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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Italien

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Italien (Geschichte: bis 1860).

gehen, während Garibaldi mit seinen Freischaren längs der Berge sich bereits Monza und Mailand genähert hatte. Die unglückliche Schlacht von Magenta nötigte die Österreicher 4. Juni zum Rückzug auf die Minciolinie, wo sie den Kampf unter dem Schutz des für sie stets bewährten Festungsvierecks abermals aufzunehmen entschlossen waren. Die Verbündeten hielten 8. Juni unter dem Jubel der Bevölkerung ihren Einzug in Mailand. Mittelitalien hatte diesen Vorgängen nicht ruhig zugesehen. Schon 27. April war der Großherzog von Toscana durch eine Militärverschwörung zur Abreise genötigt worden, und eine hierauf ernannte provisorische Regierung hatte Viktor Emanuel die Diktatur übertragen; doch hatte dieser aus Rücksicht auf seinen Verbündeten, welcher andre Pläne mit Toscana hatte, nur das Protektorat angenommen. Nach der Schlacht von Magenta flohen auch die von den Österreichern bis dahin noch geschützte Herzogin von Parma und der Herzog von Modena. In Bologna ward nach dem Abzug der Österreicher die Diktatur Viktor Emanuels ausgerufen, und in andern Städten des Kirchenstaats kam es zu Erhebungen gegen die päpstliche Regierung, welche nur mit Waffengewalt unterdrückt werden konnten.

Inzwischen hatte der Kaiser von Österreich das Kommando über seine Truppen selbst übernommen und befahl 24. Juni den Angriff auf die heranrückende französisch-piemontesische Armee. Napoleon III. war jedoch von dem Angriffsplan rechtzeitig unterrichtet und warf seine ganze Macht mit solcher Raschheit und Stärke auf das feindliche Zentrum bei Solferino, daß er dasselbe trotz heldenmütigster Gegenwehr durchbrach. Auch bei Cavriano wurden die Österreicher zurückgedrängt, und obwohl die Angriffe der Piemontesen auf General Benedeks rechten Flügel bei San Martino scheiterten, so mußte doch der allgemeine Rückzug der österreichischen Armee angetreten werden, worauf 8. Juli ein Waffenstillstand und 11. Juli in Villafranca bei einer persönlichen Zusammenkunft zwischen Kaiser Franz Joseph und Napoleon III. Friedenspräliminarien abgeschlossen wurden. Österreich opferte in denselben die Lombardei, um nur die Herzogtümer Mittelitaliens und Venedig zu retten, Napoleon verzichtete auf sein italienisches Programm "frei bis zur Adria", weil er bei weiterm Fortgang des Kriegs ein Eingreifen Preußens befürchten mußte. Am 10. Nov. ward hierauf in Zürich der Friede von den Bevollmächtigten Frankreichs, Österreichs und Sardiniens unterzeichnet, welcher die Vereinigung der Lombardei mit Sardinien, die Restauration der geflüchteten Fürsten und des Kirchenstaats sowie die Gründung einer italienischen Konföderation unter dem Präsidium des Papstes festsetzte.

Aber außer der Festhaltung des venezianischen Gebiets von seiten Österreichs hatten alle übrigen Friedensbestimmungen das Schicksal, daß sie schon vor ihrer Unterzeichnung hinfällig waren. Denn die vertriebenen Fürsten kehrten nicht wieder zurück, der Papst ließ sich auch nicht zu Reformen bereit finden, und die italienische Konföderation blieb für immer ein Traum. In Florenz, Parma und Modena wurde von einer Nationalversammlung die Absetzung der frühern Dynastien ausgesprochen. Bologna wie die frühern Herzogtümer wünschten von Sardinien annektiert zu werden. Sämtliche Unterzeichner des Friedens von Zürich wetteiferten förmlich in der raschen Zerreißung des geschlossenen Traktats. Frankreich kam daher noch einmal auf das Projekt eines Kongresses zurück; aber da der Papst die Teilnahme ablehnte und Österreich seine Teilnahme von derjenigen des Papstes abhängig machte, so scheiterte derselbe, und Napoleon fand bald Gelegenheit, die Ordnung Italiens im Verein mit Sardinien auf eigne Hand zu unternehmen. Er verlangte nunmehr von Sardinien die wirkliche Abtretung von Savoyen und Nizza und die allgemeine Abstimmung in den mittelitalienischen Staaten. Das Turiner Kabinett gab hierzu 2. März 1860 seine Zustimmung, und 24. März wurde der betreffende Vertrag unterzeichnet, nachdem am 11. und 12. die Abstimmung in Toscana, Modena, Parma und den römischen Legationen darüber stattgefunden hatte, ob sie definitiv dem Reich des Königs Viktor Emanuel II. einverleibt zu werden, oder ob sie getrennte Staaten zu bilden wünschten. Das Resultat war eine überwältigende Bejahung der erstern Frage. Am 18. März nahm Viktor Emanuel die Annexion von Parma, Modena und den römischen Legationen, am 22. diejenige von Toscana an, und am 28. rückten die sardinischen Truppen in den genannten Staaten ein. Der vom Papst 26. März wider alle, die an dem Eingriff in die päpstlichen Staaten Anteil hatten, geschleuderte Bannfluch blieb unbeachtet.

Hiermit war jedoch die italienische Bewegung noch keineswegs zum Stillstand gekommen. Die Partei der Aktion, wie sie sich selbst nannte, richtete ihr Augenmerk nunmehr auf das Königreich beider Sizilien, wo die unerträglichen absolutistischen Zustände, denen der neue König, Franz II., nicht abhelfen konnte und wollte, jeder Erhebung Erfolg versprachen. In den ersten Tagen des Aprils 1860 brach der Aufstand in Sizilien aus; zwar stellten die neapolitanischen Truppen die Ruhe in Palermo und Messina wieder her, aber in den Gebirgen der Insel gärte die Bewegung fort und erhielt von außen Nahrung. Am 6. Mai ging Garibaldi in Genua mit 1067 Freiwilligen und 4 Stück Geschütz auf zwei Dampfern in See, um ein Königreich anzugreifen, das über ein organisiertes Heer gebot, und 11. Mai landete er trotz der ihm auflauernden Kreuzer in Marsala auf Sizilien. Er sammelte bei Salemi die zerstreuten Haufen der Insurgenten und befehligte 14. Mai 4000 Mann, mit denen er 27. Mai die Besatzung von Palermo zur Kapitulation zwang. Im Namen Viktor Emanuels, des Königs von I., übernahm er die Diktatur über die Insel. Da König Franz II. sich auf sein Militär verlassen zu können meinte und auf dasselbe allein sich zu stützen gewillt war, so lehnte er jedes liberale Zugeständnis und eine Allianz mit Sardinien ab. Als er dann im Juni sein System ändern wollte, aber zugleich auch den Schutz der Großmächte anrief, war es zu spät. Nachdem im Juli ganz Sizilien in die Hände Garibaldis gefallen war, landete der letztere mit 5000 Mann 19. Aug. in Reggio und besetzte es am 22. Die königlichen Truppen lösten sich fast überall auf, in den meisten Städten bildeten sich provisorische Regierungen; verlassen und hilflos entfloh Franz II. aus Neapel nach Gaeta, wo er den Rest seiner wenigen Getreuen sammelte. Am 7. Sept. zog Garibaldi unter dem lauten Jubel der Bevölkerung in Neapel ein. Daß der kühne und glückliche Befreier nunmehr das Gebiet des Kirchenstaats angreifen werde, war kein Geheimnis. Die päpstliche Regierung hatte in aller Herren Ländern ein Heer anwerben lassen und stellte dasselbe unter den Befehl des Generals Lamoricière, da Pius IX. des Schutzes der Franzosen in Rom überdrüssig war und sich dem Wahn hingab,