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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Idiotie

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Idiotie (Wesen und Ursachen, verschiedene Grade).

beobachtet werden. In der Regel sind die Idiosynkrasien angeboren; doch können sie auch, besonders infolge erschöpfender Krankheiten, erworben werden, und in diesem Fall nähern sie sich dem Zustand der Hyperästhesie, d. h. einer krankhaft gesteigerten Empfindlichkeit der Nerven.

Idiotie (Idiotismus, griech.), in der Medizin derjenige Zustand der geistigen Abschwächung und des Blödsinns, welcher entweder (meist) angeboren, oder in frühster Kindheit erworben ist. Das Wesen der I. beruht deshalb im allgemeinen auf einer Entwickelungshemmung des Gehirns, welcher die mannigfaltigsten krankhaften Veränderungen der knöchernen Hülle (Schädel), der Häute und des Gehirns selbst zu Grunde liegen; indes ist dieser Zustand auch bei anscheinend normalem Verhalten des Schädels und Gehirns beobachtet worden, obwohl auch in diesen Fällen eine nähere oder entferntere Ursache (Erblichkeit, Epilepsie in den verschiedensten Graden) sich in der Regel nachweisen ließ. Jene Veränderungen können teils direkt durch Verletzungen vor, bei oder nach der Geburt, teils indirekt durch lokale Erkrankungen während der frühsten Entwickelungsepochen hervorgerufen worden sein, oder sie beruhen auf angebornen Bildungsfehlern im Zentralorgan mit seinen Hüllen. Die Gestalt und der Umfang des Schädels sind bei den Idioten außerordentlich mannigfaltige, in die äußersten Extreme überspringende; doch tritt die Mikrokephalie im ganzen häufiger auf als die Makrokephalie. Von ersterer finden sich ganz minimale Verhältnisse bei sonst nahezu normalen Körpermaßen verzeichnet, und man gibt der frühzeitigen Verknöcherung der Nähte sowie der dadurch herbeigeführten Verengerung der im Knochen liegenden Kanäle für die aufsteigenden Ernährungsgefäße zum Gehirn die Hauptschuld; weniger häufig tritt die Makrokephalie im ursachlichen Zusammenhang mit abnorm massenhafter Wasseransammlung in Höhlen und Häuten des Gehirns auf, doch finden sich auch hier Aufzeichnungen von wahrhaft erstaunlichen Ausdehnungen des knöchernen Gewölbes. Außer diesen beiden extremen Dimensionsanomalien finden sich Anomalien des Längendurchmessers (Lang- und Kurzschädel), des Breitendurchmessers (Breit- und Schmalschädel), der Höhe (Spitz- und Flachschädel) und der Symmetrie (Schiefschädel, vorwaltend entwickelter Stirn- und Hinterhauptteil, eingesattelte und einseitig eingedrückte Schädel). Die Häute können gleichmäßig oder stellenweise verdickt, mit dem Schädel oder der Gehirnoberfläche verwachsen, teilweise verknöchert, mit losen Knochenlamellen (in der Falx), Fibroiden, Tuberkeln und andern Neubildungen besetzt sein; das Gehirn kann in seiner Konsistenz oder Textur total oder lokal verändert (erweicht, wassersüchtig, sklerosiert) sein. Jede einzelne dieser Anomalien kann sich mit der andern verbinden, und so gestaltet sich eine unendliche Mannigfaltigkeit der Formen; namentlich ist ein Hauptaugenmerk auf die Zuckerhut- und platte Form zu richten, welch letztere nicht bloß bei Breitschädeln, sondern auch bei der Makrokephalie und dem Schmalschädel vorkommt. In gleicher Weise treten die Erscheinungen der Entwickelungshemmung im übrigen Körper sowohl in seiner Totalität als in einzelnen Teilen auf, und es mag nur hervorgehoben werden, daß das Wachstum und die Entwickelung des Körpers bei der I. im allgemeinen wesentlich zurückbleiben (Kind).

Mögen aber nun die ätiologischen Momente näher oder entfernter liegen, in der individuellen Konstitution, organischen Struktur oder in dem Vorleben der Eltern zu suchen sein - in allen Fällen ist das Wesen der I. ein Schwächezustand aller Seelenvermögen: der Intelligenz, des Willens und des Gemütslebens, welcher teils schon von Geburt an, teils in der frühsten Kindheit in die Erscheinung tritt und zwar in allen Graden, von der absoluten Nullität und Unzugänglichkeit anhebend bis nahezu an die Grenzen der normalen geistigen Thätigkeit und Empfänglichkeit gleichalteriger Durchschnittsindividuen heranreichend. Diesen verschiedenen Graden entsprechend, sind denn auch die Bezeichnungen eingeführt: Blödsinn (I., Fatuitas), Schwachsinn (Imbecillitas). Infolge der abgestumpften, verminderten Empfänglichkeit für äußere Sinneseindrücke und sinnliche Wahrnehmungen kommen entweder gar keine Anschauungen oder Vorstellungen, oder nur sehr unbestimmte und korrumpierte oder rudimentäre zu stande, und dem entsprechend werden auch weder Begriffe noch Urteile gebildet, oder die erzeugten Eindrücke gehen rasch wieder zu Grunde. Hieraus entsteht Mangel an Aufmerksamkeit, an Gedächtnis, an Sprech- und Sprachfähigkeit und an Produktivität. Bei dem tiefsten Grade der I. herrscht ein apathisches, ödes, unzugängliches Traumleben, in welchem selbst die Sinnesorgane kaum die Eindrücke aufnehmen und nach innen vermitteln können. In gleichem Grad ist das Gemütsleben stumpf, wenn auch immer noch im allgemeinen empfänglicher als die intellektuelle Sphäre. Ebenso sind auch die Reaktionsfähigkeit vermindert und abgestumpft, der Willensimpuls abgeschwächt und verlangsamt, die beabsichtigten Bewegungen retardiert, unvollkommen, energielos oder auch dem Willen ganz entrückt, unzweckmäßig, automatisch. Idioten des niedrigsten Grades sind gleichgültig und reaktionslos gegen alles, was um sie her geschieht; sie folgen den Gegenständen oder Personen mit den Augen nur langsam und mühsam ohne besonderes Interesse oder auch gar nicht, sie hören auf keinen Ruf, verbrennen sich am heißen Öfen, greifen in die heiße Suppenschüssel ohne lebhafte Schmerzensäußerungen, geben bei entzündlichen Krankheiten nur geringe subjektive Symptome zu erkennen; der Geschmack und Geruch haben für sie keine Bedeutung, der Geschlechtstrieb ist meist ganz erloschen. Diesem Torpor der Sinnes- und Bewegungsorgane steht die Agilität und Versatilität andrer Idioten gegenüber, welchen bei steter, anscheinend zweckmäßiger Beweglichkeit, Elastizität der Muskeln aller willkürlichen Bewegungsorgane und bei großer Volubilität der Zunge dennoch in den niedrigsten Graden dieselbe Unzugänglichkeit und Unempfänglichkeit für alle äußern Sinneseindrücke zukommt wie der torpiden Form, weil die Eindrücke hier zu flüchtig, wechselnd, blitzartig, oberflächlich sind, als daß dieselben wirklich zur Perzeption gelangen und haften bleiben können. Was aber etwa ja aufgenommen worden ist, bleibt zusammenhangslos, chaotisch-wirr und wird auch in dieser Weise bunt durcheinander reproduziert. Von dieser niedrigsten Stufe aufwärts gibt es eine unendlich verschiedene Staffel bis zum Schwachsinn (Imbecillität), vom bloßen Vermögen der einfachsten Wortformation bis zur zusammenhängenden Satzbildung, von der primitivsten Anschauung bis zu koordinierten Vorstellungsreihen, von der automatischen, trägen Bewegungsäußerung bis zur mechanischen Geschicklichkeit und nützlichen Verwendbarkeit, von der Gemütsstumpfheit bis zur kindlichen Anhänglichkeit und Liebe. Aber in allen Äußerungen der Intelligenz, des Gefühls, des Gemüts und des Willens bleiben sie unter der Norm selbständiger Gedanken-^[folgende Seite]