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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Höhlen

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Höhlen.

oder Stollen, welche den Zugang ermöglichen oder wohl auch Bäche ein- oder austreten lassen. Vorzugsweise sind Kalk, Dolomit und Gips (darin die "Gipsschlotten") höhlenführende Gesteine. Man kennt H. im Kalktuff (Olgahöhle bei Lichtenstein und andre Orte der Schwäbischen Alb, Homburg a. M.), Grobkalk (Lunel), Kreidemergel (Teutoburger Wald), im Kreidekalk (Jerusalem), im Juradolomit (Fränkische Schweiz und Schwäbische Alb), Muschelkalk (Erdmannshöhle im badischen Oberland, Höhle bei Nagold in Württemberg), Zechsteindolomit (Altensteiner oder Liebensteiner Höhle im Thüringer Wald), im Zechsteingips (Barbarossahöhle im Harz, Gegend von Mansfeld), im karbonischen und devonischen Kalk Englands (Kirkdale u. v. a.), der Rheinlande und Westfalens (Sundwicher, Balver und Dechenhöhle bei Iserlohn), des Harzes (Baumannshöhle bei Rübeland), im körnigen Kalk (Antiparos, eine zu den Kykladen gehörende griechische Insel). Ärmer an H. sind die andern Gesteine. So zeigen die Sandsteine fast nur offene Grotten oder Thore (Prebischthor und Kuhstall im Quadersandstein der Sächsischen Schweiz, zahlreiche Grotten im Gebiet des Buntsandsteins), ebenso selten sind die Höhlenbildungen in Thon- und Glimmerschiefer (Sillaka auf Thermia), und die Kristallkeller der Granite und Gneise sind nur als Erweiterungen gangartiger Spalten zu betrachten. Mitunter bergen Basalte (Fingalshöhle auf Staffa) und Laven (Kanarische Inseln) H. Die Größe der H., welche oft in mehrere Abteilungen (Kammern, Säle) gegliedert sind, ist eine sehr verschiedene, bei vielen noch nicht einmal gemessen, weil unterirdische Abstürze und Flußläufe einem Vordringen bis zum Ende hinderlich sind. So ist die Dechenhöhle 270 m, mehrere H. des Harzes etwa 200 m, einige der Fränkischen Schweiz über 100 m, die Adelsberger Höhle im Karstgebirge in ihrem zugänglichen Teil über 5 km, die Planinahöhle in Krain ebenfalls über 5 km lang, und die Mammuthöhle in Südkentucky soll gangbare Strecken von zusammen 240 km Länge besitzen. Die Temperatur in den H. ist meist der Mitteltemperatur des betreffenden Ortes gleich, bisweilen aber auch höher oder niedriger. In den Eishöhlen schmilzt das Eis zu keiner Jahreszeit (Caves froides, Glacières naturelles). Die bekanntesten derselben sind: die von Baume bei Besançon, die von St.-Georges am Genfer See, das Schafloch am Rothorn (Thuner See), die Dobschauer u. a. in Ungarn. Die Frage nach der Entstehung des Eises in diesen H. ist noch offen. Einige sehen in dieser Aufhäufung während des Winters gebildetes Eis, das ein kurzer Sommer nicht schmelzen kann; nach andern bildet es sich, durch lebhafte Verdunstung, Zugluft etc. begünstigt, gerade während des Sommers; wieder andre erblicken in ihm Reste des Eises der Diluvialperiode. Gashöhlen sind solche, deren Raum mit Kohlensäure (Dunsthöhle bei Pyrmont, Hundsgrotte bei Neapel) oder auch mit schwefliger Säure (Schwefelgrotte am Berg Büdös, Siebenbürgen) gefüllt ist. Die meisten H. sind relativ trocken; manche besitzen unterirdische Wasserbassins oder werden von Bächen und Flußläufen durchströmt. Die sogen. blauen Grotten (außer der oft genannten auf der Insel Capri ist nur noch eine auf der dalmatischen Insel Busi bekannt) verdanken die wunderbaren Lichtreflexerscheinungen dem Umstand, daß die Eingangsöffnung direkt über dem Meeresspiegel, bei der Flut sogar unter demselben liegt.

Gebildet wurde die größte Anzahl der H. durch Wasser und zwar zunächst wohl durch Lösung von Gips und, bei einem Gehalt an Kohlensäure, von kohlensaurem Kalk, während die Ausweitung schon vorhandener Hohlräume oft durch die mechanische Erosion fließenden Wassers begünstigt wurde. Eine Kontrolle für den H. bildenden Prozeß bietet die Bestimmung des Gehalts der Quellwasser dar, welche den H. führenden Kalkgebirgen entfließen. So berechnet Szombathy aus Wassermenge und Gehalt, daß die beiden die Wiener Wasserleitung speisenden Quellen den Gesteinen jährlich über 4 Mill. kg kohlensaures Calcium entführen, während Regelmann nachweist, daß die in der Schwäbischen Alb entspringenden Quellen jährlich ein Material fortführen, welches einem dadurch erzeugten Hohlraum von 60,000 cbm entspricht. Die Bildung künstlicher H. durch die sogen. Senkwerke (österreichische und bayrische Steinsalzbergwerke in den Alpen, Wilhelmsglück in Württemberg) bietet eine der Technik entnommene Analogie der in der Natur sich abspielenden Prozesse dar. Seltener und wohl nur in kleinerm Maßstab sind H. auf Spaltenbildungen zurückzuführen, und ebenfalls nur selten bilden sich H. bei vulkanischen Eruptionen durch Abfließen der Lava unter schon erstarrter Decke. Auch bei dem letzgenannten ^[richtig: letztgenannten] Prozeß kann, die H. erweiternd und vergrößernd, die mechanische Erosion durch fließendes Wasser oder durch die Meereswogen mitwirken. Boden, Seitenwände und Decken der H. sind oft mit neugebildetem Material überzogen, in den meisten Fällen Kalkspat (Höhlenkalk, Tropfstein und zwar die von oben nach unten sich bildenden Stalaktiten, die ihnen entgegenwachsenden Stalagmiten oft zu Säulen oder Orgeln vereinigt), seltener Aragonit (Antiparos), noch seltener Schwefelmetalle (Bleiglanz, Eisenkies und Zinkblende am obern Mississippi und bei Raibl in Kärnten). Auch die Auskleidung der Kristallkeller durch Bergkristalle, Rauchquarze etc. ist hierher zu rechnen. Im weitern Verlauf kann der Höhlenbildungsprozeß, namentlich dann, wenn die Hohlräume nicht tief unter der Erdoberfläche liegen, zur Erzeugung von Erdfällen, Dolinen und Klammen führen.

[Prähistorisches.] Die H. sind die von der Natur den Menschen und Tieren gebotenen, gegen böse Wetter, auch gegen die Angriffe von Feinden den besten Schutz gewährenden Zufluchtsstätten und deshalb von der allerältesten bis in die neueste Zeit hinein als solche auch benutzt worden. Man trifft daher in ihnen Reste der verschiedensten Zeiten, und es erfordert somit ihre Untersuchung eine ganz besondere Sorgfalt, um die Schichtung und Lagerung der in ihnen vorkommenden Funde möglichst streng zu sondern. Mangelhaftes Licht durch künstliche Beleuchtung erhöht in den meistens vom Tageslicht fast ganz abgeschlossenen Räumen die Schwierigkeiten. Der Boden der H. ist bedeckt mit den Niederschlägen des Wassers, welche aus dem durchflossenen Gebirge stammen, meist lehmiger oder thoniger (Höhlenlehm) oder sandiger Natur sind und häufig Tierknochen (Knochenhöhlen) und Erzeugnisse menschlicher Hand enthalten. In den feuchten H., in welchen Sinterbildungen stattfinden, sind die auf dem Boden lagernden Schichten häufig von Sinterschichten durchsetzt oder überdeckt. Je nach dem Grade der Feuchtigkeit der Höhlenwände und der Löslichkeit des Gesteins geht die Sinterbildung bald schneller, bald langsamer vor sich, und deshalb gibt die Mächtigkeit der Sinterdecke keinen sichern Maßstab für die Berechnung ihres Alters. Die in den H. gefundenen Gegenstände (Höhlenfunde) können nun entweder von Tieren und Menschen her-^[folgende Seite]