Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Hetärie

489

Hetärie.

Anmerkung: Fortsetzung des Artikels 'Hetären'

junge Mädchen jene feine Bildung und gesellschaftlichen Formen an, welche das Verächtliche ihres Treibens verdeckten und selbst ernste Männer bethörten, um so mehr, als die griechischen Hausfrauen ihrer beschränkten Bildung wegen nicht im entferntesten sich mit ihnen in geistiger Beziehung messen konnten. Daß die Künste, mit denen die H. ihre Liebhaber ins Netz lockten, und die Herzlosigkeit, mit der sie die Umgarnten aussogen, dieselben waren wie zu allen Zeiten, würde vermutet werden können, auch wenn es nicht namentlich in den Hetärengesprächen Lukians und den Briefen Alkiphrons mit zahlreichen Beispielen berichtet wäre. Daneben zeigen sich freilich auch Züge einer uneigennützigen Liebe und hochsinniger Aufopferung. Die edle Leäna ließ, auf Hippias' Befehl gefoltert, ihr Leben, ohne den Geliebten zu verraten. Timandra blieb ihrem Alkibiades auch nach seinem Tode treu und bestattete den von Freund und Feind gehaßten, heimatlosen Flüchtling. Einige H. erwarben sich ungeheure Reichtümer und große Berühmtheit und wurden selbst durch Bildsäulen verherrlicht. Eine Lais verkaufte ihre Gunst nur zu den höchsten Preisen, eine Phryne (bekanntlich für Praxiteles das Musterbild seiner Aphrodite) konnte den Thebanern anbieten, die zerstörten Mauern ihrer Stadt auf eigne Kosten wieder aufzubauen. Eine Pythionike und Glykera genossen am Hof des Harpalos königliche Ehren, und eine Myrrhina teilte mit dem Demetrios alles, bis auf das Diadem. Eine Thais, die Geliebte Alexanders, gab dem Thron der Ptolemäer einen Erben und den Kypriern eine Königin. Die Tänzerin Aristonike und die Paukenschlägerin Önanthe traten, wie Plutarch sagt, königliche Diademe mit Füßen. Neben Athen war es namentlich das von Fremden viel aufgesuchte Korinth, wo das Hetärenwesen am meisten in Blüte stand. Über das Hetärenwesen bei den Römern s. Meretrices.

Hetärie (griech., «Verein, Klub, Bündnis von Freunden») nannte man im alten Griechenland die Vereinigungen von Parteigenossen zum Zweck gegenseitiger Unterstützung bei Bewerbungen, Prozessen u. dgl. gegen den überwältigenden Druck des Volkes. Diese Hetärien erlangten in bewegten Zeiten, in Parteikämpfen erhöhte Bedeutung und, als Geheimbünde organisiert, deren Mitglieder sich durch Eide verpflichteten, großen, oft verderblichen Einfluß; so namentlich die oligarchischen Hetärien in Athen während des Peloponnesischen Kriegs, welche den Staat im Innern zerrütteten, 411 v. Chr. einen Staatsstreich versuchten, durch verräterische Verbindung mit dem Feind seine Verteidigungskraft lähmten und endlich die Herrschaft der Dreißig Tyrannen aufrichteten. Der Name hat sich in Griechenland bis auf die neuere Zeit als Bezeichnung einer Verbrüderung erhalten. Selbst auf gelehrte Vereine außerhalb der Grenzen Griechenlands wurde der unverfängliche Name übertragen, z. B. auf die k. k. österreichische Societät zu Bologna, auf einen Verein von Griechen in Wien zur Errichtung eines Lehrerseminars, welcher 1816 zusammentrat, und auf den 1816 zu Odessa gebildeten merkantilischen Verein der Asphaïsten oder Assekuranten. Bei den verschiedenen Versuchen der Neugriechen, das türkische Joch abzuschütteln, ist der Name vornehmlich von zwei Verbindungen, einer wissenschaftlichen, den Philomusen, und einer politischen, im griechischen Freiheitskampf oft genannten, gebraucht worden. Der Zweck der erstern, welche 1812 zu Athen gegründet wurde, war, in ganz Griechenland Schulen anzulegen und wissenschaftliche Zeitschriften zu verbreiten sowie einen Fonds zur Aufgrabung ↔ und Erhaltung der Altertümer, zur Anlegung einer Bibliothek und eines Museums in Athen, zur Herausgabe der griechischen Klassiker in den Urschriften und Übersetzungen und zur Unterstützung einzelner junger Griechen auf europäischen Universitäten zu sammeln. Sie wuchs bald zu einem großen Bund heran, welcher zwei Lehranstalten oder Lyceen, das eine zu Athen, das andre zu Milias in Thessalien, stiftete und durch Beiträge der Mitglieder unterhielt. Fast aus allen Nationen ließen sich Gelehrte und Staatsmänner, ja sogar Minister und Fürsten aufnehmen, worunter besonders der Graf Kapo d'Istrias und der Erzbischof Ignaz als geborne Griechen zu nennen sind. Der Verein soll bald über 80,000 Mitglieder gezählt haben, welche einen Ring trugen mit dem Bild einer Nachteule (als Symbol der Athene, der Weisheit) und des Kentauren Chiron mit einem Knaben (Achilleus als Symbol der Kraft) auf dem Rücken. Trotz seiner bedeutenden Mittel geriet dieser Verein durch den Ausbruch der Revolution 1821 ins Stocken, wurde 1824 mit den frühern, wesentlich gleichen Zwecken wieder ins Leben gerufen, erlosch aber, seit er durch die Errichtung des Königreichs Griechenland seine ursprüngliche Bestimmung teilweise verloren hatte. Die politische H. verdankt ihren Ursprung dem Thessalier Konstantin Rhigas. Derselbe erkannte das erwachende Verlangen der Griechen nach Freiheit und verband sich mit gebildeten und patriotisch gesinnten Männern zu einer H., welche eine gewisse Übereinstimmung in alle auf Befreiung Griechenlands vom türkischen Joch abzielenden Unternehmungen bringen sollte. Er rechnete namentlich auf die Mitwirkung Napoleon Bonapartes, mit welchem er deshalb während dessen italienischen Feldzugs 1797 in nähere Beziehungen getreten war. Rhigas' Hinrichtung (1798) ließ es nicht zu dem angestrebten Erfolg kommen; doch waren einmal der Enthusiasmus und der Vereinigungstrieb unter den Griechen angeregt, so daß 1814 in Odessa eine neue H., die rein politische H. der Philiker (Philike Hetäria), gestiftet ward. Dieselbe machte sich die Befreiung der Griechen vom türkischen Joch zum Ziel. Nur Griechen fanden darin Aufnahme, und kein Mitglied durfte zugleich einer andern geheimen Gesellschaft angehören. Die Aufzunehmenden mußten sich hinsichtlich ihres Lebenswandels, ihrer Gesinnungen und ihrer Vermögensumstände einer Prüfung unterziehen und einen zu Frömmigkeit, Vaterlands- und Freiheitsliebe verpflichtenden Eid leisten. Jedes Mitglied hatte das Recht, einen jeden aufzunehmen, welcher nach seiner Überzeugung die erforderlichen Eigenschaften besaß. Alle Mitglieder verpflichteten sich zunächst zu freiwilligen Geldbeiträgen in die sogen. Nationalkasse. Das Ganze ward von einer Archie geleitet und war in mehrere Grade oder Klassen eingeteilt. Zur Anwerbung neuer Mitglieder, insbesondere zur Gewinnung der unabhängigen Klephthen und Armatolen (s. d.), sowie überhaupt für einzelne Gesellschaftszwecke wurden Apostel ausgesandt, und außerdem hatte die H. an den Hauptorten des türkischen Reichs ihre Agenten und Ephoren, welche für die Erweiterung der Gesellschaft Sorge trugen und besonders auch die Schritte der türkischen Regierung zu überwachen hatten. Die H. hatte drei Bathmi, d. h. Stufen oder Grade: die Oberhäupter oder Blamides, die Beigeordneten oder Systemeni und die Priester oder Hiereis. Die Mitglieder erkannten sich, wie die Freimaurer, an gewissen Zeichen der Hand und Stellungen der Finger. Als alles zum Aufstand bereitet und dem russischen General Fürsten Alexander Ypsilanti die Oberlei-

Anmerkung: Fortgesetzt auf Seite 490.