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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Juden

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Juden (in der Neuzeit).

den Weltverkehr vermittelt hatten, zum verderblichen Kleinhandel und Wucher, den sie, weil er durch ihre Religion strengstens verboten war, erst vom 13. Jahrh. an lernten, und den die Reichspolizeiordnung von 1530 zu beseitigen strebte, insofern sie die Ernährung "mit ziemlicher Hantierung und Handarbeit" forderte. In religiöser und gesellschaftlicher Beziehung litten die J. unter vielen Beschränkungen. Sie bewohnten eigne Stadtviertel (Ghettos), die ihnen angeblich zum Schutz angewiesen waren, aber den Verfolgern die Opfer gleich vereint überlieferten; man verhöhnte und beschimpfte sie in Bildern, Worten und Thaten, ließ ihnen oft nur die Wahl zwischen Tod und Taufe, belästigte sie mit Bekehrungsversuchen, untersagte ihnen während der Passionszeit das Erscheinen an öffentlichen Plätzen, suchte sie von jeder Gemeinschaft mit Christen auszuschließen, verbot ihnen das Halten christlicher Dienerschaft sowie den jüdischen Ärzten die Behandlung christlicher Patienten und befahl ihnen, Abzeichen, über deren Form und Farbe besondere Verordnungen erschienen, zu tragen. Hin und wieder wählte man Männer aus der Zahl der begabten, gewandten und unterrichteten J. und verwendete sie im Finanzdienst, als Steuereinnehmer und Münzbeamte.

Mit seltenem Opfermut haben auch die J. Deutschlands die Greuel und Verfolgungen ertragen, mit denen das ganze christliche Mittelalter sie überhäufte. Falsche Beschuldigungen, religiöse Unduldsamkeit und die Sucht nach jüdischem Besitz haben weltliche und kirchliche Würdenträger und fanatisierte Volkshorden veranlaßt, sie zu peinigen und zu vernichten. 1012 vertrieb sie Heinrich II. aus Mainz und wahrscheinlich auch aus andern Städten; 1066 ließ ihnen der Bischof von Trier die Wahl zwischen Christentum und Verbannung. Die Kreuzfahrer plünderten, tauften oder mordeten sie zur Ehre Gottes und vertilgten ganze Gemeinden in Speier, Worms, Mainz, Köln, Trier, Regensburg u. a. O. Bald nachher scheinen sich aber überall wieder J. angesiedelt und ruhig bis zum zweiten Kreuzzug gelebt zu haben. Der aus Italien zurückgekehrte Kaiser Heinrich IV. gestattete den zwangsweise getauften J. die Rückkehr zum alten Glauben und verpflichtete in Mainz (1103) Fürsten und Bürger, ähnlichen Greueln vorzubeugen. Aber alle Bemühungen konnten die Schrecken der folgenden Kreuzzüge und die vielen lokalen Verfolgungen, welche der Glaube, die J. gebrauchten zu rituellen Zwecken Christenblut (ein Wahn, der noch 1823 in Rußland, 1834 am Rhein, 1842 in Damaskus, 1882 und 1883 in Ungarn [Tisza-Eszlar] auftauchte), und andre Beschuldigungen verursachten, nicht verhindern. Wir nennen von diesen Verfolgungen und Ausweisungen nur die von Boppard 1179, Erfurt, Wien 1196, Nürnberg 1198 u. 1289, Halle 1205, Gotha 1212, Erfurt 1221 und 1266, Mecklenburg 1225, Breslau 1226 und öfter, Fulda 1235, Frankfurt a. M. 1241, Belitz 1243, Hildesheim 1258, Weißenburg 1260, Magdeburg 1261 und 1301, Lorch 1276, Bacharach 1283, München 1285, Bern 1287 und 1294, Nördlingen 1290 und 1384, Kolmar 1292, Weißensee 1303, Prag und Wien 1305, Süddeutschland 1309, Steiermark 1310. Unter Anführung des fränkischen Edelmanns Rindfleisch wurden die J., der Hostienschändung bezichtigt, 1289 in Franken, Bayern und Österreich, von 1336 bis 1338 von den sogen. Armleder im Elsaß, in Schwaben, Franken, 1337 von dem Orte Deggendorf aus in Bayern und Österreich, 1346 von den Geißelbrüdern, den Flagellanten, schwer heimgesucht. Bei den Opfern, die der schwarze Tod (1348) forderte, schob man die Schuld auf die J., sie der Brunnenvergiftung anklagend, erpreßte durch die Folter Geständnisse, verwarf ihre Verteidigung und die entlastenden Beweise der geschicktesten Ärzte und benutzte überall die Gelegenheit, um durch Mord von Tausenden von J. die Raublust zu befriedigen. Ihres Geldes wegen gewährte man aber bald überall, wo man sie früher verjagt hatte, den J. wieder eine Zuflucht; selbst die Kurfürsten bewarben sich um das Recht, J. aufnehmen zu dürfen, was ihnen in der Goldenen Bulle gestattet wurde. Aber schon 1384 und 1385 fanden in Franken und Schwaben, später, meistens auf Beschluß der Obrigkeit, im Mainzer Stift (1420), unter dem Erzherzog Albrecht in Österreich (1420 u. 1421), in Freiburg i. Br. (1424), Zürich (1424 und 1435), Köln (1426), in Sachsen (1432), in Speier und Zürich (1435), in Mainz (1438), Augsburg (1439), in ganz Bayern (1450) und auf Veranlassung des fanatischen Reisepredigers, des Franziskanermönchs Johann von Capistruno (1452-55), in Schlesien nach den üblichen Plünderungen neue Austreibungen statt. Auch die Schweiz hat seit 1348 und Steiermark seit 1496 Judenverfolgungen aufzuweisen (Winterthur und Schaffhausen 1401, Zürich 1442, wo ihnen später [1451 und 1490] der Aufenthalt gestattet wurde, Genf 1490, Thurgau 1491). Die Baseler Kirchenversammlung von 1434 verpflichtete zur thätigen Judenbekehrung. Mit der seit dem 13. Jahrh. immer mehr um sich greifenden Entehrung ging das innere Leben der J., das sich bis dahin in seltener Weise entfaltet hatte, einem allmählichen Verfall entgegen. In der Abgeschiedenheit des Mittelalters verkümmerte wohl die Sprache der J. zu einem verderbten Jargon (s. Jüdisch-deutscher Dialekt); aber der Geist blieb frisch, förderte Sittenreinheit, Opferfreudigkeit, Gemeinsinn, Fleiß, Wohlthätigkeit und vor allem jene seltene Kraft des Duldens, die bis in die neueste Zeit hinein sich noch oft bewähren mußte.

e) Geschichte der Juden in der Neuzeit.

Politisch und geistig unfrei finden wir zu Anfang des 16. Jahrh. die J. in Arabien, Indien, in der Bucharei, Tatarei und in Abessinien. Nordafrika hatten sie schon bei den Verfolgungen auf der Pyrenäischen Halbinsel aufgesucht und sich in den dort zahlreichen Judengemeinden niedergelassen. Mulei Archei nahm sich der J. in Fes und Tafilet Mitte des 17. Jahrh. an; in Marokko wird die jüdische Bevölkerung von einem Scheich und zwölf Abgeordneten der Städte vertreten; in der Berberei und Algier wurden sie bedrückt, hier seit 1830 unter französischer Herrschaft befreit. Die Türkei, wohin sie von Spanien aus sich wandten und große Gemeinden in Konstantinopel, Salonichi, Smyrna, Adrianopel, Damaskus u. a. O. bildeten, zeigt uns die J. als einflußreiche Handelsherren und Fabrikanten, durch die Gunst der Sultane (Selim, Soliman I.) auch zu Staatsämtern (Joseph Nasi [gest. 1579] sogar zum Herzog von Naxos) erhoben. Hier aber verflachte sich das anfangs blühende wissenschaftliche Leben im Studium der Kabbala (s. d.), wodurch es möglich wurde, daß Schwärmer, wie Rubeni und Molcho, Glauben und Anhang fanden. Der kabbalistischen Richtung huldigten auch Sabbatai Z'wi (s. d.) aus Smyrna (1648) und die Sekte der Sabbatäer, woraus im 18. Jahrh. die beiden andern Sekten, die der Frankisten, gestiftet von Joseph Frank, und die der Chasidäer, gestiftet von Israel Baalschem, hervorgingen. Unter dem Druck türkischer Beamten haben die J. in Palästina, unthätig und von Unterstützungen lebend, ihre traurige Lage bis heute nicht ändern können.