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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Hebräische Litteratur

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Hebräische Litteratur.

christlichen Alexandrinismus, die ins Christliche übertragene Weltanschauung Philos (s. d.) nennen könnte. Bestimmt ist die Abhandlung für Judenchristen, deren Neigung zu den ererbten Formen und altgewohnten Anschauungen aufgeboten wird, um sie im Christentum alle bekannten Gestalten, alle vertrauten Hoffnungen in der Gestalt der Erfüllung wiederfinden zu lehren und dadurch zu bewegen, dem Judentum, welches nur Schatten und Vorbild kennt, endgültig den Abschied zu geben. Geschrieben ist der Brief an die Hebräer nach der gewöhnlichen Annahme um 66, nach andern erst gegen Ende des 1. Jahrh. Kommentare zu dem H. lieferten: Bleek ("Der Brief an die Hebräer, erläutert durch Einleitung, Übersetzung und fortlaufenden Kommentar", Berl. 1828-40, 2 Bde., und "Der H. erklärt", hrsg. von Windrath, Elberf. 1868), Riehm ("Der Lehrbegriff des Hebräerbriefs", neue Ausg., Basel 1867), De Wette (3. Aufl., hrsg. von Möller, Leipz. 1867), Lünemann (4. Aufl., Göttingen 1878) und Keil (Leipz. 1885).

Hebräische Litteratur, die alte Nationallitteratur der Hebräer, von der zwar nur ein verhältnismäßig geringer Teil auf die Gegenwart gekommen ist, die aber durch den außerordentlichen Einfluß, welchen sie auf die christlichen und islamitischen Völker geübt hat, eine welthistorische Wichtigkeit erster Größe erlangt hat und noch jetzt vielfach, mit den neutestamentlichen Schriften zusammen, geradezu als die klassische Litteratur des religiösen Geistes überhaupt gilt. In der That zieht sich die religiöse Ader so reich und voll schlagend wie kaum bei einem andern der alten asiatischen und afrikanischen Religionsvölker durch alle diese Bücher, mögen sie Gesetz und Lehre, oder Poesie und Weisheit, oder Sage und Geschichte enthalten; insofern sind in gewissem Sinn alle Erzeugnisse dieser Litteratur gleichförmig. An die Spitze der hebräischen Litteratur wird herkömmlicherweise Moses (s. d.) gestellt, und in der That beginnen seit seiner Zeit wenigstens Spuren schriftlicher Aufzeichnungen. Was schriftlich aufbewahrt werden sollte, z. B. die Gesetztafeln, wurde in Stein oder Holz eingegraben; aber selbst im Zeitalter Davids war eigentliche Schriftstellerei noch etwas Seltenes. Die für älter gehaltenen Schriften der Hebräer verraten sich durch Inhalt, Darstellung und sprachlichen Charakter als spätern Ursprungs. Die vorhandenen Reste der althebräischen Litteratur sind demzufolge innerhalb eines 900jährigen Zeitraums, zwischen David und den Makkabäern, entstanden (s. Hebräische Sprache), waren aber großenteils vorbereitet durch alte Sagen und Lieder, einzelne Nachrichten, Inschriften, Satzungen u. dgl. Wie bei allen Völkern, so ist auch bei den Hebräern die Poesie älter als die Prosa. Die ganze alte Geschichte Israels, wie sie uns vorliegt in den losen Sagen der Heldenvorzeit, und wie sie sich in den idyllischen Gemälden patriarchalischer Zustände abspiegelt, läßt uns einen wunderbaren Reichtum poetischer Empfindung und Darstellung ahnen. Reste davon haben sich erhalten im sogen. Pentateuch und den Geschichtsbüchern des Alten Testaments, sofern hier einzelne poetische Stücke, wie das "Brunnenlied" (4. Mos. 21) und das Lied der Deborah (Richt. 5), auch Spuren der Fabel und des Rätsels (Jotham und Simson) eingestreut sind. Ausdrücklich wird auf frühere Sammlungen verwiesen, die verloren gegangen sind, wie das "Buch der Kriege Jahvehs (Jehovahs)", das "Buch der Redlichen", das "Buch der Spruchdichter" etc. Die geistige Kultur hob sich besonders unter Samuel, namentlich durch die Errichtung der Prophetenschulen, in denen die Propheten heranwuchsen. Daß jedoch auch fern von diesen Schulen, bei den Beschäftigungen des Hirtenlebens, der Gesang gepflegt wurde, beweist David, der auch auf dem Thron die Liebe für die Poesie bewahrte. Von ihm haben sich teils in den Geschichtsbüchern, teils in der Psalmensammlung einige wenige Lieder erhalten; ihrer ungleich mehr sind ihm später zugeschrieben worden. Durch ihn angeregt, traten später mehrere reich begabte Psalmendichter auf, unter welchen besonders Assaph und die Söhne Korahs hervorragen. Salomo war populärer Philosoph und Gnomendichter, für die Spruchdichtung genau das, was sein Vater für das Lied. Nach seinen Zeiten entstanden auch das erotische Idyll und das Lehrgedicht, und die Jahrhunderte der Königsherrschaft zeigen auch den Anfang der Geschichtschreibung.

Im allgemeinen kann man die verschiedenen Erzeugnisse der hebräischen Litteratur nach Form und Inhalt folgendermaßen klassifizieren: Gesetz, Prophetie, Geschichte, Lyrik, Spruchdichtung und Lehrgedicht. Das Gesetz oder die festen Einrichtungen des israelitischen Gottesstaats sind in den fünf Büchern Mosis oder dem Pentateuch (s. d.) niedergelegt, entstanden in und seit der spätern Königszeit, endgültig redigiert erst durch und seit Esra. Die Prophetie umfaßt die Vorträge und Reden der als Ratgeber der Könige, als warnende, strafende und tröstende Leiter und Seelsorger des Volkes besonders in den Zeiten des Abfalls und des Unglücks thätigen Männer, welche, nachdem sie in den Zeiten eines Nathan und Gad, eines Elias und Elisa eine politische Führerrolle geübt hatten, später mehr schriftstellerisch thätig waren (s. Prophet). Ihre Reden bilden eine Art von rhetorischer Lyrik, die improvisatorisch vorgetragen wird, aber sich oft zum höchsten Schwung erhebt. Die Geschichte erscheint teils als poetische Sage, teils als historische Leistung. Die mythischen Zeiten vor Samuel und David sind unter Zugrundelegung der oben genannten verlornen Quellen in der Genesis, zum Teil auch in den übrigen Büchern Mosis, in Josua, dem Buch der Richter und in Ruth dargestellt. Die spätere Geschichtschreibung ist in der Form der Bücher Samuels, der Könige und der Chronik, mit welch letztern wieder die Bücher Esra und Nehemia zusammenhängen, auf uns gekommen, ruht aber auf dem Grunde der ältern Reichsannalen, auf welche sie sich durchweg bezieht. Die hebräische Poesie teilt im allgemeinen den Charakter der westasiatischen. Sie kennt weder eine künstliche Mischung der Silben, wie die griechisch-römische, noch den Klang der Reime, wie die romanische und germanische Poesie; höchstens sind Anfänge von Strophenbau bemerkbar. Dagegen ersetzt sie den Mangel der äußern Symmetrie durch den sogen. "Parallelismus der Glieder", dessen Wesen darin besteht, daß mehrere, meist zwei, Sätze oder Satzglieder so nebeneinander gestellt werden, daß sie dem Sinne nach sich irgendwie entsprechen, ergänzen oder ausschließen. In dieser Urgestalt begegnet uns die hebräische Poesie in den einfachen Sprüchen, deren die sogen. Sprüche Salomos und die ursprünglich gleichfalls der hebräischen Litteratur angehörige, jetzt nur noch griechisch vorhandene Spruchsammlung des Jesus ben Sirach viele enthalten. Aber schon diese Bücher bieten auch ganze Ketten von innerlich zusammenhängenden Sentenzenreihen, und im Buch Hiob begegnet uns ein vollständiges, der Auflehnung wider die ererbte Vergeltungslehre gewidmetes Lehrgedicht in dialogischer Form mit lyrischen Einlagen und epischem Prolog und Epilog. Der Grundcharakter der hebräischen Poesie