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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kaluga

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Kaluga.

Weltgegenden ihm Hilfe suchende Kranke zuströmten. Er wandte das kalte Wasser in allen erdenklichen Formen, innerlich wie äußerlich, gegen akute wie chronische Krankheiten, vorzugsweise jedoch gegen die letztern, an. Von ihm datierten auch größtenteils die Versuche einer wissenschaftlichen Begründung der K. Die Übertreibungen, welche sich Prießnitz wie viele seiner Schüler zu schulden kommen ließen, brachten später die K. wieder in Mißkredit und hatten eine Beschränkung ihrer Anwendung in der Praxis zur Folge. Gegenwärtig finden die K. Anwendung bei zahlreichen chronischen Krankheiten, namentlich denjenigen, welche sich als allgemeine Ernährungsstörungen darstellen, so z. B. bei Quecksilbersiechtum, bei Syphilis, bei gewissen Formen der Gicht, namentlich der unregelmäßigen Gicht. Aber auch bei chronischem Magendarmkatarrh, bei chronischem Bronchialkatarrh, bei den schleichenden Formen des Rheumatismus, bei hypochondrischen und hysterischen Zuständen, bei gewissen Formen der Neuralgie und Lähmung etc. haben sich die K. eben wegen ihrer kräftig umstimmenden, die Ernährungsvorgänge anregenden Wirkung glänzend bewährt. Bei manchen Nervenleiden sind ebenfalls K. von guter Heilwirkung (s. Hypochondrie). Ein Universalmittel freilich sind sie nicht; ja, sie können, an falschen Orten angewandt, selbst zerrüttend auf den kranken und schwächlichen Körper einwirken. Deshalb sind sie besonders bei allen eigentlichen Abzehrungskrankheiten (Schwindsucht, Krebskrankheit, Zuckerharnruhr etc.) entschieden zu verwerfen. Bei vielen Personen ruft die andauernde äußere Anwendung des kalten Wassers einen bläschenartigen Hautausschlag hervor, welchen die enragierten Wasserdoktoren als kritischen, die Genesung verbürgenden Ausschlag bezeichnen. Diese Ausschläge sind indes ohne besondere Bedeutung und heilen leicht ab, wenn die Kur ausgesetzt wird, oder wenn sich der Organismus daran gewöhnt hat. Die Verwendung des kalten Wassers bei fieberhaften Krankheiten, welche in der Neuzeit so sehr in Aufnahme gekommen ist, bezweckt eine Herabminderung der Bluttemperatur und Beseitigung der Gefahren, die mit einer andauernden, wenn auch relativ nur mäßigen Temperaturerhöhung für den Organismus verbunden sind. Man bedient sich zu diesem Zweck des lauwarmen, kühlen und kalten Bades oder kalter Umschläge mit großen Tüchern. Eine Zeitlang wurde die Methode beim Typhus mit großer Begeisterung aufgenommen, allein die Statistik spricht eher gegen als für den Erfolg, so daß die K. nur bedingungsweise und in einzelnen Fällen am Platz sind. Vgl. Schreber, Die Kaltwasserheilmethode (Leipz. 1842); Munde, Hydrotherapie (12. Aufl., das. 1877); Cohn, Hydrotherapie des Scharlachs und akuter Hautkrankheiten (Berl. 1862); Winternitz, Die Hydrotherapie auf physiologischer und klinischer Grundlage (Wien 1877-80, 2 Bde.); Runge, Die Wasserkur (Leipz. 1879); Derselbe, Anleitung zum Gebrauch der Wasserkuren (4. Aufl., Berl. 1881); Anjel, Grundzüge der Wasserkur in chronischen Krankheiten (2. Aufl., das. 1886).

Kaluga, Gouvernement in Großrußland, ein Teil des alten Großfürstentums Moskau, grenzt im N. und NO. an das Gouvernement Moskau, im O. an Tula, im S. an Orel, im W. an Smolensk und hat ein Areal von 30,929 qkm (561,5 QM.). Das Land bildet eine einförmige, fruchtbare und trefflich angebaute Ebene, die nur hier und da hügelig wird. Der Boden ist mitunter sehr sandig und mit Thonerde gemischt. Vom Areal kommen auf Äcker 44, Wiesen und Weiden 18, Wald 32 und Unland 6 Proz. Fast das ganze Gouvernement gehört der ältern und jüngern Steinkohlenformation an, außer einem Teil der nördlichen Kreise, in denen die Juraformation zu Tage tritt. Unter der Ackererde sind meist Kalkschichten mit zahlreichen Versteinerungen, darunter Schichten von Sand, Schiefer und Lehm. Die Steinkohlenlager werden zur Zeit noch sehr wenig ausgebeutet; sonst liefert der Boden Eisen (2½ Mill: Pud jährlich), welches größtenteils nach Perm ausgeführt wird, Torf, Lehm, Schwefel (auch Schwefelquellen kommen beim Dorf Krainsk und im Lichwinschen Kreis vor) und Kalkstein. Unter den zahlreichen Flüssen und Bächen ist die schiffbare Oka mit Shisdra, Tarusa und Ugra der bedeutendste. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 17° C.; Ende November bedecken sich die Flüsse mit Eis, welches erst Ende März bricht. Die Bevölkerung belief sich 1882 auf 1,140,337 Einw., ca. 37 auf 1 qkm. Die arbeitsamen Bewohner sind meist Großrussen; alle übrigen Nationalitäten betragen zusammen nicht mehr als ¼ Proz. der Bevölkerung. Der Konfession nach befinden sich darunter etwa 24,000 Raskolniken, 1300 Römisch-Katholische und gegen 300 Protestanten; der Rest gehört der griechisch-katholischen Kirche an. Von Getreidearten werden hauptsächlich Roggen und Hafer gebaut, doch nicht genug für den eignen Bedarf. Die Ernte war 1882: 2,530,500 hl Roggen, 2,394,000 hl Hafer, 1,662,600 hl Kartoffeln. Außerdem gedeihen Hanf, Zwiebeln, Kohl, Äpfel und Kirschen, von Waldbäumen besonders Tannen, Kiefern, Birken und Espen. Das Tierreich liefert außer den gewöhnlichen Haustieren Wild, Geflügel (besonders die berühmten Kalugaschen Nachtigallen, welche einen Exportartikel bilden) und Fische. Die Viehzucht wird nicht mit gehöriger Sorgfalt betrieben; 1882 zählte man 271,000 Pferde, 294,000 Stück Hornvieh, 326,000 Schafe und 201,000 Schweine. Die Bienenzucht ist nicht unbedeutend, dagegen der Fischfang von geringem Ertrag. Industrie wird eifrig betrieben, 1884 in 338 gewerblichen Etablissements mit 11,048 Arbeitern und einem Produktionswert von 8,7 Mill. Rubel. Sie erstreckt sich besonders auf Fabrikation von Papier (1,8 Mill. Rub.), Leder (527,300 Rub.), Spiritus (2,874,000 Rub.), Öl (212,800 Rub.), Zündhölzer (421,000 Rub.), Maschinen (862,000 Rub.). Der Handel ist bedeutend und wird besonders durch die Oka befördert. 1882 waren im Gouvernement 421 Schulen mit 25,589 Zöglingen, nämlich 407 niedere mit 23,125 Schülern, 10 mittlere mit 1950 Schülern und 4 höhere mit 514 Schülern. Das Gouvernement K. wird in elf Kreise eingeteilt: Borowsk, K., Koselsk, Lichwin, Malo-Jaroslawetz, Medyn, Meschtschowsk, Mossalsk, Peremyschl, Shisdra und Tarusa. In geistlicher Beziehung bildet K. eine eigne Eparchie und hat einen eignen Bischof dritter Klasse mit dem Titel "Bischof von K. und Borowsk". K. und Tula haben einen gemeinschaftlichen Gouverneur. K. war früher eine Provinz des Großfürstentums Moskau und wurde 1796 ein Gouvernement.

Die gleichnamige Hauptstadt des Gouvernements, am linken Ufer der hier 290 m breiten Oka und an der Jatschenka gelegen, an der Eisenbahn Wjasma-Rjashsk, hat 31 Kirchen, viele industrielle Etablissements, besonders für Leder, Bastmatten, Öl, Talg und Wachslichte und Kalugaer Kuchen (mit einem jährlichen Gesamtumsatz von über 1 Mill. Rubel), 4 Buchhandlungen, 3 Buchdruckereien, eine Stadtbank (1882: Umsatz 13,4 Mill. Rub.), ein Theater, 2 Gymnasien, ein Seminar, 2 Handwerkerschulen,