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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Idealpolitik; Idee; Ideell

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Idealpolitik - Ideell.

Den hier geschilderten Kantschen Dualismus, wonach das Ich bald als theoretisches Ich der Außenwelt unterthan, bald als praktisches Ich ihr Herr ist, wonach es sich zur Objektivität bald rezeptiv, bald spontan verhält, bildete Fichte dadurch zu seiner Konsequenz durch, daß er die Vernunft ausschließlich praktisch, nur Willen, nur Spontaneität sein ließ und selbst ihr theoretisches, rezeptives Verhalten zur Objektivität nur als verringerte Thätigkeit, als eine von der Vernunft selbst gesetzte Beschränktheit auffaßte. Für die Vernunft, sofern sie praktisch ist, gibt es keine Objektivität, außer insofern sie hervorgebracht werden soll. Der Wille kennt nur ein Sollen, kein Sein. Damit ist das Objektivsein der Wahrheit überhaupt geleugnet, und das unbekannte "Ding an sich", welches sich nach Kants Ansicht der Erkenntnis fort und fort entzieht, fällt als leerer Schatten von selbst weg. "Alles, was ist, ist Ich" wird das Prinzip des Fichteschen Systems, welches eben hierdurch den subjektiven I. in seiner Konsequenz und Vollendung darstellt. Wenn aber Fichte die Identität des Denkens und Seins, des Subjektiven und Objektiven, zunächst nur noch im Ich (nicht dem empirischen und individuellen, sondern dem reinen und allgemeinen) einschloß, so trug dagegen die Identitätsphilosophie Schellings kein Bedenken, diese Identität des Denkens und Seins auch unabhängig vom Ich an die Spitze des Systems zu stellen und den Begriffen und Ideen, sowohl im Gebiet des Geistigen als des natürlichen Daseins, kraft der intellektuellen Anschauung eine absolute Produktivität zuzuschreiben. Deshalb hat man das Schellingsche System objektiven I. genannt. Denken und Sein unterscheiden sich hiernach bloß dadurch, daß jenes ein selbstbewußtes, dieses ein unbewußtes Sein ist. Eine Thätigkeit, die sich selbst erblickt, erscheint sich als Selbstthätigkeit; eine Thätigkeit aber, die nur von andern Augen erblickt wird, erscheint als objektive Bewegung. Nun ist zwar in der ganzen Natur Subjektivität, denn die Natur ist in sich absolute Selbstbewegung; aber nicht jeder einzelne Teil oder jedes Organ dieser Natur kann, als Einzelheit, sich in dieser Selbstbewegung gewahr werden; daher gibt es Einzelwesen, welche sich ihrer Aktivität noch nicht bewußt sind, und zu dieser Klasse gehört alles, was wir als Materie oder Vernunftloses bezeichnen; es ist eine niedere Potenz der Vernunft, eine gleichsam noch schlummernde Intelligenz, aber doch nichts von dem denkenden Geist spezifisch Verschiedenes. Von dem objektiven I. Schellings ausgehend, sich aber dann mehr der Fichteschen Ansicht zuwendend, bildete endlich Hegel das System des absoluten I. aus. Während Fichte sagte: "das Ich, das Denkende, ist", erklärt Hegel: "Das Denken, der Begriff, die Idee, oder vielmehr der Prozeß, das immanente Werden des Begriffs ist das allein Wirkliche und Wahre. Objektivität ist nichts andres als Realität des Begriffs; die Idee ist die höchste logische Definition des Absoluten, die unmittelbare Existenz der Idee aber nennen wir Leben, Lebensprozeß, die Natur ist die Idee in der Form des Andersseins, die sich selbst äußerlich gewordene Idee, der sich entfremdete Geist; kurz, alles Materielle hat den Geist zum Fundament und ist nichts als eine besondere Denkform, eine höhere oder niedere geistige Funktion." Bis jetzt ist es noch keiner Form des I. gelungen, die dualistische Weltansicht des gemeinen Bewußtseins, wonach Geist und Körper, Materielles und Ideelles, als generisch verschiedene Dinge betrachtet werden, zu verdrängen; allein das Verdienst hat sich der I. erworben, daß er die materialistische, den Geist verleugnende Anschauung bekämpfte und die Natur wie das Leben von einem höhern Gesichtspunkt betrachten lehrte, wie denn insbesondere der Fichtesche I. in der Geschichte der Philosophie für alle Zeiten einen wichtigen Durchgangspunkt des spekulativen Denkens bezeichnen wird.

Idealpolitik, s. Politik.

Idee (griech.), das "Bild", welches sich der Geist von einem Ding macht und in sich trägt, also die Vorstellung, die geistige Anschauung, der Begriff von einem Ding; dann überhaupt s. v. w. Gedanke, Entwurf, vorzüglich ein neuer, schöpferischer Gedanke. Während die Sprache der englischen und französischen Philosophen das Wort I. in diesem allgemeinen und populären Sinne noch heute anwendet, hat es in der griechischen Philosophie bei Platon, in der deutschen bei Kant höhere, untereinander sehr abweichende Bedeutungen gewonnen. Beide stimmen darin überein, dem Wort I. keine bloß subjektive, bedingte, sondern objektive, unbedingt gültige Wahrheit zuzuschreiben, unterscheiden sich aber dadurch, daß diese bei Platon die Wirklichkeit derselben ein-, bei Kant dagegen ausschließt. Nach Platon sind die Ideen als das Gemeinsame im Mannigfaltigen, das Eine im Vielen und das Feste und Beharrliche im Wirklichen zugleich das wahrhaft Seiende; er bezeichnet durch das Wort das Metaphysische an den Dingen. Nach Kant sind Ideen Vorstellungen, welchen in der Erfahrung ein entsprechendes Objekt gar nicht gegeben werden kann, die ein reines Produkt der Vernunft, des Vermögens der Prinzipien sind und als Regulatoren aller Verstandesthätigkeit und Erkenntnis angesehen werden müssen; er bezeichnet durch das Wort die absoluten Normen nicht nur aller Thätigkeit der erkennenden (theoretischen), sondern auch der handelnden (praktischen) und der (beide in sich einigenden) ästhetischen Urteilskraft. Während daher Platon für jede Klasse von Erscheinungen eine besondere I. als Seiendes (für die vielen erscheinenden Bäume die eine I. des Baums) hat, unterscheidet Kant für jedes besondere höhere Vermögen des menschlichen Subjekts (theoretische Vernunft, praktische Vernunft, Urteilskraft) besondere Ideen als "Regulative" und redet daher von theoretischen, praktischen und ästhetischen Ideen. Die I. der Wahrheit ist eine theoretische, die I. der Sittlichkeit eine praktische, die I. der Schönheit eine ästhetische I.; die erste beherrscht als allgemeiner Regulator das gesamte Gebiet des Erkennens und der Wissenschaft, die zweite das Feld der Thaten und die Moral, die dritte das Reich der Kunst, auf dem eine nach bestimmten Prinzipien der Wissenschaft geordnete schöpferische Thätigkeit sich entfalten soll. Die nachkantischen deutschen Philosophen, mit Ausnahme Herbarts, näherten sich wieder dem Platonischen Sprachgebrauch. Nach Jacobi sollten die Ideen ihre Wurzel in der Erfahrung (zwar nicht der Sinne, aber der Vernunft, die er als Sinn für das Übersinnliche ansah) haben und daher als Ideen des Wahren, Guten und Schönen direkt auf das Sein dieses letztern hinweisen. Schelling führte im "Bruno" die Platonische Ideenwelt als intelligible Sinneswelt, Schopenhauer als zwischen dem Ding an sich (dem Willen) und der Erscheinungswelt in der Mitte stehende Typenwelt wieder ein. Hegel bediente sich des Wortes I., um die panlogistische Grundlage aller Natur- und Geschichtsentwickelung, "Gott vor der Erschaffung der Welt", zu bezeichnen. Vgl. Heyder, Zur Geschichte der Ideenlehre (Frankf. a. M. 1874). Vgl. Ideal.

Ideell, s. Ideal.