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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Gladstone

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Gladstone.

erschienen unter dem Titel: "Rome and the newest fashion in religion", 1875; deutsch, Nördling. 1875) fanden in England und in Deutschland großen Beifall; sie zeigten, daß auch G. (obwohl bedeutend später als seinem Rival Beaconsfield) die Augen aufgegangen waren über die von seiten des Ultramontanismus drohenden Gefahren. Außerdem beschäftigte er sich in diesen Jahren mit einer Fortsetzung seiner Homerischen Studien. Schon 1869 hatte er eine Schrift unter dem Titel: "Juventus mundi. The Gods and men of the Homeric age" publiziert; jetzt versah er Schliemanns Werk über Troja mit einer längern Vorrede und ließ 1876 den ersten Band eines Werkes: "Homeric synchronism" (deutsch, Jena 1877), erscheinen, worin er den Nachweis versuchte, daß die Belagerung Trojas ein historisches Faktum sei, und daß Homer wirklich existiert und dies Ereignis besungen habe. Daneben hörte G. aber nicht auf, auch ohne offizieller Führer der liberalen Partei zu sein, sich thätig am politischen Leben zu beteiligen. Insbesondere in der orientalischen Frage zeigte er sich als den entschiedensten Gegner der Politik Lord Beaconsfields, forderte die volle Emanzipation der Christen im Orient, zu deren gunsten er im September 1876 seine Broschüre "Bulgarian horrors" herausgab, eiferte gegen die Türken und billigte die wider dieselben ergriffenen Maßregeln Rußlands. In und außer dem Haus, mit Wort und Schrift vertrat er diesen Standpunkt, ging aber dabei, namentlich in seinen zahlreichen Reden in Parteiversammlungen, so leidenschaftlich vor, daß er nicht nur in der Presse aufs lebhafteste angegriffen wurde, sondern auch bei seiner Partei im Parlament nicht immer Anklang fand. Trotzdem dachte er nicht daran, sich, wie viele seiner Gegner erwartet hatten, ganz vom politischen Leben zurückzuziehen, sondern kündigte vielmehr 30. April 1879 seine Absicht an, bei den nächsten allgemeinen Wahlen zwar nicht für Greenwich, wo seine Wiederwahl kaum zu erwarten war, als Kandidat aufzutreten, dagegen aber den Konservativen den Sitz für Midlothian (Edinburg) streitig zu machen. Am 28. April 1879 hielt er zum erstenmal wieder seit mehreren Jahren im Unterhaus eine große Rede über finanzielle Fragen, in welcher er die Finanzpolitik der Regierung der schärfsten Kritik unterzog und den konservativen Schatzkanzler Sir St. Northcote beschuldigte, das Land über den wahren Zustand seiner Finanzen zu täuschen. In diesem Gedanken und in der immer aufs neue wiederholten Darlegung der Verwerflichkeit von Lord Beaconsfields auswärtiger Politik, gegen welche er die schärfsten Ausdrücke gebrauchte, gipfelten auch die zahllosen Reden, welche G. nach dem Schluß der Parlamentssession in Schottland hielt. Vom 24. Nov. bis 19. Dez. und wiederum vom 17. März 1880 bis zu den Neuwahlen dauerte dieser Wahlfeldzug, in welchem Gladstone eine unermüdliche und für sein vorgeschrittenes Alter um so erstaunlichere Thätigkeit entfaltete. Es unterlag denn auch keinem Zweifel, daß der unerwartet glänzende Wahlsieg der Liberalen im April 1881 größtenteils das Verdienst Gladstones sei. Er selbst wurde (ein in England nicht gewöhnliches Ereignis) an zwei Orten, in Midlothian und Leeds, gewählt; er nahm den erstern Sitz an und überließ den letztern seinem ältesten Sohn, Herbert G. Nachdem Lord Beaconsfield seine Dimission eingereicht hatte, wurde G. von der Königin 23. April, nachdem die Lords Granville und Hartington die Premierschaft abgelehnt hatten, mit der Bildung des Ministeriums beauftragt. In demselben übernahm G. selbst außer dem Amte des Premiers auch das des Schatzkanzlers, aber seine Amtsführung entsprach den hochgeschwellten Erwartungen seiner Anhänger nicht. Nachdem das Oberhaus 3. Aug. die irische Pachterbill mit überwältigender Mehrheit verworfen hatte, bereitete namentlich die irische Frage der Regierung die größten Verlegenheiten, indem die öffentliche Ordnung und Sicherheit in Irland aufs ernsteste gefährdet wurde. Auch die auswärtige Politik Gladstones erlitt vielfache Niederlagen. Die auf sein Betreiben unternommene Flottendemonstration der Großmächte gegen die Türkei verlief ganz resultatlos, und in der montenegrinischen wie in der griechischen Frage mußte G., nachdem die Beschlüsse der auf Englands Betrieb zusammengetretenen Berliner Nachkonferenz sich als unausführbar erwiesen hatten, die eigentliche Führung des europäischen Konzerts der deutschen Regierung überlassen. Noch übler gestaltete sich für ihn die ägyptische Sache, wegen der er, ohne in Ägypten selbst trotz der Intervention von 1882 Ordnung schaffen zu können, England schließlich mit allen europäischen Mächten verfeindete. Wesentlich trug hierzu seine feindliche Haltung gegen das Deutsche Reich bei. Die Isolierung Englands durch G. führte endlich dazu, daß es den Sudân den zuerst mit großen Opfern bekämpften Aufständischen preisgeben und in dem Konflikt mit Rußland wegen Afghanistans 1885 vollständig nachgeben mußte. G., der übrigens seit 1882 nur den Vorsitz im Kabinett hatte, behauptete sich bloß noch, weil seine Partei ohne ihn nicht bestehen konnte und deshalb im Parlament doch immer für ihn stimmte. Im Innern setzte G. 1885 eine Wahlreform durch. Da er aber sich mit den Radikalen im Kabinett über die irische Politik nicht einigen konnte, nahm er die Ablehnung eines Steuervorschlags im Parlament (8. Juni) zum Anlaß, am 11. Juli seine Entlassung einzureichen. Bei den infolge der Wahlreform nötig gewordenen Neuwahlen blieb das Ministerium Salisbury, das auf Gladstones Regierung gefolgt war, in der Minorität, und G. benutzte die erste Gelegenheit, um bei der Adreßdebatte das konservative Kabinett zu stürzen. Sein Einfluß verhalf 26. Jan. 1886 einem von Jesse Collings gestellten Amendement zur Adresse zur Annahme. Salisbury trat sofort zurück, und G. wurde im Alter von 76 Jahren noch einmal an die Spitze der Regierung berufen. Er war mit den Jahren immer radikaler geworden; in sein neues Ministerium traten die Führer der alten Whigpartei, Hartington, Forster, Goschen, seit langem gegen G. mißtrauisch, nicht mehr ein, und das demokratische Element herrschte darin vor; selbst ein eigentlicher Arbeiterführer, Broadhurst, wurde zum Unterstaatssekretär ernannt. Aber wie mit den Whigs, so überwarf sich G. auch mit einem Teil der Radikalen, als er zwei Gesetzentwürfe über die Regelung der irischen Frage einbrachte, deren erster den Irländern ein eignes Parlament in Dublin mit weitgehenden Befugnissen gewährte und dafür das Ausscheiden der Iren aus dem englischen Parlament anordnete, während der zweite den Ankauf des irischen Großgrundbesitzes durch den Staat und seine Parzellierung vorschlug. Die Folge war, daß sich die liberale Partei in die unbedingten Gladstonianer und die Unionisten spaltete und nach unerhört ausgedehnten und heftigen Debatten die erste der vorgelegten Bills bei der zweiten Lesung mit 30 Stimmen Mehrheit verworfen wurde. G. löste nun 26. Juni 1886 das Unterhaus auf. Aber trotzdem G., der "große alte Mann", wie ihn seine Anhänger nannten, den lebhaftesten Anteil