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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Gladstone

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Gladstone.

bestehende Beschränkungen der politischen Rechte der Katholiken beseitigen sollte. 1851 veröffentlichte er ein Schreiben an Lord Aberdeen über die politischen Verfolgungen in Neapel, welches, da es haarsträubende Dinge über die Behandlung der politischen Gefangenen in den dortigen Gefängnissen berichtete, außerordentliches Aufsehen machte und von Lord Palmerston an alle Höfe Europas versandt wurde. Wie dieser Brief, so war auch die Übersetzung von Farinis Werk über die neuere römische Geschichte: "History of the Roman state" (Lond. 1851-52, 3 Bde.) eine Frucht seines Aufenthalts in Italien. Bei der Neuwahl 1852 trat G. wieder für Oxford ins Unterhaus und ward nach dem Fall des toryistischen Kabinetts (Dezember 1852) Schatzkanzler im neuen Koalitionsministerium Aberdeen. In dieser Stellung erwies G. sich als einen der schlagfertigsten Vorkämpfer des Ministeriums; in seinem Departement faßte er den Plan zur allmählichen Verminderung der englischen Staatsschuld, dessen Durchführung freilich infolge des orientalischen Kriegs unterblieb. Schon damals war G. prinzipieller Anhänger einer Friedenspolitik, die zum orientalischen Krieg nur widerstrebend sich hindrängen ließ; er benutzte die vom Unterhaus angeordnete Einsetzung eines Ausschusses zur Untersuchung der Kriegführung in der Krim und reichte 29. Jan. 1855 seine Entlassung ein. Seitdem stimmte er mit der Opposition und trug nicht wenig zu dem Tadelsvotum über den chinesischen Krieg bei; welches 1857 Lord Palmerston zur Auflösung des Parlaments nötigte. Ebenso sprach er für den Antrag Milner Gibsons, die von der Regierung vorgelegte Konspirationsbill zu verwerfen, der den Sturz des Ministeriums Palmerston zur Folge hatte. In dieser Zeit der Muße schrieb er auch sein Werk "Studies on Homer and the Homeric age" (Oxf. 1858, 3 Bde.). Ende 1858 ward G. als außerordentlicher Kommissar nach den Ionischen Inseln gesandt, um die nach Vereinigung mit dem Königreich Griechenland verlangenden Insulaner mit der englischen Herrschaft auszusöhnen, kehrte aber im Februar 1859 unverrichteter Sache nach England zurück. Aufs neue übernahm er das Amt eines Kanzlers der Schatzkammer, als Palmerston 15. Juni 1859 ein neues Kabinett bildete. G. erwarb sich allseitige und unbestrittene Anerkennung durch seine Finanzverwaltung und konnte fast regelmäßig Jahr um Jahr mit einer Steuerermäßigung vor das Parlament treten. In seinen politischen Anschauungen hatte sich G. in letzter Zeit einem fortgeschrittenen Liberalismus genähert. Er, der als Tory seine Laufbahn begonnen und dann durch die Schule ökonomischer Reformen, die Peel eröffnet, hindurchgegangen war, langte zuletzt bei Ansichten an, die dem Programm der radikalen Whigs nicht mehr fern standen. So sprach er sich 1864 für eine weitgehende Erweiterung des Wahlrechts aus und trat 1865 im Widerspruch mit den früher von ihm vertretenen hochkirchlichen Anschauungen für eine Reform der bischöflichen Kirche Irlands auf. Deshalb unterlag er bei den Wahlen von 1865 in Oxford, wurde aber in Südlancashire zum Abgeordneten gewählt. Solange Lord Palmerston an der Spitze der Regierung stand, hatte G. nicht die Möglichkeit, seinem neuen Liberalismus in politischen Dingen praktische Folge zu geben. Erst Palmerstons Tod (18. Okt. 1865) gab ihm freiere Hand. Er behielt unter Russell die Leitung der Finanzen, hatte aber dabei die Regierung im Unterhaus zu vertreten und galt überhaupt bei dem hohen Alter des Premiers für die eigentliche Seele der Regierung. Indessen blieb das Kabinett bei der von ihm eingebrachten Reformbill 18. Juni 1866 in der Minorität, obgleich G. mit voller Überzeugung und Beredsamkeit für dieselbe eintrat, und nahm daher seine Entlassung, um einem Ministerium Derby-Disraeli Platz zu machen. G. trat jetzt an die Spitze der liberalen Opposition und trug wesentlich zur Ergänzung und Vervollkommnung der von dem Torykabinett 1867 eingebrachten Reformbill bei. Als sodann 1867 die irische Frage in den Vordergrund trat, erklärte sich G. mit aller Entschiedenheit für die Entstaatlichung der anglikanischen Kirche in Irland; seine hierauf bezüglichen Anträge wurden 3. April 1868 mit 320 gegen 290 Stimmen angenommen. Die Folge dieser Niederlage der Regierung und noch mehr der darauf folgenden Wahlen, bei welchen G. zwar in Südlancashire durchfiel, aber in Greenwich glänzend gewählt wurde, war der Rücktritt des Kabinetts Disraeli 2. Dez. 1868 und die Bildung eines neuen Ministeriums aller liberalen Elemente, dessen Haupt und Seele G. selbst war. Da er über eine große Majorität im Unterhaus verfügte, gelang es ihm, eine Reihe von Reformgesetzen durchzubringen, welche von der liberalen öffentlichen Meinung gefordert waren. Die irische Kirchenbill 1869, die irische Landbill, das Gesetz über Volksunterricht 1870, die Einführung der geheimen Abstimmung bei Parlamentswahlen 1871 sind die wichtigsten dieser Maßregeln. Die früher von G. schon inaugurierte Finanzpolitik hatte neue glänzende Erfolge zu verzeichnen. Die Schwäche seiner Staatsleitung bestand in einem gewissen unruhigen Eifer, immer neue Gebiete des staatlichen Lebens mit seinen Reformen anzugreifen, in einer allzu optimistischen Nachgiebigkeit und Schwäche gegenüber der um sich greifenden ultramontan-katholischen Propaganda, vor allem aber in einer zu weit getriebenen Friedensseligkeit und Indifferenz in der auswärtigen Politik. Das Prinzip der Nichtintervention, wie G. es auffaßte und ausführte, machte sein Ministerium nahezu lächerlich. G. selbst entblödete sich nicht, in Journalartikeln französische Sympathien zu bekunden, und erregte Deutschland durch einzelne Maßregeln soviel wie möglich Schwierigkeiten. Im Frühjahr 1871 fügte er sich den Forderungen Rußlands, welche alle Früchte des Krimkriegs rückgängig machten. Eine große Verstimmung bemächtigte sich allmählich der englischen Nation; das persönliche Auftreten Gladstones im Parlament, seine Reizbarkeit, Unberechenbarkeit und Heftigkeit verringerten die anfangs so große Majorität zusehends. Seine Reform der Militärverfassung durch Aufhebung des Stellenkaufs der Offiziere setzte er nur durch Benutzung der königlichen Prärogative durch; in der Frage der irischen Universitäten erlitt er im März 1873 eine Niederlage. Trotz des angebotenen Rücktritts mußte er noch im Amt bleiben, da damals Disraeli sich weigerte, eine neue Regierung zu bilden. Ganz plötzlich löste er darauf das Parlament 26. Jan. 1874 auf; da aber die Neuwahlen eine gewaltige Mehrheit der Tories ergaben, so nahm G. 16. Febr. 1874 seine Entlassung, und Disraeli war sein Nachfolger. Grollend zog sich G. in der Session von 1874 zurück und legte zu Anfang 1875 auch formell die Führerschaft der liberalen Partei nieder. Wie er schon in den letzten Jahren mehrmals litterarische Arbeiten veröffentlicht ("A chapter of autobiography", 1868), so beschäftigte er sich 1874 und 1875 mit einer Reihe von polemischen Schriften gegen die vatikanischen Dekrete von 1870, gegen die päpstliche Unfehlbarkeit und die ultramontanen Tendenzen; alle diese Publikationen (gesammelt