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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Herakles

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Herakles (Verbreitung seines Kultus).

die Gastfreundschaft des Keyx genoß. Unterwegs tötete er am Fluß Euenos den Kentauren Nessos, welcher der Deïaneira Gewalt anthun wollte und sich sterbend rächte, indem er der Deïaneira von seinem geronnenen Blut gab, um daraus nach seiner Angabe eine Zaubersalbe zu bereiten, welche ihr jederzeit die Liebe ihres Gatten sichern würde. Von Trachis aus bekämpfte H. zuerst die Dryoper und stand dem dorischen König Ägimios gegen die Lapithen bei; dann hatte er seinen berühmten Zweikampf mit Kyknos, einem Sohn des Ares, welcher in dem Hesiodischen Gedicht "Der Schild des H." geschildert ist. Endlich nahte das Ende des Helden, das gewöhnlich mit seinem Rachezug gegen den wortbrüchigen Eurytos (s. oben) in Verbindung gebracht wird, und das wir am besten aus der meisterhaften Darstellung in Sophokles' "Trachinierinnen" kennen. Die Stadt Öchalia wird erobert, Eurytos getötet; die schöne Iole aber führt H. gefangen mit sich fort. Auf dem Vorgebirge Euböas, Kenäon, errichtete er dem Zeus einen Altar und sandte seinen Waffengefährten Lichas aus, ihm ein weißes Gewand zum Opfern zu holen. Deïaneira erfuhr zu ihrer Freude von Lichas, daß H. siegreich gewesen und auf der Heimkehr begriffen sei. Zugleich brachte ihr dieser die schöne Iole mit. Eifersüchtig, wollte Deïaneira die Salbe des Nessos versuchen, um sich des Gatten Liebe zu bewahren, bestrich mit jener das verlangte Opfergewand und schickte es ihm zu. Kaum war dasselbe auf dem Leib des H. warm geworden, so drang das in der Salbe enthaltene Gift, das von des Helden vergiftetem Pfeil herrührte, zerstörend in den Körper des Unglücklichen ein. Wie von Wahnsinn erfaßt, schleudert er den Überbringer Lichas an einen Felsen des Meers und läßt sich dann nach Trachis bringen, wo Deïaneira in der Verzweiflung sich inzwischen das Leben genommen hatte. H. aber, von seiner Rettungslosigkeit überzeugt, baute sich auf dem nahe gelegenen Öta einen Scheiterhaufen, bestieg denselben und befahl jedem Vorübergehenden, Feuer darunter zu werfen. Alle scheuten sich, dies zu thun; endlich erfüllt ein Hirt, Poias, der Vater des berühmten Bogenschützen Philoktet, nach andrer Erzählung der letztere selbst, seinen Willen, wofür ihm H. Bogen und Pfeile schenkt. Kaum aber lodert die Flamme empor, so senkt sich unter Blitz und Donner eine Wolke vom Himmel und führt den verklärten Helden zum Olymp empor, wo er, unter die Unsterblichen aufgenommen und mit Hera ausgesöhnt, als Gatte der ewig jungen Hebe fortan lebt. Zwei Söhne, Alexiares und Aniketos, werden die Frucht ihrer Verbindung. Homer erzählt über das Ende des H. nur, daß auch ihn, den gewaltigen Sohn des Zeus, das Todeslos bändigte; von der Vergötterung des Helden weiß er noch nichts.

Gleich nach seinem Scheiden von der Erde wurde H., wie die Sage berichtet, von seinen Freunden auf der Brandstätte durch ein Opfer als Heros verehrt, worin ihnen alsbald die Nachbarn und allmählich das gesamte Hellenenvolk folgte. Als einem Gott opferte ihm zuerst der Athener Diomos und später alle Griechen, so daß ihm an verschiedenen Orten zugleich Heroen- und Götteropfer dargebracht wurden. In Athen war sein Heiligtum das sogen. Kynosarges; einen der ältesten und berühmtesten Tempel hatte er zu Bura in Achaia. Auch feierte man ihn durch Kampfspiele; die ihm gewidmeten Feste hießen Herakleen, und es gab solche zu Sikyon, Theben, Lindos, auf Kos etc. Zu Athen wurden ihm zu Ehren unter Scherzen und Späßen die Diomeen gefeiert. Auch in Italien hatte Hercules (Umformung des griech. H.) einen ausgebreiteten Kultus; dort knüpft die Sage an seinen Zug nach Westen gegen Geryon an. Namentlich in Rom hatte er unter verschiedenen Beinamen zahlreiche Tempel und Heiligtümer. Wahrscheinlich war durch den Einfluß Großgriechenlands der Kultus des griechischen H. mit dem eines altitalischen Heros ähnlichen Charakters (als dessen Name Garanus angesehen worden ist) zusammengeschmolzen. Auch nach Sizilien, Corsica, Sardinien, Spanien (Gades) wurde der Herakleskult (vielleicht schon durch die Phöniker) verpflanzt. Bei den Sabinern hieß er Semo oder Semo Sancus, und unter diesem Namen war ihm zu Rom schon in uralter Zeit ein Tempel geweiht. Heilig waren ihm die Silberpappel, der Ölbaum, der Eppich und die warmen Quellen.

Während der griechische H. sich durch die Mühseligkeiten des Menschenlebens zu göttlicher Würde emporarbeitet, tritt der orientalische H. gleich von Anfang an als Gott auf und ist demnach auch ungleich älter als der Sohn der Alkmene. Der ägyptische Name des H. war Som oder Dsom, sein Vater Ammon (Zeus). Er wird als stark und tapfer geschildert, soll die Erde weit und breit durchwandert und sie von Ungeheuern gereinigt haben. Er galt den Ägyptern als Sinnbild der Sonne, der "stets ringenden und endlich immer wieder siegenden Sonnenkraft". (Vgl. Raoul Rochette in den "Mémoires de l'académie des inscriptions", XVII, 2, 303 ff.) Den Sonnengott H. feiert auch der orphische Herakleshymnus, nach welchem der unermüdliche Gott zwölf Kämpfe von Morgen nach Abend vollendet (symbolische Darstellung des Durchganges der Sonne durch die zwölf Zeichen des Tierkreises). Der tyrische oder phönikische H. heißt Melkart ("König der Stadt"), sein Vater Demaroon, Halbbruder des Kronos, und seine Mutter Asteria (Astarte), seine Tochter Karthago (vgl. Movers, Die Phönikier, Bd. 1, S. 431 ff., Bonn 1841). Er und Astarte waren die großen Nationalgottheiten der Phöniker, H. insbesondere Schirmvogt des großen Tyros. Mit den Fahrten der Phöniker verbreitete sich sein Kult auch in die Ferne. Auch der phönikische H. ist Sonnenkönig, Fürst des Weltalls, der die Pole umfährt und den Sohn der Zeit, das zwölfmonatliche Jahr, in steten Kreisen mit sich führt, dann aber auch Handelsgott. Sein Dienst dauerte auch unter der römischen Herrschaft bis gegen Konstantins d. Gr. Zeit hin fort. Verwandt mit diesem ist der assyrische H. (als Gott Sandan oder Sandon genannt), dessen Verbrennung, um zu einem neuen Leben aufzuerstehen, sogar höchst wahrscheinlich Veranlassung gab zu der Selbstverbrennung des griechischen H. auf dem Öta. (Vgl. O. Müller, Kleine Schriften, Bd. 2, S., 100 ff.) Beiden ähnlich, vielleicht identisch mit ihnen, war der thasische, wie auch der idäische Daktyl H. mit beiden vielfach verwandt erscheint. Er stammte aus Kreta, war Zauberer, aber auch Feldherr, galt bei den Kretern als Sohn des Zeus von einer unbekannten Mutter und war ebenfalls viel älter als der Sohn der Alkmene. Unüberwindliche Körperstärke, Wanderungen über die ganze Erde, Vertilgung der Ungeheuer werden auch ihm zugeschrieben. Die Sagen von einem indischen H., d. h. von einem H., der bis nach Indien vorgedrungen sei, tragen das Gepräge des später dorthin gedrungenen griechischen Mythus. Ferner wird ein persischer H., Namens Sam Dew ("Dämon Sam"), genannt, der in den Zendbüchern eine große Ähnlichkeit mit dem griechischen H. zeigt. Er ist Kämpfer im Reich des Lichts und der Gerechtigkeit. Der von Tacitus erwähnte germanische H. ist ein germani-^[folgende Seite]