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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kalisch

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Kalisch (Gouvernement und Stadt) - Kalisch (Personenname).

wendet oder nach verschiedenen patentierten Methoden auf schwefelsaure Kalimagnesia mit 50 Proz. schwefelsaurem Kali und 3 Proz. Chlor sowohl für die Landwirtschaft als auch für die Industrie (Pottasche-Fabrikation etc.) verarbeitet. Die Erzeugung von reinem schwefelsauren Kali aus diesem Doppelsalz ist bis jetzt auf einfache Weise noch nicht recht gelungen. Precht hat Kainit zur Alaunfabrikation benutzt. Die vollständige Verwertung der in großer Menge bei der Chlorkaliumfabrikation erfolgenden Chlormagnesiumlauge ist noch nicht gelungen; dieselbe fließt noch größtenteils in die Bode. Ein Teil der Lauge wird eingedampft, der Rückstand geschmolzen und als festes Chlormagnesium in den Handel gebracht; ein andrer Teil der Lauge, etwa ein Drittel, wird auf Brom verarbeitet (Gewinnungen etwa 0,2 Proz.) und zwar entweder durch Destillation der heißen Lauge mit Schwefelsäure und Braunstein in Sandsteingefäßen oder in kontinuierlicher Weise durch Einleitung von Chlor. Vgl. Bischof, Die Steinsalzbergwerke bei Staßfurt (2. Aufl., Halle 1875); Frank, Die Staßfurter Kaliindustrie (Braunschw. 1875); Krause, Die Industrie von Staßfurt und Leopoldshall (Köthen 1877); Precht, Die Salzindustrie von Staßfurt und Umgegend (Staßf. 1883).

Kalisch (poln. Kalisz), russisch-poln. Gouvernement, erst 1866 gebildet, grenzt im W. u. N. an Preußen, im NO. an das Gouvernement Warschau und im S. und SO. an Petrokow, 11,373,5 qkm (206,6 QM.); es ist ein vollständiges, nur hier und da von unbedeutenden Hügeln unterbrochenes Flachland. An Flüssen besitzt es zwei größere: die Warthe mit den Nebenflüssen Widawka und Ner, dann die Prosna, welche die Grenze gegen Preußen bildet und bei Pysdry in die Warthe fällt. Sumpf- und Bruchland findet sich, obwohl in nicht ausgedehnten Flächen, längs der Warthe und des Ner. Das Klima ist mild und gesund, der Boden im allgemeinen gut kultiviert, sandig oder lehmig, im N. stellenweise humusreich. Die Ausrodung der Wälder soll ihm Abbruch gethan haben; in der That sind einige Kreise fast waldlos, und nur der Kreis Wielun hat noch schöne Forsten. Die Bevölkerung, (1882) 765,403 Personen, 67 pro QKilometer, ist seit den letzten zehn Jahren in rascher Zunahme begriffen. Der natürliche Zuwachs der Bevölkerung beträgt 2,3 Proz. jährlich. Nach dem Glaubensbekenntnis überwiegen die Katholiken (80 Proz.); außerdem gibt es Protestanten, Juden und Mohammedaner. Der Ackerbau bildet die Hauptbeschäftigung der Bewohner und befindet sich in verhältnismäßig sehr entwickeltem Zustand. Der Boden ist größtenteils sehr fruchtbar und ernährt selbst in wenig günstigen Jahren die Bevölkerung durchaus. Durch die Emanzipation von 1864 hat sich die Lage der Bauern sehr verbessert; trotzdem schätzt man die besitzlose Landbevölkerung noch immer auf 120,000 Individuen, die sich als Dienstboten und Tagelöhner bei Gutsbesitzern verdingen. Die Viehzucht ist aus Mangel an Weiden nicht sehr entwickelt. Man rechnet ca. 70,000 Pferde und 127,000 Stück Hornvieh, doch zeichnet sich der einheimische Pferde- und Viehstand durch nichts aus. Dagegen blüht die Schafzucht; an gewöhnlichen Schafen werden 165,877 Stück, an feinwolligen 44,808 Stück gerechnet. Gewinnbringend ist auch die Zucht von Borstenvieh, von dem es 130,000 Stück geben soll. Der größte Teil dieser Produktion wird nach Deutschland verkauft. An Fabriken und industriellen Etablissements existierten 1884: 544 mit 6591 Arbeitern und einer Produktion im Wert von 14,564,000 Rubel. Unter diesen nehmen die sich mit der Verarbeitung der Rohprodukte der Landwirtschaft beschäftigenden, die Branntweinbrennereien (6,9 Mill. Rub.) und Zuckerfabriken (2,2 Mill. Rub.), den ersten Platz ein. Außer diesen gibt es Fabriken für wollene, baumwollene und halbbaumwollene Waren (47), für Papier und Kartonagen, für Halbporzellan, Steingefäße, Glas- und Kristall, Mühlen, Ziegeleien, Gerbereien (46), Seifensiedereien u. a. Mit der Herstellung der wollenen und baumwollenen Gewebe befassen sich namentlich die in ziemlich starker Zahl in den Kreisen Sjeradz, Lentschiza und Turek, besonders in den Städten Osorkow, Sdunska, Wola und Turek angesiedelten deutschen Weber. Der Handel, namentlich der Getreide-, Spiritus-, Woll- und Holzhandel, ist fast ausschließlich in den Händen der Juden. Die Fabrikerzeugnisse werden in größern Partien aus erster Hand verkauft. Den Detailhandel vermitteln 260 Jahrmärkte. An Eisenbahnverbindungen leidet K. Mangel. Die schon seit Jahren projektierte Linie Breslau-Lodz vermag die Konzession nicht zu erhalten. Die Zahl der Unterrichtsanstalten beläuft sich (1883) auf 438, darunter 2 Gymnasien und 1 Lehrerseminar. 22,370 Schüler, 13,900 Knaben und 8470 Mädchen, besuchten die Schulen. K. wird in acht Kreise geteilt: K., Kolo, Konin, Lentschiza, Sjeradz, Slupzy, Turek und Wielun.

Die gleichnamige Hauptstadt, in einem anmutigen Thal an drei Armen der Prosna gelegen, ist Sitz eines römisch-katholischen Bischofs, hat 5 katholische (darunter mehrere mit wertvollen Denkmälern alter Kunst), eine griechisch-russische, eine evang. Kirche, eine Synagoge, ein Gymnasium, ein Lehrerseminar, Theater, schöne Promenaden, bedeutende Tuchfabriken und (1882) 18,804 Einw. - K. ist eine der ältesten Städte Polens; es gilt für das von Ptolemäos genannte Kalisia im Lande der Suaven. In der Umgebung wurden zahlreiche alte Münzen und andre Antiquitäten (darunter eine kleine bronzene Athletenfigur griechischen Ursprungs von hohem Kunstwert) gefunden, und die vielen alten Grabhügel am Ufer der Prosna bergen in ihrem Innern wohl noch manche wertvolle Gegenstände. Geschichtlich denkwürdig ist K. durch den Sieg Augusts des Starken von Polen über den schwedischen General Mardefeld 29. Okt. 1706, infolge dessen der König Herr von ganz Polen ward, sowie in neuerer Zeit durch einen Sieg der Russen über ein französisch-sächsisches Korps 13. Febr. 1813. Auch das Schutz- und Trutzbündnis (der Allianztraktat) zwischen Rußland und Preußen vom 28. Febr. 1813 ward hier abgeschlossen, wie auch der russisch-preußische Aufruf an die Deutschen unterm 25. März 1813 von K. ausging. Zur Erinnerung an das 1835 dort gehaltene Lustlager russischer und preußischer Truppen ist ein Denkmal errichtet. Bei der administrativen Umgestaltung Polens 1866 wurde K. von einer Kreisstadt des Warschauer Gouvernements zur Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements erhoben.

Kalisch, 1) Ludwig, Schriftsteller, geb. 7. Sept. 1814 zu Polnisch-Lissa von jüdischen Eltern, verließ als zwölfjähriger Knabe seine Vaterstadt und bereitete sich nach langen Irrfahrten ziemlich spät für den Besuch der Hochschule vor. Diese besuchte er in Heidelberg und München; zuerst Medizin studierend, dann sich der vergleichenden Sprach- u. Litteraturforschung zuwendend. Nachdem er 1843 seinen Aufenthalt in Mainz genommen, trat er zuerst als humoristisch-satirischer Schriftsteller hervor und gab 1843-46 die Karnevalszeitung "Narrhalla" heraus, deren aus-^[folgende Seite]