Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Hohenzollern

636

Hohenzollern (die fränkische und die schwäbische Linie).

amt Hechingen begreift das ehemalige Fürstentum H.-Hechingen oder die alte Grafschaft H., während der übrige Teil des Landes H.-Sigmaringen bildete, das in das Oberland und Unterland zerfiel (beide durch H.-Hechingen getrennt). In judizieller Hinsicht gehört der Regierungsbezirk mit einem Landgericht (für die fünf Amtsgerichte zu Gammertingen, Haigerloch, Hechingen, Sigmaringen und Wald) zum Ressort des Oberlandesgerichts Frankfurt a. M.; in katholischen Kirchensachen ist er dem Erzbistum Freiburg unterstellt. S. Karte "Württemberg". Vgl. v. Viebahn, Erinnerungen aus H. (Berl. 1853); Cramer, Die Grafschaft H., ein Bild süddeutscher Volkszustände (Stuttg. 1873).

Geschichte des hohenzollerischen Fürstenhauses.

Das Geschlecht der Hohenzollern (abzuleiten von Söller = Höhe) wird nur in unglaubwürdigen Sagen mit dem altrömischen Patriziergeschlecht der Colonnas oder dem gotisch-lombardischen der Colaltos in Verbindung gebracht. Begründeter ist die Annahme, daß es mit dem schwäbischen Geschlecht der Burchardinger (auch bei den H. kehrt der Name Burchard oft wieder) zusammenhängt, welche ihren Stammbaum bis in die Zeit Karls d. Gr. hinaufführten, 914 das Herzogtum Schwaben gewannen, aber 973 mit Burchard V. ausstarben. Historisch nachweisbar sind erst "Burchard und Wezel von Zolorin", wahrscheinlich Brüder, welche 1061 in einer der Fehden während Kaiser Heinrichs IV. Jugend fielen. Wezels Sohn Adelbert von Zollern-Haigerloch gründete 1095 ein Kloster zu Alpirsbach im Schwarzwald; mit seiner Tochter, der frommen Irmintrud, mag dieser Zweig erloschen sein. Burchard II., des obigen Burchard Sohn, ein Verwandter des Staufers Friedrich, Herzogs von Schwaben, setzte das Geschlecht fort. Von Burchards II. vier Söhnen, Burchard, Egino, Friedrich und Gottfried, begründete der erste das Geschlecht der Grafen von Hohenberg (s. d.), welches 1486 ausstarb. Dem zollerischen Zweig waren die Hohenberger meist verfeindet; deshalb fielen ihre Besitzungen nicht an jenen, sondern an Österreich, Württemberg, Pfalz und Baden. Graf Friedrich I., der dritte Sohn, erbte die Stammburg, begleitete den Kaiser Heinrich V. nach Italien und starb um 1115. Friedrich II., sein Sohn (gestorben um 1139), war bei Kaiser Lothar und später bei Konrad III. sehr angesehen, gleichwie sein jüngerer Bruder, Berthold, in der Folge bei Friedrich Barbarossa. Graf Friedrich III. (gest. 1201), ursprünglich von seiner frommen Mutter für das Kloster bestimmt, war vielmehr berufen, den irdischen Glanz seines Hauses zu erhöhen. Er vertrat entschieden die Partei der Staufer, war im Rat Friedrich Barbarossas, Heinrichs VI. und Philipps von Schwaben höchst angesehen und wurde nach seiner Vermählung mit der Gräfin Sophie von Raabs, der Erbtochter des Burggrafen Konrad II., 1191 mit der Burggrafschaft Nürnberg belehnt. Wie viele seiner Nachkommen ist er im Kloster Heilsbronn beigesetzt. Seine Söhne Friedrich IV. und Konrad III. regierten zunächst beide Länder gemeinschaftlich und begründeten erst 1227 durch Teilung, Friedrich IV. die schwäbische, Konrad III. die fränkische Linie.

Die jüngere, fränkische Linie hat schon in ihrem Stifter eine hervorragende Persönlichkeit aufzuweisen. Da es bei den H. von jeher Tradition war, zu Kaiser und Reich zu stehen, so sehen wir Konrad III. immer auf der Seite des nach seiner Ansicht rechtmäßigen Herrschers. Zuerst diente er mit Aufopferung Friedrich II., wurde von diesem für wert gehalten, Berater seines Sohns, des Königs Heinrich, zu werden und später das eingezogene Herzogtum Österreich zu verwalten. Als aber der Kaiser dem Bann des Papstes verfiel und die Fürsten ihre Stimmen auf den Landgrafen Heinrich Raspe von Thüringen vereinigten, rief die Stimme der Pflicht Konrad auf diese Seite. Doch scheint sein Herz bei dem Staufer geblieben zu sein, denn als sich Friedrich II. auch über den Tod des Landgrafen hinaus behauptete, widmete Konrad seine Dienste wieder dem Staufer, dem jungen Konrad IV. Mehr Konsequenz zeigte Konrads III. Sohn und Nachfolger Friedrich III. (1261-97), indem er immer den Staufern treu blieb. Später nahm er an allen wichtigen Handlungen Rudolfs von Habsburg teil: in der entscheidenden Schlacht auf dem Marchfeld trug er die Sturmfahne und half den Sieg entscheiden; er suchte auch, freilich vergebens, 1290 zu Erfurt Albrechts (I.) Wahl zum König durchzusetzen. Ihm folgte sein jüngerer, unmündiger Sohn, Friedrich IV. (der ältere, Johann, starb früh), 1297-1332. Erst unter Kaiser Heinrich VII. trat er ins öffentliche Leben ein, begleitete den jungen Johann mit einem Heer nach Böhmen (1310) und folgte Heinrich auf seinem Römerzug. Bei der Doppelwahl 1314 stellte er sich auf die Seite Ludwigs von Bayern und entschied zu dessen gunsten die Schlacht bei Mühldorf; den "Retter des Reichs" nannte ihn Ludwig. Nach Friedrichs Tod hielten seine Söhne Johann II. (gest. 1357) und Albrecht der Schöne auf bayrischer Seite aus, schlossen aber 1347 mit Karl IV., der jetzt allein deutscher König war, Frieden. Mit Entschiedenheit ergriff Johanns Sohn Friedrich V. (1358-97) Karls IV. Partei und erhielt zum Lohn 1363 die reichsfürstliche Würde. Als er 1397 abdankte (gest. 1398), überließ er die Burggrafschaft seinen Söhnen Johann III. und Friedrich VI. Johann starb, ohne Nachkommen zu hinterlassen, 1420; Friedrich VI. mehrte durch die Erwerbung der Mark Brandenburg 1415 den Glanz seines Hauses und begründete dessen welthistorische Stellung. Elf hohenzollerische Kurfürsten von Brandenburg folgten auf Friedrich I.; der letzte, Friedrich III., setzte sich als Friedrich I. 18. Jan. 1701 die preußische Königskrone aufs Haupt. Der siebente König, Wilhelm I., vereinigte 1871 an demselben Tag als Kaiser alle deutschen Lande zu einem mächtigen Reich. Vgl. Brandenburg und Preußen. Von der brandenburgischen Hauptlinie zweigten sich die Nebenlinien Ansbach (s. d.), Baireuth (s. d.) und Schwedt (s. d.) ab, welche inzwischen sämtlich erloschen sind.

Die ältere, schwäbische Linie ward von Friedrich IV. mit dem Löwen (gest. 1251) begründet. Seine Enkel Friedrich der Ritter (gest. 1298) und Friedrich von Merkenberg (gest. 1302) stifteten bei der Teilung 1288, jener die Hohenzollerische, dieser die Schalksburger Linie. Letztere starb schon 1408 aus. Inzwischen spaltete sich auch der Hauptzweig, denn des ritterlichen Friedrich Enkel Friedrich der alte Schwarzgraf (1333-1373 oder 1379) teilte 1344 mit seinem jüngern Bruder, Friedrich, genannt der Straßburger (gestorben zwischen 1365 und 1367). Während der schwarzgräfliche Stamm schon mit des alten Schwarzgrafen gleichnamigem Sohn, dem tapfern Kämpfer von Sempach, 1412 erlosch, blühte der Straßburger weiter. Doch auch er hatte sich 1401 gespalten, dem erlauchten Geschlecht zum Unglück. Denn keine Eintracht herrschte zwischen den Brüdern Friedrich, genannt der Öttinger, und Eitelfriedrich I. Trotz der Teilung (1402), bei welcher dem Öttinger die Stammburg zufiel, richteten in wildem Haß die Brüder die