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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Graz

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Graz.

phagen mit Elfenbeinreliefs im Innern: daneben das Mausoleum Ferdinands II. (eine 1615 erbaute Grabeskirche in pompösem Barockstil), darunter die kaiserliche Familiengruft; die 1875 restaurierte spätgotische Stadtpfarrkirche, die gotische Leechkirche (1283 vom Deutschen Ritterorden erbaut, mit Glasmalereien, Stein- und Schlosserarbeiten) und die evangelische Kirche. Andre nennenswerte Gebäude sind: die kaiserliche Burg (einst Residenz der steiermärkischen Landesfürsten, jetzt Sitz der Statthalterei); das Landestheater auf dem Franzensplatz und das Stadttheater auf dem Karl Ludwig-Ring; das Landhaus, vom 15.-17. Jahrh. von italienischen Meistern erbaut, mit schönem Haupt- und prächtigem Zeughausportal (neben ersterm Rumortafel von 1588) und sehenswertem eisernen Brunnen im Arkadenhof; dabei das alte Landeszeughaus mit einer Sammlung alter Rüst- und Waffenstücke; das moderne Rathaus, der bischöfliche Palast, der Palast des Grafen Attems mit Gemäldesammlung, das Damenstift, sämtlich in der innern Stadt; das Kolosseum, die Reitschule, der Palast des Grafen von Meran, am linken Murufer. Neue, teilweise noch im Bau befindliche öffentliche Gebäude sind: die Universität, die technische Hochschule, das Justiz-, das Postgebäude, das städtische Schlachthaus u. a.

Die Bevölkerung der Stadt belief sich 1880 mit Militär (4910 Mann) auf 97,791 Seelen (darunter 2204 Protestanten und 1211 Juden). G., in der Mitte der großen Verkehrsstraße zwischen der Donau und dem Adriatischen Meer gelegen, hat bedeutende Industrie sowie lebhaften Handelsverkehr. Fabriken sind teils in G. selbst, teils in den nächstgelegenen Ortschaften (Vororten von G., so zu Algersdorf, Andritz, Baierdorf, Gösting etc.) vorhanden für Maschinenbau, Martinstahl, Schienen, Waggons, Parfümeriewaren, ätherische Öle, Stearinkerzen und Seifen, Zündwaren, Dampfmehl, Raffinadzucker, Kaffeesurrogate, Bier, Schaumwein, Spiritus, Tuch und Filz, Leder, Schuhwaren, Papier, Tischlerwaren u. a. Bekannte Handelsartikel von G. sind Zwiebacke, Schokoladen und die fetten steirischen Kapaune. Zur Beförderung des Handels und der Gewerbe bestehen eine Handels- und Gewerbekammer, eine Filiale der Österreichisch-Ungar. Bank, die Steiermärkische Eskomptebank, die steiermärkische Sparkasse mit Pfandbriefanstalt (Einlagen über 30 Mill. Gulden), eine Gemeinde- und eine Bezirkssparkasse (Einlagen 18,8, resp. 2,5 Mill. Guld.), eine wechselseitige Brandschadenversicherungsanstalt etc. Dem städtischen Verkehr dient eine Pferdebahn. Auch besitzt G. eine Gasanstalt und Wasserleitung. Für Wohlthätigkeits- und Humanitätszwecke gibt es viele Anstalten, unter denen wir hervorheben: die Landeskranken- und Gebäranstalt, das Irrenhaus auf dem Feldhof außerhalb der Stadt, das städtische Krankenhaus, das Bürgerspital, das Garnison- und das Priesterspital, das Kinderspital, mehrere Waisenhäuser. Die wichtigsten Lehr- und Erziehungsanstalten sind: die Karl Franzens-Universität (1586 gestiftet, 1817 nach 45jähriger Unterbrechung wiederhergestellt) mit (1885) 103 Lehrern und 1134 Studierenden sowie einer Bibliothek von 80,000 Bänden; die technische Hochschule, 1811 vom Erzherzog Johann als Landesmuseum (Joanneum) gegründet; das fürstbischöfliche Priesterhaus, eine theologische Diözesanlehranstalt u. Knabenseminar mit Privatgymnasium; Bildungsanstalten für Lehrer und Lehrerinnen, die Handelsakademie, 2 Obergymnasien, eine Ober- und eine Unterrealschule, ein Mädchenlyceum, eine Staatsgewerbeschule, eine Taubstummenanstalt etc. Außerdem sind vorhanden: ein Münz- u. Antikenkabinett, eine Bibliothek von 50,000 Bänden, interessante naturwissenschaftliche Sammlungen und ein großer botanischer Garten (nach der Abtrennung der technischen Hochschule am Joanneum verblieben) mit der Büste des Mineralogen Mohs, eine Gemäldegalerie, das Landesarchiv und mehrere Vereine (für Landwirtschaft, Gartenbau, Musik, Geschichte etc.), dann zwei Theater. An Klöstern bestehen in G. ein Franziskaner- (seit 1515), Minoritenkloster (seit 1526, mit einem prachtvollen Sommerrefektorium), ein Kloster der Barmherzigen Brüder (seit 1615), der Ursulinerinnen (seit 1686) mit einer Mädchenschule u. a., im ganzen 13. G. ist Sitz der Statthalterei, des Oberlandesgerichts und Landesgerichts, des Landtags und des Landesausschusses für Steiermark, der Finanz-Landesdirektion und eines Hauptzollamts, einer Postdirektion, eines Revierbergamts, einer Bezirkshauptmannschaft (Grazer Umgebung, die Stadt selbst hat eignes Gemeindestatut und autonome Verwaltung), des Korps- und des Landwehrkommandos und des Fürstbischofs von Seckau. Schöne Punkte in der nähern, von Villen und Landhäusern übersäeten Umgebung sind außer dem schon erwähnten Hilmteich: der Kalvarienberg im NO. der Stadt, das schöne Schloß Eggenberg mit prachtvollem Saal, Gemäldesammlung, Kapelle mit Denkmal der Gräfin Herberstein von Canova, ausgedehnten Parkanlagen und einer Kaltwasserheilanstalt, die Wallfahrtskirchen St. Florian, Maria Grün, Maria Trost, sämtlich an schönen Aussichtspunkten gelegen; ferner der Rosenberg mit der Platte, der Rainerkogl mit herrlicher Aussicht auf die Stadt, das Brünnl nächst dem Schlosse St. Martin, darüber der Buchkogl, Ruine und Schloß Gösting, vom Plabutsch überragt, Radegund mit Kaltwasserheilanstalt am Fuß des Schöckel und 12 km von G. das schöne Tobelbad (s. d.). In der Nähe von G. befindet sich auch die für Einzelhaft eingerichtete Männerstrafanstalt Karlau.

G. ist unstreitig sehr alt. Wahrscheinlich verdankte es seinen Ursprung der "Hengistiburg" auf dem hohen Schloßberg, welche als Vorort des Hengestgaues in der Thalebene "Hengestfeld" (89) um 1053-55 genannt wird. Als Pfalz der Traungauer oder Markgrafen von Steier erscheint die mit "Bayern" besiedelte Stadt (d. h. Pairisch-Gräz, slowen. Gradec, "Burgstadt", im Gegensatz zu Windisch-Gräz) urkundlich seit 1129. Die schon früher der Stadt erteilten bedeutenden Privilegien wurden 1281 von König Rudolf bestätigt und später noch wesentlich erweitert. Die Angriffe der Türken 1480 und 1532 wies die Stadt kräftig zurück. Seit Herzog Ernst dem Eisernen (gest. 1424) wurde G. der bevorzugte Hauptort und Regierungssitz der Habsburger von der ältern steiermärkischen Linie; das Gleiche war seit 1564 durch die Bildung der jüngern steiermärkischen Linie der Habsburger mit Erzherzog Karl II. als Begründer der Fall. Unter diesem wurde das alte Schloß oder die Burg von G. zu einer für die damalige Zeit starken Festung umgestaltet, welche lange auch das Gefängnis politischer Verbrecher abgab. Residenz Ferdinands II., als dieser noch Erzherzog war, ward G. auch dessen Begräbnisstätte. 1797 besetzten die Franzosen die Stadt, und Napoleon nahm hier für einige Zeit sein Hauptquartier. Im J. 1809 besetzten die Franzosen G. und belagerten vergeblich den Schloßberg, den Major Hackher heldenmütig verteidigte, und der ihnen erst im Wiener Frieden übergeben wurde. In neuester Zeit nahm