Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Kaffeebaum (Kaffeesatz, Surrogate, Kulturgeschichtliches).

entstandenen Sopor und Coma und namentlich bei manchen Formen des Kopfschmerzes. Sehr wohlthätig hat sich Kaffee als kaltes Getränk bei Feldarbeiten bewährt, indem man 600 g gemahlenen Kaffee nebst 15 g Zimt mit 5,75 Lit. Alkohol extrahiert und von dieser Kaffee-Essenz 0,5 kg mit 1 L. Weingeist (86°), 125 L. Wasser und 2,25 kg Zucker mischt. Aus der Essenz bereitet man auch einen Likör, und an manchen Orten sind Kaffeecreme und Kaffeeeis beliebt.

Kaffeesatz. Surrogate.

Der Kaffeesatz wird mit seinem doppelten Gewicht Kleie zu Stopfnudeln verarbeitet, mit welchen man Gänse und Kapaunen mästet. Die Tiere sollen davon sehr fett und das Fleisch sehr schmackhaft werden. Man benutzt den Kaffeesatz ferner zum Reinigen der Nachtgeschirre und beim Abfegen braun gestrichener Fußböden. Kocht man den Kaffeesatz mit Sodalösung aus, so erhält man durch Zusatz von Alaun zu der filtrierten Flüssigkeit einen braunen Niederschlag, welcher als Malerfarbe benutzt werden kann. Verkohlt gibt der Kaffeesatz eine Art von Kohlenschwarz. Der beim Brennen des Kaffees sich entwickelnde Geruch verdeckt in ausgezeichneter Weise die üblen Gerüche frisch getünchter Kalkwände, frisch lackierter Thüren, beim Räumen von Düngergruben, in Kinderstuben etc.; daß er als desinfizierendes Mittel bei ansteckenden Krankheiten wirksam sei, ist ganz unwahrscheinlich. Aus der fleischigen Hülle der Früchte des Kaffeebaums bereiten die Araber auf dieselbe Weise wie aus Weintrauben ein geistiges Getränk, welches alle die belebenden Eigenschaften zu besitzen scheint, die man auch beim Kaffee schätzt. Das getrocknete Fruchtfleisch wird seit langer Zeit in Arabien geröstet und liefert, mit kochendem Wasser übergossen, ein Getränk, den Sultanskaffee oder Sakka. Seit einigen Jahren als Kaffeesurrogat in England gebräuchlich, kommt ein dem Sakka entsprechendes Präparat jetzt auch bei uns in den Handel. Aus den Schalen der Bohnen wird der Kischer bereitet, ein leichtes, helles Getränk vom Geschmack des Kaffees, welches von den ärmern Volksklassen im Orient in außerordentlicher Menge genossen wird. Die Blätter des Kaffeebaums werden schon seit langer Zeit auf Sumatra und Java zur Bereitung eines Thees benutzt, welcher in Bezug auf Geruch, Geschmack und Aussehen mit dem chinesischen Thee verglichen werden kann. Sie enthalten mehr Kaffein als die Kaffeebohnen und sind außerdem reich an Gerbsäure, verdienen also als wirkliches Surrogat für den teurern Thee Beachtung.

Der massenhafte Verbrauch des Kaffees hat zur Aufsuchung von Surrogaten geführt, welche indes den Kaffee durchaus nicht ersetzen können, da sie weder Kaffein noch die übrigen eigentümlichen Kaffeebestandteile enthalten. Sie werden sämtlich geröstet und führen mithin dem Körper empyreumatische Stoffe zu, von denen manche bis zu einem gewissen Grad ähnliche Wirkungen wie der Kaffee hervorbringen mögen. Die wichtigsten Surrogate sind außer dem schon erwähnten Sakka: Getreidearten, besonders Roggen, schon im 17. Jahrh. im Gebrauch, werden gekocht, bis die Körner weich sind, ohne aufzuspringen, dann getrocknet und geröstet. Auch Lupinen (Beringscher Kraftkaffee, Kaffeeersatz von Leusmann u. Zabel) werden benutzt und teilen mit dem Getreide den Vorzug, ein nahrhaftes Getränk zu liefern. Die Eicheln, von Marx 1784 empfohlen, enthalten Gerbsäure und sind dadurch dem Kaffee ähnlicher; übrigens wird der Eichelkaffee mehr als Heil- denn als Genußmittel betrachtet. Die Runkelrüben und Mohrrüben geben ein vielgebrauchtes Surrogat und werden wohl bisweilen zur Verfälschung des Zichorienkaffees benutzt. Der schwedische oder Kontinentalkaffee besteht aus den gerösteten Samen von Astragalus baeticus L. (daher auch Astragalkaffee) und soll eins der besten Surrogate sein. Dasselbe gilt von den gerösteten Dattelkernen. Auch aus den Weintraubenkernen hat man Kaffee bereitet. Zu erwähnen sind ferner: die Erdmandeln (Wurzelknollen von Cyperus esculentus), Spargelsamen (sehr gut), Hagebutten (Samen von Rosa canina), Taraxacumwurzel, die Samen von Berberis vulgaris, Vogelkirschen, die Wurzel von Scorzonera, Bucheckern, Ruscussamen, Kartoffeln, Mandeln, Mais, die Samen von Iris pseudacorus, Helianthus annuus, Cassia occidentalis (Neger-, Mogdadkaffee) etc., vor allen aber die Zichorie (s. Cichorium). In neuerer Zeit hat sich der Feigenkaffee großen Ruf erworben (s. Ficus).

Kulturgeschichtliches.

Obwohl der Kaffee in seiner Heimat Kaffa (daher der Name) seit sehr langer Zeit gebräuchlich gewesen zu sein scheint, wurde er doch erst zu Anfang des 15. Jahrh. außerhalb der Grenzen desselben bekannt und wohl zunächst in Jemen angebaut. Ein Mufti, aus Aden gebürtig, Gemal Eddin, lernte den Kaffee auf einer Reise nach Adjam kennen und verbreitete ihn nach seiner Rückkehr unter den Derwischen zur bessern Abhaltung der Gebetstunden. Dies setzte sich bald weiter fort und griff auch in Mekka um sich. 1511 setzte der Statthalter Khair Bei die erste Verfolgung des Kaffees in Szene, er verbot den Verkauf des Getränks und zerstörte die Niederlagen; doch bekannte sich schon sein Nachfolger selbst zu dem neuen Genußmittel, und 1534, unter der Regierung Solimans II., kam der Kaffee nach Konstantinopel. Aus der arabischen Litteratur jener Zeit, die ebenso viele Spott- wie Lobgedichte auf den Kaffee enthält, läßt sich ersehen, mit welchen fortwährenden Kämpfen demselben seine Verbreitung errungen wurde. Durch Rauwolf, welcher den Kaffee in Aleppo kennen lernte, erhielt man 1582 zuerst in Europa Kunde von ihm, und Prosper Alpinus gab 1591 botanische Nachrichten vom K. und eine Zeichnung desselben. 1624 brachten die Venezianer größere Mengen Kaffee nach Europa, und 1645 soll das Getränk in Süditalien allgemein gebräuchlich gewesen sein. Durch einen Gesandten Mohammeds IV. wurde der Kaffee am Hof Ludwigs XIV. bekannt; 1671 gab es in Marseille und ein Jahr darauf in Paris das erste Kaffeehaus. 1652 kam der Kaffee nach England, 1670 nach Deutschland. In Wien wurde 1683, in Nürnberg und Regensburg 1686, in Hamburg 1687, in Stuttgart 1712 ein Kaffeehaus eröffnet. Auf dem Land und in den untern Klassen der Gesellschaft fand aber der Kaffee viel später Eingang, und in manchen Gegenden Württembergs war er noch in dem Hungerjahr 1817 unbekannt. 1721 wurde das erste Kaffeehaus in Berlin eröffnet; Friedrich II. ließ Staatskaffeebrennereien errichten, wo man den Kaffee sechsmal teurer bezahlen mußte als beim Kaufmann; er machte den Kaffeehandel zum Monopol, und nur der Adel, Geistliche und höhere Beamte erhielten sogen. Brennscheine und durften den Kaffee selbst brennen; das Landvolk sollte sich nicht an den Kaffee gewöhnen, damit nicht so viel Geld für denselben aus dem Land gehe. 1744 trank man den Kaffee an allen deutschen Höfen und wohl auch in vielen Privathäusern; doch blieb er wegen seines hohen Preises eine Delikatesse für Reiche, bis er durch die Ausdehnung der Kultur