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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Hildesheim

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Hildesheim (Stadt).

winnen und durch seine Bevollmächtigten mit Hilfe Tillys 1629 und 1630 die meisten einzelnen Gebiete wieder für das Stift in Besitz nehmen zu lassen. 1643 gab Braunschweig nach und behielt bloß die Ämter Koldingen, Westerhof und Lutter am Barenberg als Stiftslehen. Dem Bischof Jobst Edmund wurde in Joseph Klemens, Herzog von Bayern, 1694 ein Koadjutor bestellt, welcher nach des erstern Tod (1702) zwar auch zum wirklichen Bischof erwählt ward, jedoch infolge der über ihn verhängten Reichsacht erst 1714 den bischöflichen Stuhl bestieg. 1723 folgte Klemens August, Herzog von Bayern und gleichzeitig Erzbischof von Köln, der 1763 nach einer Vakanz von zwei Jahren Friedrich Wilhelm von Westfalen zum Nachfolger erhielt, dessen Verordnungen ein Jahrhundert lang die Basis des Provinzialrechts und der Provinzialverfassung bildeten. Auf ihn folgte 1789 Franz Egon, Freiherr von Fürstenberg (gest. 1825), der schon seit 1786 Koadjutor gewesen. Nachdem das Stift durch den Reichsdeputationshauptschluß vom 25. Febr. 1803 an Preußen gefallen war, legte der Bischof die weltliche Regierung gegen eine Pension von 50,000 Thlr. nieder. 1806 kam H. an Frankreich und wurde 1807 mit dem Königreich Westfalen vereinigt, 1813 aber von Hannover in Besitz genommen, dem es auch nach der Wiener Schlußakte von 1815 verblieb, und mit dem es 1866 an Preußen fiel. Litteratur s. unten (Stadt H.).

Hildesheim (Hildesia), Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks (s. unten) in der preuß. Provinz Hannover und Stadtkreis, liegt in anmutiger Gegend an der Innerste und an den Linien Nordstemmen-Lehrte und H.-Grauhof der Preußischen Staatsbahn, 84 m ü. M., besteht aus der Altstadt und Neustadt, welche seit 1583 zu einem Gemeinwesen vereinigt sind, und der sogen. Freiheit (Residenz des Bischofs). Der uralte Ort macht mit seinen stattlichen Türmen und den ihn umgebenden schattigen Alleen und Spaziergängen von außen einen freundlichen Eindruck; das Innere enthält viele enge und winkelige Straßen, besetzt mit hohen, altertümlichen Häusern, deren obere Stockwerke überragen und mit Erkern und reichem Schnitzwerk versehen sind. Unter den 11 Kirchen (7 katholische und 4 evangelische) behauptet der 62 m lange, 30 m breite, von außen unansehnliche Dom die erste Stelle. Der Grundbau stammt aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrh., hat aber später manche Veränderung, im 18. Jahrh. eine Verzopfung erfahren. Besonderes Interesse erregen die wertvollen, aus dem frühsten Mittelalter stammenden Kirchengeräte (Domschatz), die merkwürdigen ehernen Thorflügel (von 1015) mit Reliefs vom Bischof Bernward aus der Geschichte der ersten Menschen und Jesu Christi, ein kunstvolles ehernes Taufbecken aus dem 13. Jahrh., zwei große metallene Kronleuchter aus dem 11. Jahrh., zwei romanische Reliquienkasten des heil. Godehard und des heil. Epiphanius im Chor, etwas winzige Türme mit einem Geläute, das für das schönste im Land gilt. Vor dem Aufgang zum Chor steht die sogen. Irmensäule (s. d.), und an der Außenwand der Grabkapelle des Doms breitet der berühmte tausendjährige Rosenstock, 8 m hoch und 10 m weit, seine Zweige aus; den innern Friedhof umgibt ein romanischer Kreuzgang. Auf dem Domhof endlich erhebt sich die 4 m hohe Christussäule (von 1022) aus Erzguß, auf welcher in 28 Gruppen halb erhaben die Geschichte Christi von seiner Taufe bis zum Einzug in Jerusalem dargestellt ist (früher in der Michaeliskirche; vgl. Wiecker, Die Christus- oder Bernwardsäule, Hildesh. 1874). Von den übrigen Kirchen verdienen Erwähnung: die St. Godehardikirche (1133-72 erbaut, 1863 restauriert), ein Meisterwerk romanischen Stils, mit drei pyramidenförmigen Thüren (Kapital daraus s. Tafel "Baukunst IX", Fig. 1); dann die Michaeliskirche, eine großartige romanische Basilika mit dem Grab des Bischofs Bernward und einer kunstvoll bemalten Holzdecke aus dem 12. Jahrh.; die Magdalenenkirche mit zwei kostbaren Leuchtern aus Bernwards Werkstatt und dem sogen. Bernwardskreuz; die Martinikirche, welche das städtische Museum enthält; die Andreaskirche, letztere die Hauptkirche der Lutheraner. Andre ausgezeichnete Gebäude sind: das alte angebliche Tempelherrenhaus, das große Rathaus (um 1440 erbaut), davor ein verzierter Springbrunnen, das frühere Trinitatishospitalgebäude, das prachtvolle, große Michaeliskloster (jetzt als Irrenhaus benutzt), die alte Kartause, das Knochenhaueramthaus von 1529, überaus reich an plastischem Schmuck, das Wedekindsche Haus von 1598 u. v. a. Als eine Musteranlage gilt auch der von Professor Stier entworfene neue Bahnhof. Die Einwohnerzahl beläuft sich (1885) mit Garnison (2 Infanteriebataillone Nr. 79) auf 29,386 Seelen (gegen 25,887 im J. 1880), darunter 18,700 Evangelische, 10,149 Katholiken und 482 Juden. H. hat eine große Zuckerraffinerie mit 700 Arbeitern und einem Produktionswert im Betriebsjahr 1883/84 von 4½ Mill. Mk., 3 Ofen-, 2 Wagen-, 4 Tabaks- und Zigarrenfabriken, 4 Ziegeleien, eine Tapeten-, eine Hohlglas-, eine Wasserglas-, eine Kochherd-, eine Gummi-, eine Turmuhren- und eine Stockfabrik, 2 Glockengießereien, 3 Fabriken landwirtschaftlicher Maschinen, 3 Eisengießereien und Maschinenfabriken, eine Streichgarnweberei, 4 Dampf- und Wassermühlen, Kunstgärtnereien und Obstbaumzucht etc. Der Handel, vermittelt durch eine Reichsbanknebenstelle, befaßt sich vorzugsweise mit Zucker, Getreide, künstlichen Dungmitteln und andern Erzeugnissen und Bedürfnissen der Landwirtschaft. An Bildungs- und sonstigen Anstalten besitzt H. ein evangelisches und ein kath. Gymnasium, ein Realgymnasium, eine Landwirtschaftsschule und landwirtschaftliche Versuchsstation, ein kath. Lehrerseminar, eine Taubstummenanstalt, ein Museum, eine Heil- und Pfleganstalt für Gemütskranke, mehrere Hospitäler und Krankenhäuser etc. H. ist Sitz der Bezirksregierung, der Landratsämter für den Landkreis H. und den Kreis Marienburg, eines Landgerichts (für die elf Amtsgerichte zu Alfeld, Bockenem, Burgdorf, Elze, Fallersleben, Gifhorn, Goslar, H., Liebenburg, Meinersen und Peine), eines Hauptsteueramts, einer Handelskammer, eines Bischofs und Domkapitels und eines Generalsuperintendenten. Die städtische Verwaltung zählt 6 Magistratsmitglieder und 12 Stadtverordnete. Im W. von H. liegt auf einer Anhöhe das ehemalige Kollegiatstift St. Moritz (um 1054 gegründet, 1810 aufgehoben); im O. lag das Stift St. Bartholomäus zur Sülte (1147 errichtet, 1802 aufgehoben); im S. liegen das Gut Söder, mit einem Schloß, und Ottbergen, ein Wallfahrtsort.

H. entwickelte sich erst mit der Verlegung des Bistums von Elze 822 hierher (s. oben). Schon im 10. Jahrh. war der um den Dom belegene Teil

^[Abb.: Wappen von Hildesheim.]