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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kaninchen; Kaninchenfelle

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Kaninchen - Kaninchenfelle.

um diese Zeit zu trennen. Der Begattungstrieb des Kaninchens ist sehr heftig und erlischt bei dem Weibchen nur in den letzten Tagen vor der Geburt. Obgleich die eigentliche Zuchtzeit nur von Anfang März bis Ende November dauert, so kann man doch, besonders in geheizten Räumen, das ganze Jahre hindurch züchten. Eine kräftige Nachkommenschaft wird dadurch befördert, daß man die Tiere nicht vor dem achten Monat und nicht länger als 3-4 Jahre zur Zucht gebraucht. Zur Paarung bringe man die Häsin in den Käfig des Rammlers und wiederhole dies Experiment den nächsten Tag. Die Tragezeit des Kaninchens dauert 28-31 Tage, und es setzt je nach Rasse und Fruchtbarkeit 4-8-12 blinde Junge, welche am neunten Tag sehend werden. Hat die Häsin mehr als 8 Junge, so tötet man die übrigen, da sonst oft der ganze Satz in Gefahr ist, wegen Mangels an Nahrung zu verkümmern. Die Jungen saugen ca. 4 Wochen und können nach Ablauf dieser Zeit ohne Schaden entwöhnt werden. Wilde Züchtereien findet man in einigen Dünenstrichen der schottischen und dänischen Küsten. Die ausgesetzten K. graben sich hier ihre Baue, sind in jeder Beziehung auf sich selbst angewiesen und allen Einflüssen der umgebenden Naturverhältnisse ausgesetzt, und es können daher auch nur vollkommen akklimatisierte Tiere einigermaßen günstige Resultate liefern. Ähnlich verhält es sich mit den Gehegekaninchen. Dieselben leben aber insofern unter günstigern Verhältnissen, als durch praktische Anlagen für ihr Wohl gesorgt ist. Die Kaninchengehege bestehen aus größern, mit Mauern und Gräben umzogenen Flächen, welche mit verschiedenen Nahrungspflanzen bestellt, mit Bäumen, Gesträuch und Gestrüpp bepflanzt und mit Schuppen, Ställen etc. versehen sind. Dergleichen Einrichtungen findet man namentlich in England in großartigem Maßstab. Die eigentliche zahme Zucht wird in Kasten oder Ställchen und zwar derartig betrieben, daß jedes einzelne Zuchttier seinen eignen Kasten bewohnt. Man versieht einen solchen Zuchtkasten von 1 m im Quadrat und 75 cm Höhe vorn mit einer aus Latten oder Drahtnetz gebildeten Thür und durchbohrt den Boden an verschiedenen Stellen, um dem Urin Abfluß zu schaffen. Die Kasten sind, namentlich kurz vor dem Setzen der Jungen, mit reinlicher weicher Streu, aus der das Muttertier für die Jungen ein höhlenartiges Nest baut, zu versehen. Errichtet man im Hintergrund solcher Kasten einen Schlupfwinkel von 32 cm Höhe und Breite mit einer ca. 16 cm im Quadrat haltenden Öffnung nach vorn oder einer Seite, so wird die Häsin stets hier ihr Nest bauen. In jedem Kasten sind noch ein Futtertrog, eine kleine Raufe und ein Wassernapf anzubringen. Diese Zuchtkasten arrangiert man reihen- und etagenweise neben- und übereinander; doch muß man letzternfalls unter jedem Kasten ein Abflußbrett anbringen, welches den Urin in eine hinter demselben befindliche Rinne leitet. Vom Frühjahr bis zum Herbst kann man diese Kasten im Freien aufstellen; im Winter muß man sie aber in eine gut verschließbare, zugfreie Scheuer oder in eine ebensolche Kammer bringen. Bei guter, reichlicher Streu ertragen die Tiere selbst eine ganz bedeutende Kälte. Man füttert das K. dreimal täglich mit Gras, Heu, Körnern, namentlich Hafer, Brot, Kleie, Klee, Esparsette, Luzerne, Wicken, Kleeheu, Erbs- und Bohnenstroh, Erbsen, Bohnen, Kartoffeln, Runkeln, Möhren, Topinambur, Laub von Bäumen etc. und gibt zur Anregung des Appetits und Förderung der Verdauung dann und wann einige bittere und aromatische Pflanzen und etwas Salz. Ob man den K. Wasser zum Saufen geben soll oder nicht, ist noch streitig; doch dürfte es am zweckmäßigsten sein, den Tieren Wasservorrat zum beliebigen Genuß hinzusetzen. Man hüte sich, die tragende Häsin bei den Löffeln frei in die Luft zu heben, sie zu stoßen oder zu drücken; am besten ist es, sie so wenig wie möglich zu berühren, da sonst Fehlgeburten etc. veranlaßt werden. Der Rammler muß stets in möglichst kräftigem Zustand erhalten werden. Die Jungen verlassen mit 14 Tagen bis 3 Wochen den Nistkasten und versuchen von da an, selbständig Nahrung zu sich zu nehmen. Man lege ihnen daher junges, zartes Grünfutter vor und stelle ihnen Milch-, Mehl- oder Kleientränke zum Saufen hin. Um die Tiere möglichst frühzeitig an feste Nahrungsmittel zu gewöhnen, legt man ihnen kräftige und leichtverdauliche Stoffe vor. Wegen des raschen Stoffwechsels bedarf das junge Tier einer größern Menge frischer Luft, man gebe ihm daher einen möglichst großen Stall. - Kaninchenfleisch wird in England, Frankreich, Belgien und Holland täglich in fast sämtlichen Restaurationen serviert und findet sich auch auf den Tafeln der reichern und vornehmern Klassen. Der Konsum wurde in England 1872 auf ca. 4½ Mill. K. geschätzt. Frankreich züchtet jährlich ca. 85 Mill., von welchen 3 Mill. allein in Paris verspeist werden. In England gibt es Kaninchengehege, die monatlich 800-1200 K. liefern, und der Bischof von Derby soll jährlich 10-12,000 K. aus seinen Gehegen verkaufen. Die Kaninchenzucht empfiehlt sich besonders dadurch, daß das Tier wenig Raum beansprucht, keiner kostbaren, umständlichen Fütterung bedarf, fast alle Abfälle aus der Haushaltung frißt, sehr fruchtbar und schon im Alter von 4-6 Monaten schlachtbar ist. Auch der Balg und die Haarnutzung gewähren erheblichen Vorteil; in England wie in Frankreich bilden diese Artikel ein nicht unwesentliches Handelsobjekt. In Japan sind die K. neuerdings Modesache und, wie einst die Tulpenzwiebeln in Holland, Objekt für ein leidenschaftliches, immer mehr um sich greifendes Börsenspiel geworden. Um diesen Ausschreitungen Schranken zu setzen, hat die japanische Regierung eine hohe Steuer für K. eingeführt. Vgl. Duncker, Die rationelle Kaninchenzucht (Bernau 1874); Derselbe, Deutsche K. (Berl. 1875); Redares, Die Kaninchenzucht (6. Aufl., Weim. 1885); Schiffmann, Das französische K. (3. Aufl., Nürnb. 1873); Hochstetter, Das K. (4. Aufl., Stuttg. 1874); Rennecke, Das zahme K. (2. Aufl., Dessau 1873); Eckardt, Anleitung zur rationellen Kaninchenzucht (Münch. 1874); Espanet, Kaninchenzucht (deutsch Wien 1883); Lincke, Die rationelle Kaninchenzucht (Leipz. 1887); Ravageaux, La vraie manière d'élever les lapins à la ville et à la campagne (neue Ausg., Par. 1882); H. v. Nathusius, Über die sogen. Leporiden (Berl. 1867); Zürn, Zum Streit über die Leporiden (Weim. 1877); Brandt, Untersuchungen über das K. (Petersb. 1875); Rasch, Blätter für Kaninchenzucht (Hildesh. 1874-76); Pröpper, Kaninchenkochbuch (Berl. 1875).

Kaninchenfelle kommen in besonders großer und pelzreicher Art, teils naturell, teils braun gefärbt, aus Frankreich und Belgien in den Handel. Die schönsten K. liefert England, nämlich wilde, schwarze, silberspitzige, welche in Rußland sehr beliebt sind, aber auch viel graue. In Polen hat man eine kleine Sorte weißer Kaninchen, von welchen jährlich mehr als ½ Mill. in Lissa und Fraustadt zu Pelzwerk benutzt werden. Die amerikanischen kleinen wilden Kaninchen sind weißlichgrau und liefern schwaches Pelzwerk von geringem Wert. Kaninchenhaare