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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Judica; Judicium; Judicum; Judikarien; Judikat; Judikatur; Jüdisch-deutscher Dialekt; Jüdische Litteratur

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Judica - Jüdische Litteratur.

lent für das Theater bemerkbar machte, das Konservatorium zu Paris, wo sie unter Regnier Gesang studierte. Sie debütierte 1867 am Gymnase in einer kleinen Partie, sang darauf im Café-Concert Eldorado, 1871 in Belgien und trat, nach Paris zurückgekehrt, 1872 erst an den Folies-Bergères, dann von Offenbach engagiert am Gaité-Theater und schließlich an den Bouffes-Parisiens auf. Die letztere Theater wurden die Stätte ihres Ruhms. Später trug sie viel zur Blüte der Variétés bei; die schöne Helena, Perichole, Niniche, Roussotte und ähnliche Partien zählen zu ihren Glanzleistungen. J. hat übrigens auch in London und Petersburg die gleichen Triumphe wie in Paris gefeiert.

Judica (lat.), Name des fünften Fastensonntags, nach dem Anfangswort von Psalm 43, 1.

Judicium (lat.), s. Judiz.

Judicum (J. liber, lat.), das "Buch der Richter" in der Bibel.

Judikarien (ital. Giudicaria), Bezeichnung für den südwestlichen Teil von Tirol, welcher das Thal der Sarca in ihrem mittlern, östlich gerichteten Lauf und dessen südwestliche Fortsetzung, das Thal des Chiese, umfaßt, durch landschaftliche Schönheit und Fruchtbarkeit ausgezeichnet ist und die Orte Tione, Stenico, Pinzolo u. a. enthält.

Judikat (lat. judicatum), Urteil; Judikation, Be-, Aburteilung; judikatorisch, richterlich.

Judikatur (lat.), Rechtsprechung; namentlich die in den Urteilsgründen niedergelegte und in den Urteilen selbst zum Ausdruck gebrachte Rechtsanschauung, daher s. v. w. Gerichtspraxis, Gerichtsgebrauch.

Jüdisch-deutscher Dialekt (Judendeutsch), der eigentümliche Dialekt, dessen Grundlage die in Vokalisation, Wortbildung und durch Neugestaltungen getrübte, mit Korruptionen aus dem Hebräischen und andern alten und neuen Sprachen gemischte hochdeutsche Mundart bildet, und der von den deutschen Juden in Deutschland, im östlichen Frankreich, den Niederlanden bis zur Neuzeit gesprochen wurde, besonders aber in Rußland, Polen, Ungarn, Bosnien, Serbien, Rumänien noch heute die Umgangssprache der Israeliten deutscher Abstammung bildet. Der jüdisch-deutsche Dialekt war bei den von aller Welt abgeschlossenen Juden vorwiegend Umgangssprache, ist nachlässig geschaffen und oft zu dem Zweck, nicht jedem verständlich zu sein, gehandhabt worden. Man kann je nach den einzelnen Ländern verschiedene Zweige dieses Dialekts unterscheiden. Die Nachlässigkeit, mit der die grammatischen Formen durcheinander geworfen und verstümmelt sind, verbieten eine grammatische Behandlung des Jüdisch-Deutschen; doch bietet dasselbe manchen Anhaltspunkt für die Sprachforschung, und mit seiner Hilfe lassen sich viele besonders in Süddeutschland gebräuchliche Wörter und Redensarten erklären. Man unterscheidet darin vier Elementarbestandteile: 1) das Hebräische und zwar für Gegenstände aus dem Kreis des Judentums und des jüdischen Lebens, bei Begriffsformen, mit denen die jüdischen Studien vertraut machten, verschiedenen Ausdrücken aus der Sprache des täglichen Lebens und einigen andern Gegenständen, die man absichtlich nicht mit dem deutschen Wort benannte; 2) Kompositionen des Hebräischen und der Landessprache in vierfacher Weise: das deutsche Hilfsverbum "sein" mit dem hebräischen Partizipium, z. B. matzil sein (erretten), meschuggo (verrückt) sein, deutsche Flexionen hebräischer Wörter, z. B. Verba durch die Endsilben en oder n, als darschan-en (predigen), oder Adjektiva, z. B. chen-dig (anmutig) etc., Zusammensetzungen, wie Schabbeslicht (Sabbatlicht), Habdalabüchse (Gewürzbüchse), zu Wörtern erhobene Abkürzungen, z. B. Ra-T (Reichsthaler), Pa-G (preußischer Groschen); 3) ungebräuchliches oder fehlerhaftes Deutsch, teils in Anwendung für die jüdischen Gebräuche, z. B. aufrufen (zur Thora), lernen (als religiöses Studium), teils in Judaismen aller Art, z. B. unrichtige Aussprache und Schreibung (au für o, gel für gelb), einige Flexionen und Konstruktionen (heit statt keit, mir statt wir), besonderer Gebrauch der Wörter (sich kriegen statt streiten, königen statt regieren, Schule statt Gotteshaus), Redensarten und Sprichwörter, willkürliche Bildungen, z. B. jüdischen (beschneiden), teils endlich in einer beträchtlichen Anzahl von alten, veralteten oder provinzialen Ausdrücken bestehend, z. B. as (daß), Ette (Vater) etc.; 4) aus der Fremde stammende Aussprache und Wörter, z. B. benschen (segnen, lat. benedicere), oren (beten, lat. orare), Pilzel (Magd, ital. pulcella), planjenen (weinen, lat. plangere), preien (einladen, franz. parler), Sargenes (Sterbehemd, ital. sargano, sargia) etc. - Die jüdisch-deutsche Litteratur entwickelte sich namentlich in Polen und Deutschland vor der Mitte des 16. Jahrh. zum Zweck der religiösen Erbauung und Belehrung, der Verbreitung von Übersetzungen aus der profanen Litteratur sowie aus der Bibel. Sie umfaßt Paraphrasen und midraschische Ausschmückungen biblischer Bücher (Zeênu urena), religiös-ethische Schriften (z. B. Brautspiegel, Seelenfreude, Frauenbüchlein, Buch der Frommen u. a.), Übersetzungen der Gebetbücher, Andachtsbüchlein (Techinnot), historische Werke (Schewet Jehuda u. a.), Ritualwerke (Minhagim), Sagen- und Heldenbücher, Belletristik (Josippon, Judith, Maassebuch, Übersetzungen von "Tausendundeine Nacht", Rittergeschichten u. a.), Glossare zu Bibel und Talmud etc.; auch mehrere Verfolgungsschriften und Rechtsgutachten sind im jüdisch-deutschen Dialekt abgefaßt. Seit M. Mendelssohn, der durch seine deutsche Bibelübersetzung den Sinn für deutsche Sprache und deutsche Wissenschaft belebte, schwand das Judendeutsch immer mehr. Nur in Rußland, Polen, Galizien, Rumänien etc. ist es noch heute nicht nur im Verkehr allgemein gebräuchlich, sondern wird auch unter Anwendung der jüdischen Kursivschrift zu schriftlichen Mitteilungen aller Art benutzt. Für die Juden in den genannten Ländern und die polnischem Einwanderer in England und Amerika erscheinen gegenwärtig über 15 jüdisch-deutsche Zeitungen (Tages-, Wochen- und Witzblätter). Vgl. Jost in Ersch und Grubers Encyklopädie (Bd. 27); Zunz, Gottesdienstliche Vorträge (Berl. 1832). Die Hilfsbücher zum Erlernen des jüdisch-deutschen Dialekts sind unzureichend. Über das in der Gaunersprache (s. Kochemer-Loschen ^[richtig: Kochemer Loschen]) aufgenommene und verarbeitete Judendeutsch vgl. Avé-Lallemant, Das deutsche Gaunertum, Bd. 3 u. 4 (Leipz. 1862), u. Steinschneider, Hebräische Bibliographie (Berl. 1864). Eine Chrestomathie der jüdisch-deutschen Litteratur gab Grünbaum (Leipz. 1882) heraus.

Jüdische Litteratur, im weitern Sinn das gesamte Schriftentum des israelitischen Volkes von der Zeit der babylonischen Gefangenschaft an, seit welcher der Name Juden für die Hebräer oder Israeliten gebraucht wurde. Fälschlich hat man diese Litteratur zur Unterscheidung von der biblisch-hebräischen neuhebräische, aus der mißverstandenen Titulatur Rabbi, die man jedem gelehrten Juden gab, auch wohl rabbinische Litteratur genannt.