemie für Arbeiter ein und veröffentlichte diese Vorlesungen als "Leçons de chimie élémentaire appliquée aux arts industriels" (1837; 6. Aufl. 1880, 5 Bde.). 1838 wurde er zum Professor der Agrikulturchemie an der auf seinen Antrieb gegründeten École d'agriculture ernannt. 1848 begann er seine Vorlesungen über den Dünger im Departement Niederseine und übte einen großen Einfluß auf die Fortschritte der Kultur in der Normandie. 1858 folgte er einem Ruf nach Lille und wurde dann Rektor der Akademie zu Clermont. Er schrieb: "Éléments de minéralogie appliquée aux sciences chimiques" (Par. 1826, 2 Bde.); "Nouveau manuel de botanique" (das. 1827); "Considérations générales sur les volcans" (Rouen 1830); "Du sol arable" (2. Aufl., Par. 1842); "Des fumiers et autres engrais animaux" (7. Aufl. 1875); "Résumé des conférences agricoles sur les fumiers" (3. Aufl. 1854); "Moyens d'utiliser le marc de pommes" (4. Aufl. 1854); "Des marcs dans nos campagnes" (Rouen 1854); "Traité élémentaire d'agriculture" (3. Aufl. 1874, 2 Bde.); "Chimie générale et appliquée" (1868-1869, 4 Bde.).

5) Delphine Gay, Madame Emile de, franz. Dichterin, geb. 26. Jan. 1805 zu Aachen, Tochter der Schriftstellerin Sophie Gay, machte sich schon in ihrem 17. Jahr als Dichterin (auch durch ihre Schönheit) bekannt und erhielt von der Akademie einen Preis. Seit 1831 mit Emile de G. verheiratet, starb sie 30. Juni 1855 in Paris. Ihr Ruf gründete sich namentlich auf ihre Poesien, die als "Essais poétiques" (Par. 1824-26, 2 Bde., u. öfter) erschienen. Außerdem schrieb sie Romane ("Le lorgnon", "Contes d'une vieille fille", "Le marquis de Fontanges", "Marguerite") und Theaterstücke ("Judith", "Cléopâtre", "Lady Tartufe", "Le chapeau de l'horloger" u. a.). Großen Erfolg hatten ihre "Lettres parisiennes", die sie unter dem Namen eines Vicomte de Launay 1836-48 in der "Presse" veröffentlichte. Ihre "Œuvres complètes" erschienen 1860 bis 1861 in 6 Bänden. Vgl. Imbert de Saint-Amand, Madame de G. (Par. 1874).

6) Emile de, franz. Publizist, geb. 22. Juni 1806 in der Schweiz als illegitimer Sohn von G. 2), hieß bis 1827 Delamothe und ward 1847 von seinem Vater anerkannt. Er erhielt auf einem Pariser Collège seine Bildung, ward 1823 im Kabinett des Generalsekretärs der königlichen Museen angestellt und einige Jahre später Kunstinspektor im Ministerium des Innern. Litterarisch machte er sich zuerst bekannt durch den Roman "Émile", worin er seine Herkunft und die Geschichte seiner Kindheit berichtet, sowie durch Gründung mehrerer Blätter, des "Voleur" (1828) und der "Mode" (1829), denen nach der Julirevolution das "Journal des connaissances utiles" (1831) und das "Musée des familles" (1832) folgten. Gleichzeitig beteiligte er sich bei verschiedenen industriellen Unternehmungen und Spekulationen, die zum Teil einen übeln Nachklang für ihn hatten. 1834 zum Abgeordneten in die Kammer gewählt, that er sich als eifriger Ministerieller hervor und gründete das Journal "La Presse" als Organ der Hofpartei und der Konservativen, dessen Schmähungen ihn in einen Zweikampf mit dem Redakteur des "National", Armand Carrel (s. d.), der im Duell blieb, verwickelten. Für sein Journal bezog er vom Hof die reichlichste Unterstützung und wurde durch Kabinettsbefehl von allen Untersuchungen, in welche ihn seine Aktienschwindeleien verflochten, freigesprochen; ministeriellem Einfluß verdankte er auch 1838 seine Wiederwahl in die Kammer. Nach den Februartagen 1848 schloß er sich der republikanischen Partei an und verteidigte anfangs die provisorische Regierung, die er aber gleich wieder bekämpfte, da sie seine Dienste nicht annahm. Obwohl er die Kandidatur Ludwig Napoleons zur Präsidentschaft zuerst offen empfohlen, bekämpfte er auch diese bald wieder, da der Prinz auf das politische Programm Girardins nicht eingehen wollte. Er warf sich nun entschieden in die Arme des Sozialismus und gehörte, als er nach vielen vergeblichen Bemühungen 1850 vom Departement Niederrhein in die Nationalversammlung gewählt worden war, der äußersten Linken, der Bergpartei, an, die er aber bereits im August ebenfalls wieder verließ. Infolge seiner Wahl zum Deputierten hatte er die Redaktion der "Presse" an Nefftzer abgetreten; darauf nahm er 1850 und 1851 teil an den Friedenskongressen zu Frankfurt und London. Nach dem 2. Dez. 1851 wurde er auf unbestimmte Zeit aus Frankreich verbannt und lebte in Brüssel, erhielt aber schon im Februar 1852 die Erlaubnis, nach Paris zurückzukehren, wo er die oberste Redaktion der "Presse" wieder übernahm, bis er sie 1856 um 800,000 Frank an die Bankiers Millaud u. Komp. verkaufte. Vor dem italienischen Krieg empfahl er eine nationale und liberale Politik, welche Frankreich die Rheingrenze und Freiheit im Innern verschaffen sollte. Trotz dieses liberalen Scheins diente seine Thätigkeit doch der Verherrlichung des Kaisertums, das nach seiner Darstellung mit der wahren Freiheit sich recht gut vertragen könne. Als es ihm gleichwohl nicht gelang, das gewünschte Portefeuille zu erhalten, kehrte er 1862 zu der publizistischen Thätigkeit zurück, leitete wieder bis 1866 die "Presse" und gründete 1867 die imperialistische "Liberté", welche er zu maßlosen Hetzereien gegen Preußen benutzte. Unter dem Ministerium Ollivier verkaufte er die "Liberté", abermals um einen hohen Preis, und zog sich in der sichern Aussicht, zum Senator gewählt zu werden, von der publizistischen Thätigkeit zurück; doch gelangte seine Wahl nicht mehr zur Veröffentlichung. Während des Kriegs 1870 erreichten seine Auslassungen gegen Preußen die Höhe eines geradezu wahnwitzigen Paroxysmus. Noch vor der Belagerung von Paris sich nach Limoges zurückziehend, gründete er hier das Journal "La Défense nationale", ließ dann seit April 1871 "L'Union française" erscheinen, worin er die Idee einer Umgestaltung Frankreichs in eine Föderativrepublik vertrat, erwarb späterhin das "Journal officiel" und übernahm im November 1874 die Direktion der "France". Hier trug er 1877 wesentlich zum Sturz der reaktionären Regierung vom 16. Mai bei, gewann sich dadurch eine neue Popularität und wurde im 9. Wahlbezirk von Paris als Nachfolger Grévys in die Deputiertenkammer gewählt. Im J. 1881 verzichtete er auf eine Wiederwahl und zog sich reich und mit dem Ruf des größten französischen Publizisten der Gegenwart ins Privatleben zurück. Er starb 27. April 1881 in Paris.

Von seinen zahlreichen Schriften heben wir noch hervor: "Études politiques" (2. Aufl. 1849); "De l'instruction publique en France" (neue Ausg. 1842); "De la liberté de la presse, etc." (1842); "Les Cinquante-deux" (1848, 13 Bde.); "La politique universelle, décrets de l'avenir" (Brüssel 1852,