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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Herbart

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Herbart.

und dessen Nachfolger vererbt hat, sind "mythologische Wesen". Gefühle und Strebungen sind nur Zustände der Vorstellungen, nicht primitive Vorgänge; jene drücken eine "Klemme" des Vorstellens aus, diese das Aufstreben der Vorstellung gegen Hindernisse. Vorstellungen lassen sich als Kräfte, das gesamte psychische Leben läßt sich als ein Ergebnis der Wechselwirkung von Vorstellungen als Kräften betrachten, wobei der Inhalt der Vorstellung (ihr Was) als unveränderlich, dagegen der Klarheitsgrad derselben (ihr Wie, die Stärke ihres Vorgestelltwerdens) als veränderlich angesehen wird. Dadurch wird der Grund gelegt zu einer Statik und Mechanik des psychischen Lebens, welche die Anwendung der Mathematik auf Psychologie gestattet und dieselbe zum Rang einer exakten Wissenschaft erhebt. Verdunkelung und Wiedererhellung (Vergessen und Erinnern), Association und allmähliche Umbildung der Vorstellungen von den elementarsten bis zu den reichsten und kompliziertesten Bewußtseinsphänomenen (z. B. der Ichvorstellung) lassen sich auf diesem Weg festen Naturgesetzen unterordnen und durch die Anwendung der Mathematik auf Psychologie Aussichten auf eine "Physiologie der Seele" eröffnen. Wie durch die Wechselwirkung der Vorstellungen im Bewußtsein des Einzelnen zur Psychologie des Individuums, so wird durch die Wechselwirkung derselben im gemeinsamen Bewußtsein mehrerer zur Psychologie der Gesellschaft (Völkerpsychologie) der Grund gelegt, in deren weiterer Ausdehnung eine Psychologie der Menschheit als Betrachtung der Gesellschafts- und Menschheitsentwickelung nach psychologischen Naturgesetzen möglich wird. Unter den ästhetischen Begriffen, welche Gefallen oder Mißfallen nach sich ziehen und welche, wenn letzteres unbedingt und das Gefallende oder Mißfallende Gegenstand einer wirklichen Beurteilung und nicht eines bloßen Gefühls sein soll, nur Begriffe von Formen (Verhältnissen) sein können, machen diejenigen, welche sich auf das Wollen beziehen (ethische Begriffe), den Umfang der Ethik (praktischen Philosophie), jene, welche sich auf andre Objekte (Töne, Farben etc.) beziehen (ästhetische Begriffe im engern Sinn), den Umfang der Ästhetik im engern (gewöhnlichen) Sinn aus. Jene, die unbedingt wohlgefälligen und mißfälligen Willensverhältnisse oder praktischen Ideen, stellen für das menschliche Wollen Musterbilder dar, deren Nachahmung nicht (etwa durch einen kategorischen Imperativ) geboten, aber durch den unausbleiblichen Selbsttadel, der jede Abweichung des eignen Wollens von denselben trifft, dem Einzelnen, der sich vor innerm Zwiespalt bewahren will, auf die Dauer fast unausweichlich gemacht wird. Dieselben zerfallen, je nachdem nur ein oder (höchstens) zwei oder unbestimmt viele wollende Wesen zu ihrer Realisierung erforderlich sind, in praktische Einzel- und gesellschaftliche Ideen. Jene umfassen die Vollkommenheit, innere Freiheit, das Wohlwollen, Recht und Billigkeit, deren Gesamtheit das Musterbild der Tugend, diese die Rechtsgesellschaft, das Lohnsystem, Verwaltungssystem, Kultursystem und die beseelte Gesellschaft, deren Gesamtheit das Musterbild einer sittlich organisierten Gesellschaft darstellt, deren Verwirklichung des erstern für das Individuum, des letztern für die Gesellschaft sittliche Pflicht ist. Über die Ästhetik im engern (gewöhnlichen) Sinn hat H. nur Andeutungen gegeben. Dagegen hat er diejenige Kunstlehre, welche zu ihrer Voraussetzung die Psychologie, zu ihrem Ziel die Realisierung des Tugendideals hat, die Pädagogik, im sorgfältigen Anschluß an seine Umgestaltung beider genannten Wissenschaften nicht nur theoretisch dargestellt, sondern auch praktisch (während seines Aufenthalts in Königsberg) durch Errichtung einer Übungsschule in Anwendung gebracht. Grundlage derselben wird die Einteilung der gesamten Erziehung in Regierung, Unterricht, Zucht, von welchen die erste mehr einen bloß abwehrenden, Unterricht und Zucht aber in ihrer untrennbaren Verschmelzung als erziehender (nicht bloß Kenntnisse beibringender, sondern charakterbildender) Unterricht einen positiv fördernden Charakter tragen, die Basis des Unterrichts aber den Grundsätzen seiner Psychologie (und zugleich den durch Pestalozzi empfangenen Anregungen) gemäß die Anschauung ausmacht.

Keine der nach Kant aufgetretenen Schulen hat an dem Grundzug desselben, der Trennung der theoretischen von der praktischen Philosophie, so streng festgehalten wie H. Diesem Umstand ist es zu verdanken, daß sowohl seine Metaphysik von der Einmischung ethischer als seine Ethik von der Einmischung metaphysischer Einflüsse frei geblieben ist. Auch im Gebiet der Geistesphilosophie hat H. die Kühle des Naturforschers bewahrt; von der Unerbittlichkeit der moralischen oder ästhetischen Forderung hat er sich durch die Rücksicht auf Wirklichkeit oder Möglichkeit (wie Kant) kein Tüttelchen abdingen lassen. Seine Metaphysik, die er selbst als qualitative Atomistik bezeichnet, und auf deren Verwandtschaft mit der Monadenlehre Leibniz' (von der prästabilierten Harmonie abgesehen) er hingewiesen hat, ist die einzige, welche mit der atomistischen Basis der modernen Naturwissenschaft sich verträgt, wie seine Psychologie der bisher nur auf körperliche Vorgänge angewandten Mathematik ein neues Gebiet erobert hat. Seine praktische Philosophie, welche auch die Rechtsphilosophie in sich begreift, schließt die unnatürliche Scheidung zwischen Moral und Recht wie den verderblichen Irrtum, daß Macht und Erfolg Recht sei, von sich aus; sein ästhetischer Grundsatz, daß das Gefallende Form sei, hat eine neue, durch das Zeugnis der Meister der Kunst bestätigte Kunstphilosophie möglich gemacht; auf pädagogischem Gebiet ist sein Prinzip des erziehenden Unterrichts in Deutschland und Österreich zum herrschenden geworden. Wenn H. trotzdem, mit seinen Zeitgenossen Fichte, Schelling, Hegel verglichen, als Philosoph weniger genannt worden ist, so trug daran sowohl seine vornehme, aller lauten Beteiligung an religiösen und politischen Tagesfragen abholde Persönlichkeit als der exakte, streng nüchterne, jedem Schein und Prunk geistreich-pikanter "Modephilosophie" fremde Charakter seiner Forschung die Schuld. Zu seiner Schule, die nach der Katastrophe der Hegelschen und der Rückkehr zur Erfahrung stetig und rasch an Ausbreitung gewann, und welcher sich durch Exner auch die österreichischen Hochschulen öffneten, gehören: Drobisch, Hartenstein, Strümpell, Griepenkerl, Sanio, Bobrik, J. H. und Theodor Waitz, Schilling, Reiche, Röer, Stoy, Allihn, Ziller, Taute, Thomas, Thilo, Lott, Lazarus, Exner, R. Zimmermann, Volkmann, Bonitz, Resl, Nahlowsky, Vogt, Riehl, Wittstein, Bartholomäi, Ballauf, Drbal, Lindner, Flügel, Geyer u. a. Durch Hartsen, den Übersetzer R. Zimmermanns, hat Herbarts Philosophie in Holland, von Prag und Wien aus durch Dastich und Durdik bei den Tschechen, durch Straszewski bei den Polen, durch Paul und Alexander bei den Ungarn, durch Barzelotti, Pavissich u. a. bei den Italienern Eingang gefunden. Organ der Schule war die von Allihn und Ziller herausgegebene "Zeitschrift für exakte Philosophie" (Leipz. 1861-75, 11 Bde.). Über Herbarts