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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Japanische Sprache und Litteratur

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Japanische Sprache und Litteratur.

ander geschieden werden, so zählt die Sprache im ganzen nur 68 offene Silben. Veränderungen in der Aussprache haben jene ursprüngliche Einfachheit modifiziert, z. B. sto für fito, szru für suru, oi für Wofoki. So bedeutend die Bildsamkeit des Japanischen, seine Fähigkeit zur Schöpfung zusammengesetzter und abgeleiteter Wörter, sein Formenreichtum ist, so ist doch die Erlernung seiner grammatischen Elemente nicht eben schwierig; denn der Agglutinationsprozeß ist überall durch einfache, durchgreifende Gesetze geregelt. Allein das Verständnis, die Analyse der Texte wird oft sehr durch die geschilderten Eigentümlichkeiten des Lautwesens, durch den Mangel einer genügend feststehenden Orthographie und einer sichtbaren Abgrenzung der Wörter und Sätze (durch Trennungen und Trennungszeichen) erschwert. Dazu kommt, daß, wer sein Studium nicht nur auf die ältesten, rein japanischen Sprachdenkmäler beschränken will, notwendig auch der chinesischen Sprache und Schrift einigermaßen kundig sein muß. Die Beeinflussung des sprachlichen Ausdrucks durch Regeln der Etikette ist eine Eigenschaft, die das Japanische mit vielen Sprachen Asiens gemein hat; die Stellung des Redenden zum Angeredeten und beider zu dem Dritten, von dem etwa die Rede ist, will berücksichtigt sein. - Die Japaner bedienen sich verschiedener Syllabare, Irova genannt. Jedes derselben besteht aus den Zeichen für die 48 Grundsilben, zu welchen noch das Schluß -n hinzukommt. Alle diese Zeichen sind der chinesischen Schrift entlehnt, und ihre Reihenfolge ist nach einem Verschen geordnet, das mit "iro va" anhebt. Die gebräuchlichsten Syllabare sind das Katakana (s. die "Schrifttafeln"), eine Kürzung chinesischer Zeichen, meist nur in zweisprachigen Texten angewandt, und das Firakana, die im Verkehr üblichste Schrift, dabei die schwierigste; denn in ihr kann jede Silbe durch eine größere oder geringere Anzahl Zeichen der chinesischen Schnellschrift (Thsao) ausgedrückt werden. Doppelpunkte und Ring zur Rechten des Buchstabens dienen dazu, aus f: b, p, aus t: d, aus k: g, aus s: z zu machen. Um das Verständnis chinesischer Texte und deren Ablesung in japanischer Sprache zu erleichtern, ist ein Notensystem erfunden worden. Neuerdings herrscht in Japan eine starke Strömung zu gunsten der Einführung der europäischen (lateinischen) Schrift. An der Spitze der Bewegung steht die Gesellschaft Romaji-kai, die durch eine Zeitung für Verbreitung ihrer Bestrebungen wirkt. Grammatiken: von Alvarez (Amacusa 1593), Rodriguez (Nagasaki 1604, Macao 1620, Par. 1825), Collado (Rom 1632), Oyan-guren (Mexiko 1738), de Rosny (Par. 1857, 4. Ausg. 1872), Donkar Curtius (Leid. 1857, Par. 1861), Alcock (Schanghai 1861), Hoffmann (Leiden 1868; deutsche Ausg., das. 1877; mit dem Nachtrag: "Japanische Studien", das. 1878), Brown (Schanghai 1863), Aston (Lond. 1872), Noack (Leipz. 1886), Chamberlain (Lond. 1887). Wörterbücher: von Calepini (Amacusa 1595, Rom 1870, Par. 1870); anonyme: Nagasaki 1603, Manila 1630; von Collado (Rom 1632-38), Meadhurst (Batav. 1830, 1839), Goschkewitsch (Petersb. 1857), de Rosny (Par. 1857), Pagès (das. 1858), Hepburn (2. Aufl., Lond. 1872), Satow und Massakata ("English-Japanese dictionary", 2. Aufl., das. 1879), Lehmann (Tokio 1877).

[Litteratur.] Unsre Kenntnis von der japanischen Litteratur ist noch immer eine verhältnismäßig oberflächliche. Zahlreiche Hände sind jahraus jahrein thätig, ihre Schätze zu Tage zu fördern und uns zugänglich zu machen; allein den Umfang und Wert des gewaltigen Materials können wir kaum erst ahnen, geschweige denn bemessen. Dieselbe Regsamkeit, Gewandtheit und Empfänglichkeit, mit der die Japaner sich heute die Errungenschaften europäischen Wissens und Denkens zu eigen machen, haben sie auch damals bewährt, als sie zuerst chinesische Kultur und dann buddhistisch-indische Religion auf ihren Boden verpflanzten. Und was diesem selbst ureigen ist, seine Geschichte, seine Geographie, sein Natur- und Kulturleben, haben sie früh schon in den Bereich ihrer vielseitigen Schriftstellerei gezogen. Selbständige Denker auf philosophisch-theologischem Gebiet sind uns nicht bekannt; es scheint, daß man sich mit der Durchsuchung und Verarbeitung chinesischer und indischer Quellen begnügt hat. Neuerdings halten öffentlich angestellte Prediger populäre Vorträge über Gegenstände der Moral, und die uns davon vorliegenden Proben können in ihrer Lebensfrische, ihrer Gemütsinnigkeit und ihrem gesunden Humor geradezu als Muster volkstümlicher Beredsamkeit bezeichnet werden. Die einheimische (Schinto-) Mythologie hat sorgfältige Bearbeitungen erfahren. Die Geschichtschreibung folgt dem chinesischen Muster; sie ist sehr reich vertreten, aber chronikmäßig trocken. Geographie und Naturwissenschaften sind immer, soviel wir wissen, beschreibend, nicht spekulativ behandelt; die japanische Landeskunde ist mit großer Liebe gepflegt, und die zahlreichen Werke dieser Gattung versprechen eine wertvolle Ausbeute. Überall ist die encyklopädische Tendenz vorherrschend, und eigentliche Encyklopädien sind in Japan ebenso beliebt und womöglich noch verbreiteter als in China, nur scheinen sie mehr dem praktischen als dem wissenschaftlichen Interesse und nebenbei der Befriedigung einer harmlosen Neugier zu dienen. Daher die Vorliebe für illustrierte Bücher, deren Abbildungen trotz der naivsten Zeichenfehler meist lebendig und sprechend sind. Zu den Werken dieser Art gehören auch die technologischen Sammelwerke, deren Studium auch für uns nicht ohne praktischen Nutzen bleiben dürfte. Auch hier jedoch herrscht mehr gewissenhafte Empirie als wissenschaftliche Untersuchung vor. Die Lehrthätigkeit scheint seither mehr im Anweisen als im Beweisen bestanden zu haben, und nur an dem Studium der chinesischen Weltweisen wurde der kritische Sinn bei der gebildeten Jugend geübt. Diese Beschäftigung mit ausländischen Schriftstellern war aber für die Pflege der Sprachkunde ebenso förderlich, wie sie für die Sprache selbst nachteilig wurde; denn letztere nahm eine Menge Wörter und Redensarten aus dem so ganz anders gearteten Chinesischen in sich aus. Aber gerade der Gegensatz zwischen den beiden so vermählten Sprachen mochte wiederum das Bedürfnis zum Studium beider wecken. Daher zahlreiche lexikalische und sogar grammatikalische Arbeiten, welche sich nächst dem Japanischen und Chinesischen auch auf das Sanskrit, das Koreanische, die Ainosprache und neuerdings auf die wichtigern europäischen Sprachen erstreckt haben. Mit viel Verständnis und Liebe ist für die Bedürfnisse der niedern Volksklassen und der Kinder Sorge getragen. Für ein wahres Spottgeld kauft der arme Mann ein dickes Buch, das so ziemlich alles enthält, weswegen er ein Buch zu Rate ziehen möchte, unter anderm auch ein (chinesisches) Fremdwörterbuch, die Anweisung zu den gewöhnlichen mathematischen Operationen, Briefsteller etc. Illustrierte Volksbücher im engern Sinn erzählen bald Erfundenes, bald interessante historische Begebenheiten. Für die Jugend