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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Insektenfresser

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Insektenfresser.

wandung befindlichen Verdauungsdrüsen abgesondert wird; die Zahl dieser Drüsen wurde von Hooker in einem Fall zu 3000 auf den Quadratzoll geschätzt. Das sehr reichlich vorhandene Sekret nimmt bei Reizung mit tierischen Substanzen eine stark saure Reaktion an und löst Eiweißstoffe mit Leichtigkeit auf. Ähnliche Verhältnisse kehren auch bei den amerikanischen Sarraceniaceen wieder; die sumpfbewohnenden, vorzugsweise in Virginia einheimischen Arten von Sarracenia besitzen offene oder geschlossene Schläuche mit kleiner, zungenförmiger Blattfläche, während Darlingtonia Torr. trompetenförmige, an jungen Pflanzen nach oben gekehrte, an ältern nach unten gewendete Krüge mit gespaltenem Deckel aufweist; auch die in Venezuela einheimische Heliamphora Benth. und die australische Gattung Cephalotus Lab. gehören zu den Schlauchträgern. Zwar sind nicht bei allen Arten der genannten Gattungen Verdauungsdrüsen vorhanden, dieselben fehlen z. B. bei Sarracenia purpurea; jedoch scheint der Zweck der Schläuche bei allen der gleiche zu sein.

Die physiologische Bedeutung der Ernährungsweise der insektenfressenden Pflanzen liegt besonders darin, daß dieselben stickstoffhaltige Nahrung in einer Form aufzunehmen vermögen, welche bei andern chlorophyllhaltigen Pflanzen ausgeschlossen ist, indem letztere den Stickstoff nur in Form von Nitraten und Ammoniaksalzen durch die Wurzeln dem Boden entnehmen. Die insektenfressenden Pflanzen ernähren sich dagegen, wenigstens teilweise, auf Kosten fertig gebildeter organischer Substanz, deren Eiweißstoffe von ihnen wie im Magen der Tiere durch ein peptonisierendes Ferment der Verdauungsdrüsen gelöst und dann von sonst dazu ganz ungeeignet erscheinenden Organen, nämlich von Blattteilen, resorbiert werden. Experimentell steht die peptonisierende, d. h. Eiweiß (Fibrin) lösende, Eigenschaft des sauer reagierenden Drüsensekrets der insektenfressenden Pflanzen unzweifelhaft fest, während sich die Versuche darüber widersprechen, ob die Fütterung der Blätter mit Eiweißstoffen für die Pflanze förderlich oder unnütz ist; wenigstens kann sich Drosera ohne Insektennahrung vollkommen normal bis zur Fruchtbildung entwickeln. Als eine analoge Ernährungsweise hat man die des jungen Pflanzenembryos zu betrachten, der sich ebenfalls auf Kosten organisierter Stoffe des Samens ernährt und dieselben mit Hilfe von Fermenten umsetzt. Auch die Pilze und eine Reihe von fäulnisliebenden Humusbewohnern (Monotropa, manche Orchideen) entnehmen ihrem Substrat direkt organische Verbindungen. Diese Analogien machen die Ernährungsweise der insektenfressenden Pflanzen durchaus begreiflich, wenn auch manche Punkte noch weiterer Aufklärung bedürfen. Vgl. Darwin, Insektenfressende Pflanzen (deutsch von Carus, Stuttg. 1876); Drude, Die insektenfressenden Pflanzen (in Schenks "Handbuch der Botanik", Brest: 1881); Bouché, Die insektenfressenden Pflanzen, Beitrag zur Kultur derselben (Bonn 1884).

Insektenfresser (Insectivora, hierzu Tafel "Insektenfresser"), Ordnung der Säugetiere, Sohlengänger mit bekrallten Zehen, vollständig bezahntem Gebiß und stark entwickeltem Schlüsselbein. Sie sind meist gedrungen gebaut, mit verkürzten, aber kräftigen Gliedmaßen, die gewöhnlich zum Graben, seltener zum Klettern benutzt werden; die Füße sind meist fünfzehig, die Schnauze ist stark zugespitzt, oft rüsselartig verlängert, die Augen sind oft außerordentlich verkümmert und liegen bei den Maulwürfen zuweilen ganz unter der undurchbrochenen äußern Haut. Die Schneidezähne sind gewöhnlich groß, die Eckzähne meist kleiner, die unechten Backenzähne (Prämolaren, Lückzähne) ein-, die echten Backenzähne (Molaren) mehrspitzig. Das Gehirn ist dem der Fledermäuse ähnlich; die Hemisphären des Großen Hirns haben keine Windungen. Am Darm findet sich nur bei zwei Familien ein Blinddarm vor. Die Zitzen liegen am Bauch. Die I. leben sehr häufig unterirdisch, nähren sich hauptsächlich von Insekten, Würmern etc., die sie in sehr großer Menge vertilgen; andre verschmähen auch Pflanzenkost nicht. Sie finden sich nur in der Alten Welt und in Nordamerika. In ihren noch lebenden Formen haben sie nur wenig Ähnlichkeit mit den Raubtieren, zu denen sie gleichwohl von manchen Autoren gerechnet werden, wiederholen dagegen in ihren einzelnen Familien manche Gruppen der Nagetiere in der äußern Erscheinung. In der That hat sich auch durch die neuern Entdeckungen in Amerika ergeben, daß die heutigen I. sowohl als die Nagetiere und Raubtiere von einer großen Gruppe ausgestorbener Tiere herstammen, den sogen. Bunotherien, welche im Knochenbau und namentlich im Gebiß noch gleichsam den indifferenten Zustand darstellen, aus dem sich nach verschiedenen Richtungen hin die Fleisch-, Pflanzen- und Insektenfresser entwickelt haben. Die fossilen I. scheinen bei weitem zahlreicher gewesen zu sein als die noch lebenden. Von letztern unterscheidet man nahezu 40 Gattungen mit über 140 Arten und bringt sie in mehrere Familien unter.

1. Familie: Igel (Erinaceidae). Augen gut entwickelt, Ohren mäßig lang, Schwanz kurz, auf dem Rücken Borsten und Stacheln. Können sich mit Hilfe der mächtigen Hautmuskulatur zusammenkugeln, leben in selbstgegrabenen Gängen und nähren sich von Insekten, kleinern Wirbeltieren und Früchten. 2 Gattungen mit 15 Arten in Europa, Asien und einem kleinen Teil Afrikas; hierher Erinaceus, Igel (s. d.).

2. Familie: Borstenigel (Centetidae). Den vorigen äußerlich sehr ähnlich, aber im Knochenbau von ihnen verschieden. 7 Gattungen mit 11 Arten, nur auf Madagaskar, in Westafrika, auf Cuba und Haïti.

3. Familie: Spitzhörnchen (Tupaiidae). In Gestalt und Lebensweise den Eichhörnchen gleich, aber mit viel längerer und spitzerer Schnauze; Darm mit großem Blinddarm. 3 Gattungen mit 10 Arten in Ostindien und auf den größern dortigen Inseln.

4. Familie: Rohrrüßler (Macroscelides). Mit langem, dünnem Rüssel, großen Augen und weit abstehenden Ohren, Darm mit Blinddarm, Hinterbeine sehr stark verlängert. 3 Gattungen mit 10 Arten, nur in Afrika.

5. Familie: Spitzmäuse (Soricidae). Ähnlich den echten Mäusen, jedoch mit spitzem Rüssel; Augen und Ohren meist klein, an den Seiten des Rumpfes und am Schwanz eigentümliche Drüsen. Die zahlreichen (über 70) Arten werden in 6-10 Gattungen gebracht oder auch sämtlich der Gattung Sorex, welche dann 6-10 Untergattungen erhält, eingereiht; sie fehlen nur in Australien und Südamerika. Hierher unter andern Myogale, Bisamrüßler oder Rüsselmaus (s. d.), Sorex, Waldspitzmaus, Crossopus, Wasserspitzmaus, etc. S. Spitzmäuse.

6. Familie: Maulwürfe (Talpidae). Kopf klein, Augen und Ohren tief im Pelz versteckt, Nase rüsselförmig, Leib walzig, Beine kurz, Vorderfüße zu Grabfüßen umgestaltet. Leben fast stets unterirdisch und bewegen sich in ihren selbstgegrabenen Gängen sehr rasch und geschickt. Bei Chrysochloris (Goldmulle aus Südafrika) sind die Augen ganz von Haut überwachsen und die Haare metallisch glänzend. 8 Gattungen mit 20 Arten; Verbreitungsbezirk dem der Spitzmäuse gleich. Hierher unter andern Talpa, Maulwurf (s. d.).

7. Familie: Pelzflatterer (Galeopithecidae). An den Seiten des Körpers bis zur Spitze des Schwanzes mit einer Hautfalte versehen, die als Fallschirm dient. Werden vielfach zu den Halbaffen (s. d.) gerechnet. Nur die Gattung Galeopithecus (Flattermaki) mit 2 Arten auf einigen hinterindischen Inseln. S. Pelzflatterer.