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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Handarbeiten, weibliche

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Handarbeiten, weibliche (Geschichtliches).

Dieses eigentlich künstlerische Element der weiblichen Handarbeit war im Lauf unsers Jahrhunderts in Verfall geraten. Die guten alten Traditionen weiblicher Kunstarbeit waren erloschen. Wir haben hinreichende Notizen über die hohe Entwickelung, welche die Stickerei unter den Händen kunstsinniger Frauen im Altertum und im Mittelalter gewonnen hatte. Fertigkeit in derselben galt als höchster Schmuck der Frauen. In den Frauenhäusern der mohammedanischen Höfe, selbst im Gynäkeion der byzantinischen Kaiser hatte sich die Bereitung der Kleider zu einer Art von hoher Luxusindustrie entwickelt; das Hôtel de Tiraz in Palermo versorgte die europäischen Höfe. Die prachtvollen Arbeiten der christlichen Klöster sind bekannt. England (opus anglicanum) war hochberühmt, ganz Niedersachsen ist reich an solchen Werken. Aber auch in der häuslichen Arbeit war es Ehrensache jedes Mädchens, den Schmuck seiner Ausstattung, wenn nicht das ganze Material derselben selbst geschaffen zu haben. Ein ähnlicher Zustand besteht im Orient und in den halbzivilisierten Ländern, z. B. in Rußland und an der Donau, bis zum heutigen Tag. Dort lebt die Kunststickerei traditionell in den Familien mit einem bestimmt abgegrenzten Formenkreis von Mustern fort. Formen und Farben werden durch jahrhundertelange Übung so sicher beherrscht, daß ein Fehlgreifen fast nicht möglich ist, so daß selbst ungeschickt ausgeführte Stücke von roherer Arbeit einen künstlerischen und malerischen Reiz behalten, welcher dieselben unsern heutigen Kunstfreunden und Museen wertvoll erscheinen läßt. In dem zivilisierten Europa hat im Anfang unsers Jahrhunderts die weibliche Handarbeit nicht nur durch die Maschine ihr Arbeitsgebiet verloren, sondern sie hat auch zugleich ihre Tradition in Muster- und Farbenbehandlung eingebüßt, da dieser Umschwung zusammenfiel mit der Periode des Klassizismus und der Nachahmung griechisch-römischer Formenreinheit. Das Ideal jener Zeit war eine möglichst farblose Erscheinung in ganz glatten, lichten Stoffen ohne jegliche Verzierung, und somit wuchs eine Generation auf, welche ohne Erziehung des Formen- und Farbensinns blieb und welche die alte Geschicklichkeit so gut wie ganz verlor. An die Stelle der vielgestaltigen alten Kunststickerei traten mit fast alleiniger Herrschaft die mehr mechanischen Arten der Stickerei, vor allen der Kreuzstich, welcher auf gegebener Grundlage nach gegebenen Mustern arbeitet und jede selbständige Bildung der Form ausschließt. Innerhalb der Muster hatte die ornamentale Kunst jeden Halt verloren und verwechselte bildliche Darstellung mit Ornamentation. Man verfiel in groben Naturalismus und glaubte nichts Besseres thun zu können, als Blumen und Blätter möglichst getreu und plastisch nach der Natur zu zeichnen oder auch bildliche Darstellungen, welche die gleichzeitige Malerei hervorbrachte, direkt für Stickereien zu verwerten. Aus jener Zeit stammen die vielberufenen gestickten Teppiche, welche einem zumuteten, auf romantischen Liebesabenteuern, Löwenjagden oder Palmenwäldern herumzutreten, welche mit zackig gebrochenen Linien die ursprünglichen schönen Formen der natürlichen oder künstlerischen Vorbilder entstellten und schließlich durch schreiend bunte Farben die Hauptwirkung zu erreichen suchten.

Gegen diese Geschmacklosigkeit erhob sich zuerst eine Strömung innerhalb der katholischen Kirche, welche durch derartige Handarbeiten, die frommer Sinn als vermeintlichen Schmuck der Altäre bestimmt hatte, den ruhigen Charakter des Gotteshauses gefährdet sah. In den rheinischen Klöstern "zum armen Kind Jesu" wurden Stickschulen errichtet, welche nach erhaltenen alten Vorbildern Paramente für den kirchlichen Gebrauch herstellten. Hieran schlossen sich innerhalb der Gemeinden Paramentenvereine, die für gleiche Zwecke thätig waren und es sich angelegen sein ließen, nach streng stilisierten guten Vorbildern zu arbeiten und auch die verlornen alten guten Kunstweisen wieder aufzunehmen. Dieser Bewegung schloß sich auch die protestantische Kirche an, wenngleich bei ihr der Bedarf an derartigen Schmuckstücken ein sehr viel geringerer ist. Die Verbreitung guter Muster und Vorbilder für weltliche Arbeiten fällt zusammen mit den allgemeinen Bestrebungen für die Hebung des Kunstgewerbes. Man sammelte nun in den Gewerbemuseen als Vorbilder vornehmlich ältere mustergültige Arbeiten, vor allen auch die Arbeiten des Orients, welche in unverwüstlicher Frische die guten alten Formen und Farbensätze bewahrt haben, und stellte diesen unendlichen Reichtum der verschiedenen Kunstweisen und Formen der Verarmung unsrer Tage gegenüber. Das Österreichische Museum in Wien hat direkt eine Schule für w. H. gegründet (Frau Bach). In London besteht seit 1872 die Royal School of art needlework, deren Leistungen auf der Pariser Ausstellung von 1878 die allgemeinste Bewunderung erregten. In ähnlicher Weise hat auch der Badische Frauenverein eine Abteilung für w. H. gebildet. In Nürnberg, in München und vielen andern Orten sind teils Vereine, teils größere Kunstateliers, an welche sich Schulen anschließen, in ähnlicher Weise thätig. In Berlin umfaßt der Lette-Verein alle Zweige weiblicher Fortbildung. Als mächtige Förderer treten jetzt auch die Zeitschriften ("Die Modenwelt", "Der Bazar") ein, welche an Stelle der frühern Modeblätter jetzt das ganze Gebiet weiblicher Handarbeiten umfassen. Die Veröffentlichung mustergültiger alter Werke hat an dieser Fortbildung einen wichtigen Anteil. Neben der eigentlichen Nadelarbeit steht noch als sehr wichtiger Teil die Spitzenklöppelei. Dieselbe wird als Hausindustrie in vielen Teilen von Belgien, Frankreich, Deutschland und der Schweiz betrieben. In neuerer Zeit sucht man die verschiedenen Arten grober, bäuerlicher Spitzen wieder zu beleben, so in Rußland, Norwegen, Holstein, Irland. Die Spitzenklöppelei hat jetzt überall den Charakter einer ausgebildeten Industrie, welche nicht sowohl für den Hausbedarf als vielmehr für kaufmännischen Vertrieb nach gegebenen Mustern thätig ist und sich Gebirgsgegenden mit einer billig lebenden Bevölkerung aufsucht, welche diese Arbeit in den Nebenstunden der sonstigen Hausarbeit ausführt. Eine wirkliche Erweiterung sucht man der weiblichen Handarbeit neuerdings nach der Seite der ornamentalen Malerei hin zu geben. Hier ist leitend gewesen A. v. Zahn mit seinem "Musterbuch für häusliche Arbeiten" (Leipz. 1870-73, 3 Tle.), welches besonders die Holzmalerei für Ausstattung von Kästchen, Tischen und anderm Luxusgerät gefördert hat. Dazu vgl. Teschendorff, Musterblätter für Holzmalerei (Berl. 1882). Das Malen auf Seide, Porzellan, Majolika (in England gibt es hierfür eine Ladies' Association), das Ätzen in Stein und Zinn sind sämtlich Gebiete, auf welchen sich das einzig lebensfähige Element aller modernen Handarbeit, das künstlerische, bei mäßigen Ansprüchen an die Begabung des Einzelnen vorteilhaft entfalten kann. Reiches Material bietet sich hierzu in folgenden Werken: Bock, Album mittelalterlicher Ornamentstickerei (Köln 1866); "Originalstickmuster der