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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Italien

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Italien (Geschichte: bis 1870).

fengang auf die Provinz zu verzichten, wenn es auch selbst auf dauernden Besitz Venetiens nicht mehr rechnete. Mit Zustimmung, ja auf Antrieb Napoleons knüpfte daher das italienische Ministerium Verhandlungen mit Preußen an, dessen gespanntes Verhältnis zu Österreich jeden Augenblick zu einem Krieg führen konnte; da sowohl Napoleon als Lamarmora die Kraft Preußens unterschätzten, so hegten sie die Zuversicht, daß I. ohne große Anstrengungen, während die deutschen Mächte in langwierigem Kampf sich aufrieben, Venedig werde gewinnen können. Am 8. April 1866 kam das Bündnis zwischen Preußen und I. zustande. Es war ein Offensiv- und Defensivtraktat, in welchem sich Preußen das Recht der Initiative vorbehielt; für den Fall eines österreichischen Angriffs jedoch sollte jeder Teil gleichberechtigt sein, die Hilfe des andern Kontrahenten zu fordern. Nachdem der von Napoleon vorgeschlagene Kongreß an dem Widerspruch Österreichs gescheitert war, erging 20. Juni die Kriegserklärung Italiens an Österreich mit dem Bemerken, daß die Feindseligkeiten am 22. ihren Anfang nehmen würden (Italienischer Krieg von 1866). Die italienische Armee, 330,000 Mann stark, worunter 250,000 Feldtruppen und an 30,000 Freiwillige unter Garibaldi, wurde von dem König selbst geführt, dem Lamarmora als Generalstabschef zur Seite stand, neben dem aber Cialdini als Kommandant des 4. Korps eine gewisse Selbständigkeit behauptete. Zwischen den beiden genannten Generalen bestand nicht die nötige Einigkeit. Der von Lamarmora entworfene Feldzugsplan bestand darin, daß die Hauptarmee den Mincio überschreiten und durch das Festungsviereck nach der Etsch vordringen sollte, wo sich der über den untern Po und die Etsch mit dem 4. Korps vordringende Cialdini am linken Ufer mit ihr vereinigen sollte. Aber der Erzherzog Albrecht hatte die numerisch bei weitem schwächere österreichische Armee durch glückliche Aufstellung in die Lage gesetzt, sich nach Erfordernis auf den einen oder andern Teil der geteilten italienischen Macht zu werfen, und brachte 24. Juni bei Custozza dem Hauptheer des Königs unter Lamarmora eine so entscheidende Niederlage bei, daß die italienische Offensive fürs erste gänzlich aufgegeben werden mußte. Währenddessen fiel in Böhmen bei Königgrätz 3. Juli die Entscheidung. Unmittelbar nach derselben trat Österreich Venetien dem Kaiser Napoleon ab, indem es dessen Vermittelung I. gegenüber in Anspruch nahm. Der italienische Minister Ricasoli weigerte sich aber, den vertragsmäßigen Verpachtungen gegen Preußen untreu zu werden, und erneuerte die militärischen Operationen. Am 7. Juli überschritt Cialdini den untern Po und besetzte das Venezianische mit Ausnahme der Festungen, da die Österreicher das von ihnen bereits abgetretene Land fast ohne Schwertstreich räumten. Die Italiener dachten schon daran, sich nicht bloß mit Venetien zu begnügen, sondern alles italienisch sprechende Gebiet Österreichs, Welschtirol und Istrien, an sich zu reißen.

Zu weitern Kämpfen kam es jedoch nur in Tirol und zur See. Trotz der großen Hoffnungen, welche man in I. auf die Tüchtigkeit der Flotte setzte, hatte sich diese doch unthätig in Ancona aufgehalten, während die österreichische Flotte bei Pola vor Anker lag. Als nun der Admiral Persano von dem italienischen Ministerium Befehl erhielt, in See zu stechen und die befestigte Insel Lissa an der dalmatischen Küste wegzunehmen, wurde er von dem österreichischen Admiral Tegetthoff angegriffen und erlitt bei Lissa eine vollständige Niederlage (20. Juli). In I. erhob sich ein stürmischer Unwille gegen Persano, er wurde daher mit vielen seiner Flottenoffiziere vor ein Kriegsgericht gestellt und abgesetzt. In dem Waffenstillstand zu Cormons, 12. Aug. auf vier Wochen abgeschlossen, verzichtete Viktor Emanuel auf alle Erwerbungen außerhalb Venetiens und räumte die in Südtirol und Istrien besetzten Gebiete. Der definitive Friede kam aber erst 3. Okt. in Wien zu stande. In demselben ward die Abtretung des Lombardisch-Venezianischen Königreichs innerhalb seiner bisherigen Grenze nochmals bestätigt, wogegen I. sich verpflichtete, die auf jener Provinz haftenden Schulden zu übernehmen. Um die Schwierigkeit der früher stattgefundenen Zession Venetiens an Napoleon zu heben, wurde 21. und 22. Okt. noch eine Volksabstimmung in Venetien angeordnet, welche nur eine Minderheit von 69 Stimmen gegen die Einverleibung in das Königreiche ergab. Am 7. Nov. hielt Viktor Emanuel seinen feierlichen Einzug in das befreite Venedig.

Kaum war Venetien erworben, so drängte die ungeduldige Aktionspartei zur sofortigen Lösung der römischen Frage. Der Septemberkonvention gemäß hatte, nachdem eine päpstliche Armee, zumeist aus eifrig kirchlichen Freiwilligen, gebildet worden war, die französische Besatzung Rom und den Kirchenstaat geräumt. Zum erstenmal seit Jahrhunderten war der Boden Italiens frei von fremden Truppen. Die italienische Regierung wollte sich zunächst mit diesem Erfolg begnügen und begann von neuem Verhandlungen mit der Kurie über eine friedliche Verständigung, die freilich von dieser schroff zurückgewiesen wurde. Die Radikalen aber drängten zum Handeln. Garibaldi sammelte im Oktober 1867 eine Freischar, überschritt mit dieser 22. Okt. die Grenze des Kirchenstaats und rückte gegen Rom. Während die päpstliche Armee den Garibaldinern entgegenzog, landete zu ihrer Unterstützung ein Korps von 6000 Franzosen in Civitavecchia, und mit dessen Hilfe siegten die päpstlichen Truppen 3. Nov. bei Mentana über die Garibaldische Freischar, welche gänzlich auseinander gesprengt wurde. Der Rest des Kirchenstaats ward nun wieder von den Franzosen besetzt.

Die wenig verhüllte Begünstigung, welche der damalige Ministerpräsident, Rattazzi, Garibaldi hierbei hatte zu teil werden lassen, ohne doch den Mut offenen Beistandes zu haben, brachte I. Frankreich gegenüber in eine höchst demütigende Lage, und die Unfähigkeit des jungen Königreichs, seine Selbständigkeit allein mit eignen Kräften zu behaupten, trat offen zu Tage. Die Zerrüttung der Finanzen, das ungeheure Defizit, die Eifersucht der Parteihäupter, die Indolenz und Arbeitsscheu eines großen Teils des Volkes erschwerten eine rasche Erstarkung des jungen Staatswesens. Der Prozeß Persano, die Affaire Lobbia enthüllten bedenkliche Schäden in den herrschenden Kreisen. Die altpiemontesische Partei, die sogen. Consorteria, erwies sich zwar noch am meisten tüchtig in der Durchführung der notwendigen Reorganisation; aber sie war verhaßt im Volk wegen ihrer sklavischen Unterwürfigkeit unter den Willen Frankreichs, und auch die reorganisatorischen Maßregeln, wie die Einziehung der Klöster, Ersparungen im Kriegsetat etc., konnten naturgemäß nicht sofort alle Übelstände beseitigen.

Wiederum kam aber das Glück den Italienern zu Hilfe. Als 1870 der Krieg zwischen Frankreich und Deutschland ausbrach, war Viktor Emanuel geneigt, den Dank, den er Napoleon III. und der französischen Nation zu schulden glaubte, damit abzuzahlen, daß er ihnen gegen Deutschland bewaffneten Beistand leistete. Dies verhinderte das Ministerium Lanza-Sella, ließ