Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Ilhavo - Ilische Tafel.

der Mindener Regierung ernannt. Nach Wartenbergs Entlassung 1711 leitete I. die auswärtige Politik ganz allein und mit solcher Umsicht und Geschicklichkeit, daß auch Friedrich Wilhelm I. dies Departement dem gewandten Minister fast ganz überließ. I. verstand es namentlich, Preußen von lästigen Verpflichtungen gegen fremde Mächte frei und unabhängig zu erhalten und kriegerische Verwickelungen zu vermeiden. Er starb 6. Dez. 1728 in Berlin.

2) Karl David, ausgezeichneter Schulmann, geb. 26. Febr. 1763 zu Sehna bei Eckartsberga, wurde in Naumburg gebildet, studierte seit 1783 zu Leipzig Theologie und Philologie, wurde 1789 Rektor der Stadtschule zu Naumburg, 1794 Professor der orientalischen Sprachen in Jena und 1802 Rektor an der Landesschule zu Pforta, welche Stelle er bis 1831 bekleidete. Seitdem in Berlin privatisierend, starb er 17. Sept. 1834 daselbst. Von seinen philologischen Schriften sind hervorzuheben: die "Hymni Homerici" (Halle 1791) und die "Scholia s. carmina convivalia Graecorum" (Jena 1798); von seinen theologischen erregten seine freimütigen Forschungen über das Buch Hiob: "Natura atque virtutes Jobi" (Leipz. 1798) und die "Urkunden des ersten Buches Moses in ihrer Urgestalt" (Halle 1798) zu ihrer Zeit Aufsehen. Seine kleinern Abhandlungen erschienen unter dem Titel: "Opuscula philologica" (Erf. 1797, 2 Bde.). Vgl. Kraft, Vita Ilgenii (Altenb. 1837); W. N. (Naumann), Ilgeniana, Erinnerungen etc. (Leipz. 1853); "David I., Gedicht von einem alten Portenser" (Berl. 1878).

Ilhavo (spr. iljawu), Stadt in der portug. Provinz Beira, Distrikt Aveiro, am Ufer des Strandsees, welchen die Mündung der Vouga bildet, mit (1878) 7752 Einw., Fischerei und Salzgewinnung. 3 km südlich von I. befindet sich die große Glas- und Porzellanfabrik von Vista Alegre.

Ilhéos (San Jorgé de I.), Hafenstadt in der brasil. Provinz Bahia, an der Mündung des Rio Caxoeira, der Schiffen von 3-5 m Tiefgang zugänglich ist, 1530 gegründet und früher von Bedeutung; jetzt Ausfuhr von Holz.

Ili, Fluß in Zentralasien, entsteht im chines. Kuldscha aus dem Zusammenfluß des Kunges, der am Arschangebirge, und des Tekes, der am Thianschan nahe dem Chan Tengri entspringt, und durchfließt zuerst in westlicher Richtung das chinesische, dann das russische Kuldscha und die Provinz Semiretschinsk, wendet sich bei Iltisk, nördlich von Wernoje, nach NW., tritt nun in ein ödes Steppengebiet (Sarytschikatrauwüste im N., Taukumsteppe im S.) und ergießt sich, ein 13,000 qkm großes Delta bildend, in den Balchaschsee. Die zahlreichen Kanäle sind aber mit Ausnahme des Hauptbettes nur selten mit Wasser gefüllt. Die Länge des I. ist 1500 km; bei Kuldscha ist er 160 m, weiter abwärts bis 1000 m breit; in der Hälfte seines Laufs ist er für kleine Fahrzeuge von hinreichender Tiefe schiffbar. Das Ilithal bildet eine von verschiedenen Völkerstämmen bewohnte Oase, die sich zu beiden Seiten des Flusses hinzieht. Das Klima ist im Winter streng (bis -25° R.) mit starkem Schneefall, im Sommer sehr heiß (bis +40° R.); Regen fällt selten, daher der I. und seine Nebenflüsse durch Kanäle zur Bewässerung stark herangezogen werden. Man baut alle Getreidearten, Mais, Reis, Baumwolle, Tabak, von Früchten Äpfel, Pfirsiche, Aprikosen, Granatäpfel u. a. Im Iligebiet sind auch die Thäler des Borochud, der beiden Usseks und das Thal des Kasch kulturfähig, besonders das erste ist außergewöhnlich fruchtbar. An den Ufern des Kasch finden sich Steinkohlenlager. Rußland behielt den 11,288 qkm (205 QM.) großen Teil des Ili- oder Kuldschagebiets mit 70,000 Einw. 1881 für sich, als es die größere östliche Hälfte an China zurückgab. Vgl. Kuldscha.

Ilia (lat., Mehrzahl von Ile, "Darm"), die Seitenteile des Unterleibes, weil darin vorzüglich die Windungen der Gedärme liegen; daher Os ilium oder ilei (ilii), das Darmbein; s. Becken.

Ilia, Tochter des Äneas und der Lavinia, nach älterer Sage von Mars Mutter des Romulus und Remus. Vgl. Rea Silvia.

Iliaca (Arteria I., Vena I.), Hüftschlagader, Hüftblutader.

Iliacos intra muros peccatur et extra (lat.), "Es wird innerhalb und außerhalb der Mauern von Ilium (Troja) gesündigt", d. h. es werden auf beiden Seiten (überall) Fehler gemacht (Citat aus Horaz' Episteln, 1. Buch, 2, 16).

Ilias (Iliade), das eine der beiden großen Epen des Homeros (s. d.); I. malorum, eine Litanei von Unglücksfällen (Citat aus Ciceros "Ad Atticum", 8, 11); I. post Homerum, "eine I. nach Homer", d. h. etwas Überflüssiges, Entbehrliches.

Ilicineen, s. Aquifoliaceen.

Iliniza (Ilinissa), einer der malerischten Vulkangipfel der Andes in Ecuador, in der Nähe der Stadt Sicchos, von Quito aus sichtbar, 5305 m hoch (Schneegrenze in 4653 m Höhe). Seine zwei Gipfel umschließen wahrscheinlich einen zerstörten Krater.

Ilion (lat. Ilium), Stadt, s. Troja.

Ilione, nach griech. Mythus Tochter des Priamos und der Hekabe, Gattin des Thrakerfürsten Polymestor, erzog den ihr von den Eltern anvertrauten jüngsten Bruder, Polydoros, als ihren eignen Sohn, während sie ihren wirklichen Sohn Deiphilos für den Polydoros ausgab. Als darauf Polymestor, von den Griechen bestochen, den vermeintlichen Polydoros ermordet, blendet und tötet ihn I.

Ilische Tafel (Tabula iliaca), eine kleine antike Reliefplatte aus weichem, Palombino genanntem Marmor, nicht lange vor 1683 in den Ruinen des alten Bovillä, wo Tiberius der gens Julia ein Heiligtum gestiftet hatte, gefunden, jetzt im kapitolinischen Museum zu Rom. Sie führt ihren Namen von der darauf in kleinsten griechischen Buchstaben eingeritzten Inhaltsübersicht der Homerischen Epen, welche die Ereignisse des Trojanischen Kriegs darstellten. Das Relieffeld zeigt inmitten einen aufrecht stehenden, eng beschriebenen Pfeiler, links davon in symmetrischer Komposition eine Darstellung der Zerstörung Trojas und vor den Stadtthoren das Grab Hektors; das Schiffslager und den Auszug des Äneas; darüber und darunter, ebenso auf der rechten Seite des Pfeilers sind in schmalen Streifen durch kleine Reliefbilder die einzelnen Szenen des Trojanischen Kriegs, als Illustration zu den beigeschriebenen Inhaltsüberschriften der Gesänge, angedeutet. Das linke Drittel der Platte mit Pfeiler und Nebenseite ist nicht erhalten. Eine Inschrift nennt einen gewissen Theodoros als Verfertiger der für Unterrichtszwecke erfolgten Zusammenstellung. Derselbe Name findet sich auch auf der Rückseite eines ähnlichen in oder bei Rom entdeckten, jetzt im Pariser Münzkabinett verwahrten Reliefs. Der hohe Wert der Ilischen Tafel beruht darin, daß sie der Litteraturgeschichte einen sichern Anhalt gibt für Untersuchungen über die meist völlig verlornen pseudohomerischen Gedichte, welche "Ilias" und "Odyssee" fortzusetzen bestimmt waren. Wir kennen jetzt solcher Täfelchen eine ganze