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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Juden

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Juden (Zerstörung Jerusalems; die Juden im römischen Reich).

vor. Ein Aufstand unter Judas von Gaulonia ward leicht unterdrückt. Judäa ward noch einmal ein von den römischen Kaisern abhängiges Königreich unter Herodes Agrippa I. (41-44), einem Enkel Herodes' d. Gr. Er beherrschte die vereinigten Gebiete des Philippus und Antipas, war baulustig und verschwenderisch und nur dem Namen nach jüdischer König. Das Land wurde wegen der Jugend Agrippas II., Sohns Agrippas I., vorläufig wieder durch Prokuratoren verwaltet (Cuspius Fadus, Tiberius Alexander u. a.); 49 erhielt Agrippa einen Teil des Landes, später das wieder vergrößerte Reich. Verschärfter Druck, Erpressungen, bezahlte Mörder (die gedungenen Sikarier, "Dolchmänner", mußten jeden Verdächtigen niederstoßen) der römischen Befehlshaber mehrten den Haß und die Aufregung des Volkes. Unter Gessius Florus begann der Aufstand, der nach der Niederlage des Feldherrn Cestius Gallus (66) organisiert wurde. Der als Geschichtschreiber bekannte Flavius Josephus (s. d.) übernahm die Verwaltung Galiläas und der Festung Gamala. Zur Unterdrückung des Aufstandes sandte Nero den Vespasian, dessen Sohn Titus diesem Truppen zuführte, mit den römischen Legionen, die Sepphoris eroberten, die Feste Jotapata und andre wichtige Plätze nach verzweifelter Gegenwehr der J. nahmen, Josephus gefangen fortführten und nun unter Titus' Oberbefehl 69 vor Jerusalem rückten, das trotz der heldenmütigsten Verteidigung erobert wurde. Parteikämpfe im Innern, Hunger und Pest, die wohl ohne Titus' Willen erfolgte Einäscherung des Tempels (9. Ab) brachen den Widerstand des Volkes, das nun seine politische Selbständigkeit gänzlich verlor und zu Hunderttausenden in die Sklaverei geführt wurde. 72 nahmen die Römer (Lucilius, Bassus und Flav. Silva) die letzten Bollwerke des jüdischen Staats, Herodium, Machärus, Masada, verteilten das Land zum Teil an römische Soldaten und veräußerten den übrigen Grundbesitz. - Im parthischen Reich war schon zuvor bei Gelegenheit von Thronstreitigkeiten von seiten der Babylonier eine blutige Verfolgung über die J. ergangen. Die dem Tod Entronnenen flohen nach Seleukia, wo sie fünf Jahre später zum größten Teil von den dort wohnenden Griechen und Syrern aufgerieben wurden; nur wenige entkamen nach Nahardea und Nisibis, woselbst das königliche Haus 47 n. Chr. zum Judentum übergetreten sein soll.

2) Geschichte des Volkes in der Zerstreuung.

Im zweiten Hauptteil der jüdischen Geschichte, die Erlebnisse des Volkes in der Zerstreuung umfassend, von 70 n. Chr. bis auf unsre Zeit, tritt keine historische That in den Vordergrund, von welcher alle J. berührt und ihre politischen Verhältnisse allgemein betroffen worden wären. Ein allgemeines Charakterzeichen der Geschichte dieses Zeitraums, die sich unter den fünf unten gezählten größern Perioden am übersichtlichsten nach den einzelnen Ländern des Aufenthalts der J. gliedern läßt, ist nur in dem äußern Druck zu erkennen, der bald mehr, bald weniger auf ihnen lastete und der in den ersten Jahrhunderten vereinzelt und weniger vorbereitet sie beschwerte, später aber, namentlich während der letzten Hälfte des Mittelalters, in systematische Tyrannei überging. Die jüdische Geschichte entwickelt sich so zur Leidensgeschichte ohne größere politische Bedeutung, sie erscheint, um mit den Worten eines anerkannten Historikers zu reden, wie das Tagebuch eines Henkers. Fast überall befeindet und bedrückt, mit Abgaben und Zöllen überbürdet, vom ehrenden Erwerb meistens zurückgewiesen, bald hier, bald dort aufgescheucht und verjagt, haben die Vaterlandslosen wenig Glück in ihren äußern Verhältnissen. Sie arbeiten trotzdem, von einigen Zeiten des Stillstandes und Rückschritts abgesehen, die geistige Seite ihrer Nation, die religiösen Ideen, aus und treten, wo ihnen der Zutritt erschlossen wird, mit Erfolg ein in die sittliche Bewegung der Menschheit. Dadurch wird ihre Geschichte Litteratur- und Kulturgeschichte. Dank ihrer fleißigen, gemeinsamen Arbeit, ihrer hohen Begabung und sittlichen Führung erhalten sie ihre Zusammengehörigkeit bis in die Neuzeit, in welcher mit der zunehmenden Zivilisation, wenn auch sehr langsam, ihre Verachtung und Bedrückung abnimmt, bis ihre bürgerlichen Rechte nicht mehr durch ihr Glaubensbekenntnis beschränkt werden. Die Geschichte des jüdischen Volkes in der Zerstreuung zerfällt also in folgende fünf Abschnitte:

a) Die Geschichte der Juden im römischen Reich.

Schon vor dem Fall Jerusalems hatten J. ihr Heimatsland verlassen und fremde Länder aufgesucht. Sie wohnten bereits in Persien, Ägypten, Kyrene, Griechenland, Kleinasien und Italien. Im römischen Reiche galten die J. in den ersten Jahrhunderten n. Chr. für vollkommen rechtsfähig, nahmen in jeder Beziehung teil am Staatsleben, bekleideten Ämter, wobei sie billige Berücksichtigung ihrer Gebräuche und Gesetzesvorschriften fanden. Die Spitzen ihrer religiösen Behörden waren denen der übrigen Staatskörper gleichgestellt und von allen persönlichen und bürgerlichen Lasten befreit. J. wohnten bereits seit der ersten Berührung mit den Römern im ganzen Reich zerstreut und bildeten schon unter den ersten Kaisern in Rom selbst eine sehr ansehnliche Gemeinde. Sie begleiteten auch die Römer auf ihren siegreichen Eroberungszügen und siedelten sich früh in Gallien und Spanien an. Der Haß gegen die mächtigen Eroberer und der Wunsch, die nationale Selbständigkeit zu erneuern, trieb sie zu häufigen, aber stets erfolglosen Empörungen. Unruhen in Palästina, wahrscheinlich durch den Kriegszug Trajans gegen die Parther hervorgerufen, wurden 114 von Quietus unterdrückt. Unter Anführung des Andreas und Lucuas hatten sie 115 in Kyrene versucht, sich des fremden Joches zu entledigen; 116 in Cypern, wo Hadrian durch Ausrottung aller hier wohnenden J. den Aufstand unterdrückte und Beschränkung und Verfolgungsgesetze gegen die J. des ganzen Reichs erließ, die von Trajan später zurückgenommen wurden. Die blutigen Niederlagen der J. in Mesopotamien, die 118 sich empörten, schreckten die J. in Palästina nicht ab, unter Hadrian (117-138) abermals einen Versuch zu wagen, ihre Selbständigkeit wieder zu erringen. Der als Messias begrüßte Bar-Kochba ("Sternensohn", nach seinem Fall Bar-Kosba, "Lügensohn", genannt) leitete (132) den Aufstand. Ein zahlreicher Anhang aus allen Schichten der Bevölkerung (selbst R. Akiba soll ihm vertraut haben) schien Bar-Kochba den Erfolg zu sichern. Der römische Befehlshaber Jul. Severus beendete aber 135 die Kämpfe, bei denen mehr als eine halbe Million Menschen umkamen, mit der Einnahme der letzten Zufluchtsstätte der Insurgenten, der Bergfestung Bettar, der Hinrichtung vieler hervorragender Persönlichkeiten, besonders Gelehrter, der Zerstreuung des Volkes und der Verödung Jerusalems, welches, von Hadrian neu erbaut und nach N. und O. erweitert, Aelia capitolina genannt und mit Nichtjuden bevölkert wurde. Die strengen Erlasse Hadrians, die vorzüglich gegen das Studium und die Ausübung des mosaischen Gesetzes gerichtet waren, blieben in Gel-^[folgende Seite]