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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Island

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Island (Geschichte, Litteratur).

mäßig norwegischen Stammes. Um 930 wurde auch die Begründung eines geordneten Staatswesens begonnen. Nach norwegischem Muster entwarf Ulsljot ein gemeinsames Landrecht; ein Althing (Landsgemeinde), das jährlich im Hochsommer in Thingvellir (Dingstätte) zusammentreten sollte, wurde eingesetzt, den Goden (Priestern), welche bisher auch die politischen Häupter ihrer Tempelgemeinden gewesen waren, ein oberster Beamter übergeordnet, der den Vorsitz in der Landsgemeinde führte. 965 wurde das Land in vier Distrikte, die Bevölkerung jedes Distrikts in Thinge (13), diese in Godorde (39) eingeteilt. Nach längerm Wirken verschiedener Missionäre in I., namentlich Thorwald Kodranssons (seit 981), ward daselbst 1000 durch einen Beschluß der Landsgemeinde das Christentum eingeführt, und 1057 baute der erste Bischof von I., Isleifr, die Kathedrale zu Skálholt. Ein zweites Bistum entstand später zu Holum (Holar), wo 1106 ein Dom erbaut wurde, mit welchem man, wie auch mit der Kathedrale zu Skálholt, eine Schule verband. Auch nach Grönland, welches die Isländer bald entdeckten, und woselbst sie Kolonien gründeten, verpflanzten sie das Christentum, während auf ihrer Insel selbst Handel und Zivilisation bald aufblühten; viele junge Isländer erwarben sich ihre Bildung im Ausland. Fast drei Jahrhunderte hatte die Ulsljotsche Verfassung bestanden, als das Emporkommen einer mächtigen Aristokratie und die Zerwürfnisse des Freistaats mit der mächtigen Kirche Islands, welche unter dem norwegischen Erzbistum Drontheim stand, die Kraft des Staats schwächten. Mit Hilfe der hierarchischen Partei und der zahlreichen Isländer, welche in Norwegen erzogen waren (darunter der Geschichtschreiber Snorri Sturluson), unterwarf König Hakon der Alte von Norwegen 1264 ganz I. und ließ es durch einen Jarl (Statthalter) regieren; seit 1268 aber verwaltete er es direkt. 1280 erhielt I. ein neues norwegisches Gesetzbuch. Aber Friede und Ruhe kehrten auch unter der Fremdherrschaft nicht zurück, und die fiskalische Ausnutzung des Handels durch schwere Belastung und Beschränkung des Verkehrs schädigte den Wohlstand des Landes außerordentlich. Mit Norwegen fiel I. 1381 an Dänemark und wurde fortan durch dänische Statthalter regiert. Bereits um diese Zeit war jedoch I. dem Verfall nahe, wovon teils die erwähnten innern Streitigkeiten, teils eine verheerende Pest, der schwarze Tod, welcher 1402-1404 zwei Drittel der Bevölkerung hinraffte, die Ursache waren. Neue vorübergehende Unruhen veranlaßte die gewaltsame Einführung der Reformation (1540-50) durch den dänischen König Christian III. 1627 und 1687 ward die Insel von algierischen Seeräubern heimgesucht, wobei viele Einwohner ermordet oder als Sklaven weggeführt wurden. 1707 erlagen 18,000 Menschen in I. den Blattern, und 1784 und 1785 starben 9000 infolge einer Hungersnot. Zu einer großen Zahl von Miß- und Hungerjahren im 18. Jahrh. kamen die verwüstenden Ausbrüche der vielen Vulkane (besonders 1698 und 1724) sowie häufige verheerende Erdbrände (namentlich 1783). Die Regierung von Kopenhagen aus war eine ganz absolute, 1800 wurde das Althing förmlich aufgehoben. Der Handel wurde zu gunsten der dänischen Kaufleute monopolisiert und dies Monopol mit so rücksichtslosem Eigennutz ausgebeutet, daß die Bauern die nun nicht mehr einträgliche Viehzucht verfallen ließen und sich dem unsichern Fischfang zuwendeten, was immer größere Verarmung der Insel zur Folge hatte. Erst 1786 trat eine teilweise Besserung ein. Im März 1809 landete Jörgen Jörgenson, ein ehemaliger dänischer Matrose, mit zwei englischen Kaperschiffen vor Reykjavík, bemächtigte sich des dänischen Gouverneurs Grafen Trampe und schickte ihn gefangen nach London, proklamierte sodann 21. Juni eine isländische Republik, nahm Besitz von dem Gouvernementshaus und umgab sich mit einer Leibgarde, jeden Widersetzlichen mit dem Tod bedrohend. Allein schon im August erschien ein britisches Kriegsschiff im Hafen, und Jörgenson ward abgesetzt und als Gefangener nach London gebracht. 1810 wurde I. für ein England befreundetes Land erklärt, 1814 wieder mit Dänemark vereinigt. Hungersnot in den Jahren 1824 und 1825 und eine verheerende Epidemie 1827 reduzierten die Einwohnerzahl auf 40,000.

In den letzten Jahrzehnten sind indes die Volkszahl sowie der Wohlstand auf I. wieder gestiegen. 1834 erhielt I. eine Vertretung im dänischen Landtag, 1843 auch einen eignen Landtag, allerdings nur mit beratender Stimme, durch Wiederherstellung des Althings. Alle Versuche, I. in den dänischen Gesamtstaat einzuverleiben, scheiterten an der festen Haltung des Volkes unter Führung Jon Sigurdssons. Dieses forderte, I. solle als ein eignes Reich betrachtet werden, dessen Name seinen Platz im Titel des Königs erhalten; es solle sein eignes Ministerium haben, und ein geborner Isländer solle als selbständiger Repräsentant der Insel im dänischen Staatsrat einen Platz einnehmen, die Erbfolge aber die dänische bleiben. Endlich nach langem Streit bewilligte auch der Reichstag 2. Jan. 1871 ein Gesetz über Islands verfassungsmäßige Stellung im Reich und 5. Jan. 1874 ein Verfassungsgesetz für Islands besondere Angelegenheiten, nachdem bereits 1854 der Handel von seinen bisherigen Fesseln befreit worden war und einen lebhaften Aufschwung genommen hatte.

Am 1. Aug. 1874 feierte I. die 1000jährige Jubelfeier der ersten Kolonisation, welche der König von Dänemark durch seine Anwesenheit verherrlichte, und die Einführung der neuen Verfassung, welche dem Land in innern Angelegenheiten wieder Selbständigkeit verlieh: das Althing, aus 36 Mitgliedern bestehend, übt die gesetzgebende Gewalt und kontrolliert die im Namen des Königs durch einen verantwortlichen Minister für I. geführte Verwaltung. Doch genügte den Isländern dieses Maß von Selbständigkeit noch nicht. Sie beanspruchten auf einer 1885 in Thingvalla abgehaltenen Volksversammlung mehrere erhebliche Änderungen der neuen Verfassung, welche I. Dänemark gegenüber eine ähnliche Stellung wie die Norwegens zu Schweden eingeräumt hätten, was aber Dänemark entschieden ablehnte.

[Litteratur.] I., "der Liebling der Geologen", ist seit der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts der Zielpunkt vieler Reisen gewesen und oft beschrieben worden. Wir nennen von neuern Werken: Waltershausen, Physikalisch-geographische Skizze von I. (Götting. 1847); Schleißner, Island (Kopenh. 1849); Ebel, Geographische Naturkunde von I. (Königsb. 1850); Winkler, I., seine Bewohner, Landesbildung und vulkanische Natur (Braunschw. 1861); Derselbe, I. Der Bau seiner Gebirge und dessen geologische Bedeutung (Münch. 1863); Preyer u. Zirkel, Reise nach I. im Sommer 1860 (Leipz. 1862); Burton, Ultima Thule, or a summer in Iceland (Lond. 1875, 2 Bde.); Kaalund, Bidrag til en historisk-topografisk Beskrivelse af I. (Kopenh. 1877-82, 2 Bde.); Lock, Guide to Iceland (Charlton 1882); Thoroddsen, Lýsing Islands (Kopenh. 1881); Keilhack, Reisebilder aus I. (Gera 1885); Schweitzer,