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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Großbritannien

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Großbritannien (Geschichte 1874-1877).

Die Herrschaft des konservativen Kabinetts Disraeli-Beaconsfield.

Die Parlamentssessionen von 1874 und 1875 verliefen ruhig. Die neue Regierung, so sehr sie auch die vorige bekämpft hatte, trat im wesentlichen in ihre Fußstapfen; keine ihre Maßregeln unterschied sich bedeutend von denen des vorigen Kabinetts oder bahnte etwa gar die gefürchtete konservative Reaktion an. Gladstone legte 1875 die Führerschaft der liberalen Partei nieder; sein Nachfolger in derselben wurde der Marquis von Hartington. Nach Schluß der Session von 1874 erfolgte eine Erweiterung des britischen Kolonialgebiets, indem demselben 26. Sept. die Fidschiinseln auf den Wunsch ihrer Häuptlinge einverleibt wurden. Wichtiger war, daß 1875 ein Umschwung in der auswärtigen Politik eintrat, mit deren Leitung durch das Ministerium Gladstone die öffentliche Meinung besonders unzufrieden gewesen war. Die Fortschritte Rußlands im innern Asien erregten trotz der beruhigenden Versicherungen der russischen Regierung in G. steigenden Argwohn. Der Aufstand der Herzegowina im Sommer 1875 und die schlechte Lage der türkischen Finanzen erweckten neue Zweifel an der Lebensfähigkeit der Türkei, dieses Schoßkindes der englischen Politik. Da griff Disraeli im November 1875 zu und verstärkte durch den Ankauf eines großen Teils der Suezkanalaktien die Stellung Englands in Ägypten; er sicherte dadurch demselben die nächste Verbindung mit Indien, nachdem Derby Frankreich an jenem Ankauf durch Drohungen gehindert hatte. Auch die 1871 begonnene Reform des Landheers wurde wieder in Angriff genommen, um die Wehrhaftigkeit des Reichs zu erhöhen. In diesem Zusammenhang gewann auch die Reise nach Indien, welche der Prinz von Wales 11. Okt. 1875 angetreten hatte, erhöhte Bedeutung. Der großartige Empfang, der ihm auch von den eingebornen Fürsten bereitet wurde, zeigte der Welt, wie fest gewurzelt hier die britische Herrschaft sei. Demnächst beseitigte die Regierung den Vizekönig von Indien, Lord Northbrook, und ersetzte ihn (März 1876) durch den konservativen Lord Lytton. Im Beginn der am 8. Febr. 1876 eröffneten Parlamentssession wurde weder der Anschluß der Regierung an die Andrássysche Note über Reformen in der Türkei noch der Ankauf der Suezkanalaktien energisch bekämpft; auch die Opposition bewilligte 19. Febr. den Kaufpreis von 4 Mill. Pfd. Sterl., ohne eine Abstimmung zu verlangen.

Um so heftigere Debatten rief die von Disraeli 17. Febr. eingebrachte Bill hervor, durch welche die Königin ermächtigt wurde, mit Bezug auf die seit 1858 in die Herrschaft der Krone übergegangenen Besitzungen der Ostindischen Kompanie eine ihr passend erscheinende Erweiterung ihres Titels anzuordnen. Jedermann wußte, obgleich dies erst 9. März offiziell zugegeben wurde, daß der in Aussicht genommene neue Titel der einer Kaiserin von Indien sei. Im Land war der neue Titel wenig populär; in der Presse wie im Parlament wurde betont, daß England unter dem historischen Königtum groß geworden sei und keine Veränderung desselben wolle. Nachdem Disraeli diesen Einwendungen gegenüber versprochen hatte, die Königin werde den Kaisertitel unter keinen Umständen in England selbst oder in englischen Angelegenheiten führen, wurde das Gesetz 23. März in dritter Lesung mit 209 gegen 134 Stimmen angenommen, und 1. Mai erfolgte in England die Proklamation des neuen Titels. In Indien wurde der neue Titel unter glänzenden Feierlichkeiten erst 1. Jan. 1877 verkündet. Die wichtigste Maßregel auf dem Gebiet der innern Gesetzgebung war die von Lord Sandon 18. Mai eingebrachte Erziehungsbill, welche den Schulzwang in einer den Ansprüchen der liberalen Partei freilich nicht genügenden Weise erweiterte. Erst in der zweiten Hälfte der Session traten die orientalischen Angelegenheiten in den Vordergrund. Im Mai hatten die Kanzler der drei Kaisermächte in Berlin ein Memorandum entworfen, welches die Pforte zwingen wollte, bestimmte Garantien für die Erfüllung ihrer den Christen gegenüber eingegangenen Verpflichtungen zu geben. Frankreich und Italien willigten ein, diese Vorschläge zu unterstützen; G. aber lehnte aufs entschiedenste jede Mitwirkung zu dieser Maßregel ab. Damit trat die orientalische Politik Englands zu der der Kaisermächte in den entschiedensten Gegensatz; sie schien einen Triumph zu feiern, als 30. Mai durch einen aller Wahrscheinlichkeit nach von dem englischen Botschafter Sir H. Elliot in Konstantinopel unterstützten Aufstand der russischen Einflüssen zugängliche Sultan Abd ul Asis gestürzt und Murad V. auf den Thron erhoben wurde, unter welchem Midhat Pascha und der englische Botschafter zu maßgebendem Einfluß gelangten, während die englische Flotte in der Besikabai zu gunsten der Pforte gegen die Kaisermächte demonstrierte. Weder durch die Aufregung, welche in G. durch die Berichte über die von den Türken bei der Unterdrückung des bulgarischen Aufstandes verübten Greuel entstand, noch durch den am 1. Juli erfolgten Ausbruch des Kriegs, den Serbien und Montenegro mit Beihilfe Rußlands gegen die Türkei führten, ließ sich Disraeli in seiner orientalischen Politik irre machen, die trotz alles Ableugnens doch einer wenigstens moralischen Unterstützung der Türkei gleichkam. Mit dem Schluß der Session 15. Aug. war die Regierung der unbequemen Kontrolle des Parlaments überhoben; am folgenden Tag stattete die Königin Disraeli durch seine Ernennung zum Earl of Beaconsfield den Dank für den Kaisertitel ab, den er ihr verschafft hatte.

Die Parlamentssession von 1877 wurde 8. Febr. eröffnet. Abgesehen von den mit der Orientfrage zusammenhängenden Debatten, war sie trotz ihrer langen Dauer außerordentlich unfruchtbar. Teilweise waren daran die ungemein zeitraubenden Bemühungen mehrerer irischer Abgeordneten, der sogen. Obstruktionisten (s. d.), schuld, welche sich bestrebten, die Debatten in die Länge zu ziehen und die Erledigung der Geschäfte systematisch zu hintertreiben. Nur ein wichtiges Gesetz für Irland, durch welches die irische Gerichtsverfassung mit der englischen in Übereinstimmung gebracht ward, kam zu stande; der jährlich wiederkehrende Homerule-Antrag wurde mit 417 gegen 67 Stimmen abgelehnt. Was England betrifft, so gingen ein Universitätsgesetz, welches Reformen in der veralteten Verfassung der Universitäten Oxford und Cambridge einführte, und ein Gesetz über die Reorganisation des Gefängniswesens durch. Für die koloniale Politik Englands waren die auch das Parlament lebhaft beschäftigenden Vorgänge in Südafrika von großer Bedeutung. Hier ward im April 1877 durch einen Akt von höchst zweifelhafter Rechtmäßigkeit, nämlich die Annexion der Transvaalrepublik (s. Transvaal), das britische Kolonialgebiet in Afrika bedeutend erweitert. Vergebens bekämpften einige radikale Mitglieder des Unterhauses das Vorgehen der Regierung des Kaplandes, das Ministerium erklärte im Sommer 1877 die Annexion für unwiderruflich. So bemächtigte