Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Instrumentalmusik - Instrumentation.

dem mit Auftreten der Streichinstrumente; die ältesten Spuren geigenartiger Instrumente im Abendland reichen bis ins 9. Jahrh. n. Chr. (vgl. Streichinstrumente). Die Annahme, daß dieselben durch die Araber nach Europa gekommen seien, ist wahrscheinlich irrig. Als Begleitinstrument oder Soloinstrument der Troubadoure (ein ritterlicher Spielmann, welcher die Fiedel zu behandeln versteht, ist auch der Volker von Alzey im Nibelungenlied), sodann das Lieblingsinstrument fahrender Spielleute, mit dem sie, wohin sie kamen, zum Tanz aufspielten, entwickelte sich die Fiedel (s. d.) schnell und machte die verschiedenartigsten Wandlungen durch, so daß wir zu Beginn des 16. Jahrh. eine große Anzahl verschiedenster Streichinstrumente antreffen. Um diese Zeit entstand die erste kunstgemäße mehrstimmige I. Da nämlich im 15.-16. Jahrh. sich der polyphone Vokalsatz (vgl. Kirchenmusik) durch die Niederländer zu unvergleichlicher Vollkommenheit entwickelte, aber nicht überall, wo man Lust hatte, die Werke eines Josquin, Isaak zu hören, geschulte Sänger in genügender Anzahl fand, welche dieselben ausführen konnten, so griff man zu dem Ausweg der Verstärkung oder des teilweisen, ja gänzlichen Ersatzes durch Instrumente. Dem Bedürfnis akkommodierte sich die Bauart der Instrumente, und so finden wir denn jede Art von Instrumenten in drei oder vier Größen vertreten, als Diskant- (Alt-), Tenor- und Baßinstrument; es gab da ein Quartett (Trio) von Flöten (und zwar sowohl von Schnabelflöten als Querflöten), von Schweizerpfeifen, Krummhörnern, Schalmeien, Zinken, Posaunen, desgleichen von den Streichinstrumenten und zwar von den dreisaitigen Geigen mit oder ohne Bünde (Kleingeigen) wie von den mehrsaitigen (Großgeigen) mit Bünden (Violen). Auch die lautenartigen Instrumente existierten in verschiedenen Größen (Laute, Guitarre und im 17. Jahrh. Theorbe, Mandora; vgl. Wasielewski, Geschichte der I. im 16. Jahrhundert, Leipz. 1878). Die ältesten ausdrücklich für Instrumente geschriebenen mehrstimmigen Musikstücke sind Tänze, die indes noch keinerlei ausgeprägten Instrumentalstil haben. Auf den der Mehrstimmigkeit fähigen Instrumenten wurde auch mehrstimmig und zwar mit realen Stimmen musiziert (Klavierinstrumente, Laute und Großgeigen, später Gambe). Die den Instrumentalsatz charakterisierende Beweglichkeit (durch Verzierung, Figurierung, Passagenwerk) kam erst im Lauf des 16. Jahrh. für das Einzelspiel der Klavierinstrumente und Lauten auf; wenn dieselben einen getragenen Vokalsatz imitierten, so entschädigten sie durch die Kolorierung für den Ausfall der gehaltenen Töne. Diese Manier wurde auf die Orgel übertragen und kam so endlich, nachdem der ursprüngliche Entstehungsgrund in Vergessenheit geraten war, auch für die Streich- und Blasinstrumente in Gebrauch. Die moderne I. hat zwei Ausgangspunkte: den Orgel- oder Klaviersatz und den zu Anfang des 17. Jahrh. aufkommenden begleiteten Einzelgesang. Der Orgelsatz entwickelte sich in der schon angedeuteten Weise weiter, die Formen der Vokalmusik in freier, verbrämter Weise nachbildend; er gipfelt schließlich in den Orgel- und Klavierwerken Seb. Bachs. Die Begleitung des Sologesangs in den ersten musikdramatischen Versuchen (s. Oper) war einfach genug: ein bezifferter Baß, der durch Klavier, Lauten verschiedener Größe und Baßviole (Lira grande, ein Instrument wie die Gambe, nur mit Kontrabaßdimensionen) abgespielt wurde (s. Generalbaß); als Einleitung wurde ein Madrigal gespielt, d. h. ein Gesangsstück ohne Text, und die instrumentalen Zwischenspiele bestanden nur aus wenigen Akkorden. Doch wuchs gar schnell aus diesen unscheinbaren Anfängen die moderne I. heraus, besonders seit die Violine, durch die größten Meister vervollkommt, sich zum herrschenden und melodieführenden Instrument emporschwang (vgl. Orchester). Als erste Formen der reinen I. (absoluten Musik) erstanden außer den schon angedeuteten noch im 17. Jahrh. die Ouvertüre (gewöhnlich als Symphonie bezeichnet), ursprünglich Vorspiel, Einleitung eines Musikdramas, doch ohne motivische Beziehungen zu diesem, später zu einem selbständigen Orchesterstück erweitert (aus dem unsre heutige Symphonie hervorging); die Suite oder, wie sie später hieß, Partita, eine Zusammenstellung mehrerer der üblichen Tanzarten (Allemande, Courante, Sarabande, Gigue) zu einem der Tonart nach einheitlichen Cyklus; endlich die Sonate, ursprünglich wenig verschieden von der Suite, doch schon durch Domenico Scarlatti (1683-1757) unsrer heutigen Sonate insofern nahegebracht, als der erste Satz ungefähr die von der Ouvertüre übernommene Form erhielt, welche man heute Sonatenform nennt. Die Hauptträger der Fortentwickelung der I. sind außer den schon genannten noch Fr. Couperin (gest. 1733), Joh. Kuhnau (gest. 1722) und besonders K. Ph. E. Bach (gest. 1788), den die beiden ersten Repräsentanten unsrer klassischen Zeit der I., Haydn und Mozart, ihren Lehrmeister nannten. Auf dem Gebiet der Symphonie und des Streichquartetts sind neben Haydn als Mitbegründer zu nennen: G. B. Sammartini, Gossec und Grétry. Nachdem einmal das moderne Prinzip, die Herrschaft einer Melodie im mehrstimmigen Satz, gefunden war (die alte Zeit kannte nur Melodie, das Mittelalter eine der Hauptmelodie entbehrende Mehrstimmigkeit; da alle Stimmen Melodie waren, war keine eine wirkliche), ging die Entwickelung mit Riesenschritten vorwärts. Die Begleitung wurde in ihrer schönsten Bedeutung erkannt und ihr die Aufgabe zugewiesen, den harmonischen Gehalt der Melodie zu erschließen. So vertiefte sich die Ausdrucksfähigkeit der I. mehr und mehr, besonders als die ernsthafte Natur Beethovens sich fast ausschließlich der I. zuwandte und neue Saiten von erschütterndem Klang anschlug. Durch die nun schon länger als 2½ Jahrhunderte andauernde Verbindung der I. mit dem gesungenen Drama (Oper) hat sich eine Illustrationsmusik von so unzweideutiger Prägnanz des Ausdrucks herausgebildet, daß es die jüngsten Meister unternehmen konnten, rein instrumentale Werke aufzustellen, welche bestimmte Charaktere, ja Situationen, psychologische Vorgänge und Naturereignisse zeichnen. Über die Berechtigung dieser Kompositionsgattung sowie über die Bedeutung der reinen I. vgl. Tonmalerei.

Instrumentation (Instrumentierung, lat.), die Verteilung der Parte einer Orchesterkomposition auf die einzelnen Instrumente. Man muß sich das so denken, daß der Komponist sein Werk zuerst skizziert, d. h. rein musikalisch konzipiert, und ohne Rücksicht auf die Instrumente entwirft und sodann bei der Ausarbeitung im einzelnen den verschiedenen Instrumenten ihre Parte anweist. So spricht man auch von der Instrumentierung einer Beethovenschen Sonate u. a., wenn dieselbe für Orchester bearbeitet wird; ältere Orchesterwerke müssen, wenn sie neu belebt werden sollen, teilweise anders instrumentiert werden, weil manche der im 17.-18. Jahrh. gebräuchlichen Instrumente (Theorbe, Gambe u. a.) nicht mehr im Gebrauch sind. Seit durch Haydn die Orchesterinstrumente zu selbständigen Individuen geworden sind,