Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Jerusalem

203

Jerusalem (Bewohner, Umgebung, spätere Geschichte).

Kuppel, nächst der Moschee zu Mekka die heiligste der ganzen mohammedanischen Welt, an welche wie an den darin befindlichen heiligen Felsen sich eine Menge jüdischer und arabischer Sagen knüpft. Eine andre Moschee, El Aksa, ehemals die schöne, der Jungfrau Maria geweihte Basilika Justinians, liegt im südlichen Teil des Tempelplatzes.

[Bevölkerung.] Die mächtigste christliche Gemeinde in J. ist die griechische, 4600 Seelen stark; sie besitzt einen Patriarchen, 17 Klöster, welche Raum für 2500 Pilger bieten, ein Seminar für griechische Priester (im Kreuzkloster), eine Mädchen- und eine Knabenschule, ein Hospital etc. Die Katholiken (2100 Seelen) besitzen das Salvatorkloster im W. der Stadt mit Pilgerherberge, schöner Druckerei, Schule und Spital, mehrere Mädchenerziehungsinstitute und das österreichische Hospiz. Die armenische Kirche zählt etwa 450 Bekenner unter einem Patriarchen und hat 2 Mönchsklöster (darunter das erwähnte Jakobskloster) und ein Nonnenkloster; die 85 koptischen (ägyptischen) Christen unter einem Patriarchen haben 2 Klöster, die Jakobiten ein kleines Kloster mit einem Bischof; desgleichen haben die wenigen (56) Abessinier einen Bischof. Eine protestantische Gemeinde (1886: 850 Seelen) besteht in J. seit den 40er Jahren. Ihr gehören die anglikanische Christuskirche auf dem Berg Zion (1842-48 erbaut), die deutsche Kapelle auf dem Johanniterplatz (seit 1871) und die St. Paulskirche für die arabischen Protestanten vor der Stadt, nahe dem Damaskusthor (seit 1874). Auf Anregung Friedrich Wilhelms IV. von Preußen wurde 1841 ein evangelisches Bistum von England und Preußen gemeinsam errichtet und der erste Bischof von Preußen, der zweite 1879 von England ernannt; als aber 1883 der letztere starb, blieb die Stelle unbesetzt, und 1886 wurde der Vertrag seitens Preußens gekündigt. Die Gemeinde besitzt eine anglikanische und eine deutsch-evangelische Schule, einige Knabeninstitute, eine englische Industrieschule für Proselyten, ein Hospital mit Diakonissinnen aus Kaiserswerth, ein Mädchen- und ein Knabenwaisenhaus, ein Kinderspital, das Johanniterhospiz und das Aussätzigenhaus. Die Sekte der "Templer" hat ein Lyceum mit 9 Lehrern. J. ist Sitz eines deutschen Berufskonsuls.

Die Gesamtzahl der Einwohner wird 1886 zu 33,850 angegeben, worunter 8250 Christen, 20,000 Juden und 5600 Mohammedaner, deren Zahl beständig abnimmt. Die Hauptsprache ist die arabische; außerdem hört man italienisch, griechisch, französisch, englisch, deutsch und russisch sowie türkisch sprechen. Im allgemeinen stehen die Bewohner Jerusalems nicht im besten Ruf, indem sie für träg, ränkesüchtig, lügenhaft und feig gelten. Doch halten sie streng auf Beobachtung ihrer verschiedenen kirchlichen Gebräuche. Von Industrie ist kaum die Rede, man treibt nur etwas Weberei und Pantoffelmacherei. Ausgeführt werden Pilgermuscheln, Rosenkränze, Amulette, Kruzifixe, Reliquien, doch nicht mehr in solcher Menge wie früher. Der neuerlich im Wachsen begriffene Handel ist unbedeutend, wiewohl es in J. manche reiche Kaufleute, namentlich unter den Armeniern, gibt.

[Umgebung.] Was die Umgebung Jerusalems anbelangt, so fehlt, wie bemerkt, der Stadt an der Nordseite der natürliche Schutz durch ein tiefes Thal, da sich hier eine Hochebene anschließt. Hier sind die sogen. Königsgräber, die aus Christi Zeit herrühren mögen, und die "Gräber der Richter"; näher der Stadt zeigt man eine geräumige Höhle, worin Jeremias seine Klagelieder gedichtet haben soll. Im NW. liegen die ausgedehnten Gebäude des russischen Konsulats und Hospizes, die des österreichischen Konsulats, das evangelische Mädchenwaisenhaus Talitha Kumi etc. Hier hat sich in den letzten Jahren eine große, zumeist von Juden bewohnte Vorstadt gebildet. Im W. sind die beiden in den Felsen gehauenen viereckigen Teiche Mamilla und Birket es Sultan im Felsenthal Er Rababi (Ben Hinnom), wo zahlreiche Felsengräber sich erhalten haben; Zion gegenüber liegt der Töpferacker (nachher Blutacker oder Hakeldama genannt). Auf der Ostseite der Stadt fließt der Bach Kidron durch das Thal Josaphat. Ganz im S. liegt der Teich Siloah, welcher von der intermittierenden Quelle Siloah gespeist wurde. Das Thal Kidron wird im O. vom Ölberg (s. d.) begrenzt, an dessen südwestlichem Fuß das Dorf Kefr Silwan mit meist in den Felsen gehauenen Wohnungen liegt. Nördlich davon das sogen. Grab Absaloms, Zacharias' und viele andre alte Gräber. Weiter thalaufwärts kommt man zunächst nach Gethsemane, einem etwa 70 Schritt im Quadrat großen, mit einer Mauer umgebenen Garten mit einigen sehr alten Ölbäumen, wo verschiedene durch die Leidensgeschichte Jesu geheiligte Lokalitäten gezeigt werden. Weiter nördlich, ebenfalls am Fuß des Ölbergs, zeigt man das angeblich von der heil. Helena errichtete Grabmal der Jungfrau Maria, daneben die Gräber ihrer Eltern und ihres Gatten Joseph.

[Spätere Geschichte.] J. blieb unter der Herrschaft der oströmischen Kaiser, bis es von Chosroes II., König der Perser, 614 erobert ward. Zwar gewann der Kaiser Heraklios die Stadt im Frieden 628 wieder; doch

^[Abb.: Karte der Umgebung von Jerusalem.]