Schnellsuche:
Info: Zur Zeit wird der Volltextindex aktualisiert. Sie erhalten daher bei Suchen nicht die volle Anzahl an Treffern. Die Aktualisierung dauert typischerweise wenige Minuten.

Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Ionische Inseln

1016

Ionische Inseln (Geschichte).

berufen, damit dieselbe einen Verfassungsentwurf ausarbeite, ferner das Besatzungsrecht in den Festungen der Inseln haben, und die Streitkräfte der Republik sollten dem Oberbefehlshaber der britischen Truppen untergeordnet sein.

Die englische Krone ernannte zunächst Sir Thomas Maitland zum Lord-Oberkommissar der Vereinigten Staaten der Ionischen Inseln. Dieser bearbeitete nun mit einem im Januar 1817 aus den "edlen Herren" berufenen Primärrat von elf Ioniern den Verfassungsentwurf, welcher, der britischen Verfassung nachgebildet, den Rechten aller Klassen Rechnung zu tragen suchte, und ließ denselben von der durch eben jenen Primärrat berufenen Gesetzgebenden Versammlung prüfen. Nachdem der König von England die neue Konstitution genehmigt, trat sie 1. Jan. 1818 in Kraft. Nach derselben sollte die griechische Sprache fortan die offizielle sein. Auch durch Gründung von Unterrichtsanstalten und Verbesserung der Gesetzgebung, welche aus einem Gemisch teils venezianischer, teils griechischer Verordnungen bestand, erwarb sich Maitland Verdienste. Gleichwohl vermochte er so wenig wie einer seiner Nachfolger die englische Herrschaft populär zu machen, obwohl unter derselben in Korfu eine Universität gegründet, ein Freihafen daselbst angelegt, Straßen gebaut und sonstige Vorkehrungen für die Hebung des geistigen und materiellen Wohls getroffen wurden. Die Ionier neigten sich mehr und mehr Griechenlands Interessen zu, und das Parlament ließ sogar den Wunsch nach Vereinigung mit Griechenland laut werden, weswegen es wiederholt aufgelöst oder vertagt werden mußte. 1849 legte der Lord-Oberkommissar Seaton dem Parlament weitgehende Reformvorschläge vor. Die Hauptpunkte waren: völlige Freiheit der Presse; Erweiterung des Wahlrechts auf die vierfache Zahl der bisherigen Wähler; Einführung des Ballotierens bei den Wahlen; Abschaffung des Primärrats; besoldete Distriktsratskollegien für jede einzelne Insel; endlich freie Wahl der Munizipalbeamten. Trotzdem brach unter Seatons Nachfolger Sir Henry Ward (Mai 1849) in Kephalonia ein Aufstand aus, und nur mit Mühe gelang es ihm, denselben mit Waffengewalt niederzuwerfen. Zahlreiche Verhaftungen und Hinrichtungen folgten. Im März 1850 trat das neue Parlament zusammen, das erste auf Grundlage der Seatonschen Verfassungsreform gewählte, welches, aus Advokaten, Journalisten und Abenteurern bestehend, so heftige Klagen über den Druck der fremden Regierung erhob und so laut die Vereinigung mit Griechenland forderte, daß es zweimal vertagt und im Dezember 1851 aufgelöst wurde. Indes auch die drei folgenden, 1852, 1854 und 1857 gewählten Parlamente ergriffen jede Gelegenheit, den Wunsch nach Vereinigung mit Griechenland laut werden zu lassen. Als sich im Juni 1858 selbst der Lord-Oberkommissar Young für die Abtretung der südlichen Inseln an Griechenland aussprach, sandte die englische Regierung einen außerordentlichen Oberkommissar, Gladstone, nach den Ionischen Inseln, der die Beschwerden jener Inseln prüfen sollte. Derselbe ward als Philhellene allenthalben mit Vertrauen empfangen, vermochte jedoch dem ihm von allen Seiten entgegentönenden Geschrei nach Vereinigung mit Griechenland nur die Antwort zu erteilen, daß seine Regierung entschlossen sei, das europäische Staatsrecht aufrecht zu erhalten. Im Januar 1859 übernahm er auf kurze Zeit das Amt eines Oberkommissars der Ionischen Inseln und eröffnete 25. Jan. zu Korfu das Parlament. Dieses richtete eine Adresse an die Königin, worin dieselbe ersucht ward, bei den Mächten eine Abänderung der Verträge von 1815 bezüglich der Ionischen Inseln zu beantragen. Die Antwort lautete zwar ablehnend, stellte dagegen verschiedene Maßregeln zum Besten der Republik in Aussicht. Die hierauf von Gladstone dem Parlament vorgelegten 17 Reformvorschläge wurden aber von diesem zurückgewiesen. Vergeblich versuchte sein Nachfolger Storcks die Gemüter durch Einsetzung einer Kommission für Einführung von Verwaltungsreformen zu versöhnen. Kaum hatte die englische Regierung im Oktober 1860 die geschehene Umwälzung im Kirchenstaat, in Neapel und in Sizilien anerkannt, als das Parlament mit Anwendung der in der betreffenden Depesche ausgesprochenen Grundsätze auf die Ionischen Inseln und ihr Verhältnis zu Großbritannien einer- und zu Griechenland anderseits von neuem, diesmal in noch entschiedenerer Sprache, die Forderung der Entlassung der sieben Inseln aus dem englischen Protektorat an das englische Kabinett stellte. Dieses antwortete hierauf einfach damit, daß es schon in den letzten Tagen des Novembers 1860 großartige Anstalten treffen ließ, Korfu zu befestigen, das Bassin zur Aufnahme großer Kriegsschiffe zu vervollkommnen und Docks anzulegen. Indes verstummten die Beschwerden und Forderungen des Parlaments darum nicht, und es schritt 1862 zu einer Anklage des Lord-Oberkommissars wegen Verfassungsverletzung und zu einem Protest an die Königin. Schon 10. Dez. 1862 aber erklärte die englische Regierung, durch den Sturz des griechischen Königs Otto und den Beschluß der Nationalversammlung von Athen, einen neuen König zu wählen, bestimmt, der provisorischen Regierung daselbst, daß es, falls Griechenland einen der Königin von England genehmen König wähle, geneigt sei, in die Vereinigung der Ionischen Inseln mit dem Königreich Griechenland zu willigen, "um letzteres zu stärken". Am 1. Okt. 1863 legte denn auch der Lord-Oberkommissar dem neu einberufenen ionischen Parlament die Bedingungen vor, unter welchen jene Vereinigung erfolgen solle. Bereits 5. Okt. erklärte jenes seine Zustimmung, nur die als Bedingung mit aufgenommene Schleifung der Festung Korfu wies es zurück; worauf es bis April 1864 vertagt wurde. Am 14. Nov. 1863 unterschrieben die Vertreter sämtlicher fünf Großmächte zu London das Protokoll, durch welches England der Schirmherrschaft über die Ionischen Inseln entsagte und dieselben an Griechenland abtrat. Die Festungswerke von Korfu wurden nach dieser Konvention geschleift und die sämtlichen Inseln für neutral erklärt. Auf Vorstellungen der griechischen Regierung wurde jedoch in einer neuen Konferenz der Großmächte zu London im Januar 1864 die Neutralität auf Korfu und Paxo beschränkt, der neue Vertrag 29. März abgeschlossen und 8. April von Griechenland genehmigt. Am 30. Mai übergab der Lord-Oberkommissar die Staatsarchive dem Bevollmächtigten des Königs Georg, General Zaimis, der darauf das ionische Parlament für aufgelöst erklärte. Am 21. Mai verließ der Lord-Oberkommissar mit sämtlichen englischen Truppen und Kriegsschiffen Korfu, wo 6. Juni der König Georg seinen Einzug hielt. Am 31. Juli traten die Deputierten der Ionischen Inseln ins griechische Parlament ein. Vgl. Liebetrut, Reise nach den Ionischen Inseln (Hamb. 1850); Davy, The Ionian islands under British protection (Lond. 1851); Ansted, The Ionian islands (das. 1863); Kirkwall, Four years in the Ionian islands (das. 1864, 2 Bde.); v. Warsberg, Odysseeische Landschaften (Wien 1878-79, 3 Bde.); Riemann,