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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Kindbettfluß - Kindergärten.

Aus dieser Darstellung ergibt sich, daß die Krankheitserscheinungen unmöglich zu einem gemeinschaftlichen Bild sich vereinigen lassen. Entweder trübt sich langsam das Allgemeinbefinden, der Wochenfluß wird sparsam, übelriechend, oder das K. setzt plötzlich mit heftigen Fieberbewegungen und Schüttelfrost ein. Die Milchabsonderung läßt nach, tiefer Druck auf die Beckenorgane ist schmerzhaft, die Schmerzhaftigkeit steigert sich bald bis zum Unerträglichen, der Leib wird durch Gase aufgetrieben, schon nach wenigen Tagen kann der Tod eintreten. Ist der Verlauf langsamer, so gesellen sich nicht selten Entzündungen der Herzklappen, der Lungen oder des Brustfells hinzu, welche die Kranken zu Grunde richten, oder es kann auch ein Lungenschlag durch Verstopfung (s. Embolie) der Lungenarterie mit abgerissenen Blutgerinnseln dem Leben ein jähes Ende setzen. Zuweilen nimmt das K. einen chronischen Verlauf; die Wundfläche im Innern der Gebärmutter heilt aus, die fibro-muskuläre Wand zieht sich zusammen und bildet sich normal zurück; während in der Umgebung, namentlich in den breiten Mutterbändern, Abscesse zurückbleiben, welche sehr langsam ausheilen, zu Verwachsungen der Beckenorgane führen und oft noch jahrelang sehr lästige und schmerzhafte Zustände hinterlassen. Die letztern bilden den Hauptanteil der sogen. Frauenkrankheiten (s. d.).

Die Behandlung des Kindbettfiebers folgt vollständig den Vorschriften, welche für die Behandlung äußerer Wunden maßgebend sind, d. h. Entfernung des Wundsekrets (Wochenflusses) nach außen, Entfernung und Abtötung der entzündungserregenden Mikrokokken, Verhütung ihrer weitern Ausbreitung und Kräftigung des ganzen Organismus der Kranken. Man versucht dies zu erreichen durch Ausspülung der Geburtswege mit reichlichen Mengen von Wasser, welchem fäulniswidrige Mittel (Karbolsäure, Salicylsäure etc.) zugesetzt sind. Je häufiger und energischer dies geschieht, je sorgfältiger etwa vorhandene Blutgerinnsel, Eihautreste oder sonstige zersetzungsfähige Massen aus der Uterushöhle ausgeräumt worden sind, um so mehr Aussicht ist vorhanden, daß die Entzündung auf die Wundfläche selbst beschränkt bleibt. Wenn bereits eine Ausbreitung auf die tiefern Schichten der Gebärmutter oder gar in die Mutterbänder erfolgt ist, so wirken reichliche Blutegel, Einreibung mit grauer Quecksilbersalbe, Eisbeutel auf den Unterleib zuweilen günstig; jedoch ist eine energische lokale Behandlung durch Ausspülen immer noch notwendig, damit nicht immer von neuem Entzündungserreger von der Wundfläche aus in die Tiefe gelangen und die Eiterung im Becken unterhalten können. Sobald die Eiterung zu einer allgemeinen Bauchfellentzündung führt, ist die Aussicht auf Heilung äußerst gering. In allen Stadien ist für Bekämpfung des Fiebers, für Erhaltung der Herzthätigkeit und allgemeine Ernährung zu sorgen, wobei nach ärztlichem Ermessen Kälte (in Form kalter Umschläge, Eisblasen, Bäder) mit Darreichung von Chinin, Wein, starkem Kaffee, Moschus, Kampfer und Einführung kräftiger Nahrung (event. Klystiere von Peptonlösung) miteinander abwechseln müssen. Das K. ist eine unter allen Umständen lebensgefährliche Krankheit; je weiter die Eiterung im Becken um sich greift, um so weniger wirkt die Behandlung ein. Die in neuester Zeit mit gutem Erfolg ausgeführte totale Entfernung der erkrankten Gebärmutter wird wohl auf Ausnahmefälle beschränkt bleiben. So hoffnungslos aber auch die Bekämpfung der schweren Formen des Kindbettfiebers ist, so große Erfolge leisten gerade hier geeignete Vorbeugungsmaßregeln. Da es feststeht, daß nur durch eine Verunreinigung der Geburtswege die Keime der Entzündungserreger in dieselben gelangen können, so ist die peinlichste Reinlichkeit und Desinfektion oberstes Gesetz. Das Wochenzimmer muß hoch, luftig, sauber, der Fußboden staubfrei sein, alle überflüssigen Möbel, namentlich Polstermöbel, Teppiche, sind zu entfernen. Das Wochenbett, die Bettwäsche, das Nachtgeschirr, Handtücher, Leibwäsche muß tadellos rein gehalten werden. Wer mit der Entbindung zu thun hat, muß Hände und alle etwa notwendigen Instrumente nicht nur waschen, sondern abbürsten, mit Sublimatlösung 1:1000 oder 5proz. Karbollösung desinfizieren. Niemals darf eine Hebamme oder Wärterin eine Entbindung leiten, wenn sie vorher bei einer am K. kranken Frau Dienste gethan hat, und dies ist die Stelle, an welcher die Gesetzgebung nicht streng genug leichtfertige Übertretungen bestrafen kann. Der Erfolg dieser Vorbeugungsmaßregeln ist ein so durchschlagender, daß aus gut geleiteten Entbindungsanstalten das K. so gut wie der Hospitalbrand aus den chirurgischen Kliniken beseitigt oder doch auf seltene Ausnahmefälle beschränkt worden ist.

Kindbettfluß, s. Wochenbettfluß.

Kindelbrück, Stadt im preuß. Regierungsbezirk Erfurt, Kreis Weißensee, an der Wipper, hat eine Papierfabrik und (1885) 1668 evang. Einwohner.

Kinderarbeit. Über die K. in der Industrie, die Übelstände derselben und die Notwendigkeit einer gesetzlichen Regelung s. die Artikel "Industrielle Arbeiterfrage" und "Fabrikgesetzgebung". In der Landwirtschaft hat die K. nicht die schlimmen Folgen wie in der Industrie. Sie findet vorzugsweise im Sommer statt und nur zu bestimmten Zeiten, namentlich während der Ernte und bei gutem Wetter, schädigt nicht die Gesundheit und die Moral. Dagegen hat sie den Vorteil, daß sie das Einkommen der Arbeiterfamilie erhöht, die Kinder frühzeitig an eine für ihre körperliche und geistige Ausbildung förderliche Thätigkeit gewöhnt. Aber eine mißbräuchliche Ausdehnung der K. kann auch hier stattfinden, namentlich auf Kosten der Schulbildung der Kinder. Dieser Übelstand kann indes leicht ohne Schädigung des landwirtschaftlichen Betriebes vermieden werden durch zweckmäßige Schulvorschriften und deren strenge Durchführung sowie durch eine obrigkeitliche Überwachung auch dieser K. Vgl. v. d. Goltz, Die ländliche Arbeiterfrage etc. (2. Aufl., Danz. 1874).

Kinderaussetzung, s. Aussetzung.

Kinderbewahranstalten, s. Kleinkinderschulen.

Kinderdiebstahl, s. Menschenraub.

Kindergärten, Anstalten (Vorschulen) für kleine Kinder im vorschulfähigen Alter (von 3-6 Jahren), eine Schöpfung des Pädagogen Friedrich Fröbel (s. d.). Fröbel wurde zu der Gründung der K. nicht nur durch die Rücksicht auf die Familien geleitet, welche durch irgend welche Ursachen (Armut, gesellige Beziehungen etc.) gehindert sind, ihren unmündigen Gliedern die gehörige Beachtung und Anregung zu gewähren, sondern er wollte vielmehr das ganze Unterrichts- und Erziehungswesen von Grund auf umgestalten, und dazu sollte durch die K. der Grund gelegt werden. Als Grundsatz seiner pädagogischen Reformpläne stellt er wiederholt auf, daß der Mensch als "Gliedganzes" in Analogie mit dem Leben der organischen Natur harmonisch entwickelt werden müsse. Der Mensch soll sich von Haus aus als Ganzes und doch zugleich als Glied einer größern Ge-^[folgende Seite]