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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Italien

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Italien (Geschichte: bis 1859).

Österreich ward indes Piemont durch England und das Österreichs Machtentwickelung in I. eifersüchtig beobachtende Frankreich geschützt. Österreich mußte auf alle Territorialveränderungen verzichten, Piemont aber entwickelte in den Formen eines konstitutionellen Staatslebens in den nächsten Jahren seine Wehrkraft und wurde bald die einzige Hoffnung der italienischen Patrioten.

Denn inzwischen hatte das Drama der republikanischen Versuche überall sein blutiges Ende gefunden. Venedig war (22. Aug. 1849) in den Besitz Österreichs zurückgekehrt; die Mittelstaaten nahmen ihre Souveräne wieder auf; in Rom lag die Republik in den letzten Zügen. Es konnte nur die Frage sein, welche von den Mächten, Österreich, Neapel oder Frankreich, in der Ewigen Stadt die päpstliche Herrschaft wieder aufrichten sollte. Die Neapolitaner, welche zu gunsten des Papstes intervenierten, warf Garibaldi mit Leichtigkeit über den Haufen; Österreich ließ nur langsam seine Truppen vorgehen; ein erster Versuch der Franzosen auf Rom im April 1849 zeigte sich auch als unzulänglich. Indem nun dadurch die militärische Ehre Frankreichs verpfändet war, zögerte die Regierung des Präsidenten Napoleon nicht länger, mit ausreichenden Mitteln Rom anzugreifen, um so mehr, da Napoleon für seine dynastischen Pläne der Gunst des Klerus bedurfte. Nachdem die Franzosen sich hinreichend verstärkt hatten, begannen sie die Belagerung der Stadt, welche von den Römern heldenmütig verteidigt wurde. Am 2. Juli zogen die Franzosen in Rom ein in der Meinung, es würde ihnen nun vergönnt sein, dem Kirchenstaat eine die Rechte des Papstes wahrende Verfassung, dem ganzen I. eine beruhigende Gestalt zu verschaffen. Aber alle diese Absichten scheiterten an dem Widerstand der päpstlichen Regierung, welche die französische Besatzung zwar niemals mehr auf lange Zeit zu entbehren vermocht hätte, aber jeden Versuch der fremden Mächte, in die innern Angelegenheiten des Kirchenstaats sich einzumischen, höhnend zurückwies. Hierbei wurde der päpstliche Hof von Österreich bestens unterstützt, welches, von Schwarzenberg geleitet, entschlossen war, zu dem einfachsten Absolutismus zurückzukehren, und diesen Entschluß, wo es die Macht in Händen hatte, durch grausame Hinrichtungen, Prügelstrafen und Konfiskationen zur Wahrheit machte.

Die Gründung des Königreichs Italien.

So hatte sich seit 1850 geistlicher und weltlicher Absolutismus auf der Halbinsel verbunden, um noch einmal die alten Einheitsbestrebungen zu zerstören; aber die harte Schule, durch welche insbesondere die gebildeten Stände Italiens zu gehen hatten, wirkte wenigstens das Gute, daß die unklaren Träumereien der nationalen Parteien verschwanden, die Fragen über föderale oder zentrale Entwickelung, über Monarchie oder Republik nicht mehr, wie 1848, zersetzend und zerstörend wirkten. Es kam die Zeit, wo es Staatsmänner wieder wagen konnten, die nationale Frage in die Hand zu nehmen, ohne fürchten zu müssen, an der Unreife des Volkes zu scheitern. Während der Einfluß Österreichs und des mit ihm verbündeten Papsttums überall triumphiert hatte, schärfte sich deren Gegensatz zu Sardinien von Jahr zu Jahr. Die Durchführung der Verfassung mit allen Garantien einer freien Presse, Gewissens- und Handelsfreiheit, Vereinsrecht und Volksbildung sicherten dem kleinen oberitalienischen Staate die Überlegenheit seiner geistigen und materiellen Mittel über alle andern italienischen Mächte. Österreich gegenüber den Schutz der andern Großmächte zu gewinnen, war die Aufgabe einer klugen und gemäßigten Politik, welche den Händen des hervorragendsten Staatsmannes anvertraut war, den I. in den letzten Jahrhunderten hervorgebracht, des Grafen Cavour. Um die Aufmerksamkeit Europas auf I. wach zu erhalten, nahm Sardinien, wenn auch nur mit einem kleinen Heer, an dem Krimkrieg gegen Rußland Anteil, und es erhielt dadurch Gelegenheit, seine Stimme auch bei dem Friedenskongreß zu Paris laut zu erheben. Die Klagen und Forderungen Italiens konnten von den europäischen Mächten nicht mehr ignoriert werden, und einige derselben zeigten sich bereitwillig genug, denselben Abhilfe zu schaffen; aber erst 1858 reiften die Absichten einer Befreiung Italiens von Österreichs Herrschaft. Im Bad zu Plombières traf im Juli Cavour mit Kaiser Napoleon III. zusammen und entwarf den ersten Plan zur Umgestaltung Italiens, indem er Oberitalien für Piemont begehrte und dagegen auf Napoleons Idee einer Konföderation Italiens mit ehrenvoller Berücksichtigung des Papstes einging. Doch bedang sich Napoleon ferner die Abtretung Savoyens und Nizzas als Äquivalent für das Lombardisch-Venezianische Königreich, Parma und Modena, die an Sardinien fallen sollten, aus. Auch wurde die Allianz durch die Vermählung der Tochter Viktor Emanuels mit dem Prinzen Jérôme Napoléon besiegelt.

Am 1. Jan. 1859 gab Napoleons III. an den österreichischen Gesandten gerichtete Ansprache das Signal zu militärischen Rüstungen von seiten Österreichs, welche dann alsbald den passenden Vorwand abgeben konnten, um das bedrohte Sardinien gegen die Angriffspläne Österreichs zu schützen. Die Politik Cavours ging insbesondere dahin, Österreich zum faktischen Angriff zu provozieren, was ihm auch auf das beste gelang, nachdem die Friedensmission des englischen Gesandten Lord Cowley im März 1859 in Wien gescheitert und der Antrag Rußlands auf einen Kongreß von Österreich nur unter der unmöglichen Bedingung angenommen worden war, daß die Verträge von 1815 die Grundlage aller Unterhandlungen bleiben sollten. In die irrtümliche Meinung verstrickt, daß Frankreich der Urheber aller dilatorischen Vorschläge sei zu dem Zweck, sich besser rüsten zu können, suchte die österreichische Regierung durch rasches Losschlagen einen Vorsprung zu gewinnen und wurde so wirklich zum Friedensbrecher, indem sie 19. April in Turin ein Ultimatum überreichte, binnen drei Tagen zu entwaffnen oder des Angriffs gewärtig zu sein. Da die Antwort ablehnend lautete, so erfolgte 29. April unter dem Oberbefehl des Grafen Gyulay der Einmarsch der Österreicher in Sardinien auf drei Punkten (Italienischer Krieg von 1859). Sie setzten sich in der Lomellina fest und blieben hier, den Angriff der Feinde erwartend, stehen, während Viktor Emanuel sein Heer auf 80,000 Mann gebracht hatte und die zahlreichen aus ganz I. zuströmenden Freiwilligen dem General Garibaldi unterstellt wurden. Die Franzosen überschritten vom 25. April an den Mont Cenis und Mont Genèvre, während das Gros der Armee die Landung in Genua schon am 26. begann. So versäumte der österreichische Feldherr den günstigen Zeitpunkt für eine kräftige und erfolgreiche Offensive. Am 20. Mai unternahm Gyulay bei Montebello eine starke Rekognoszierung und stieß auf eine überlegene Zahl von Franzosen, wodurch er zu der Meinung verleitet wurde, daß er von hier den Hauptangriff zu gewärtigen habe. Allein Napoleon III. beschloß, den rechten Flügel der Österreicher zu um-^[folgende Seite]