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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kirchenstaat

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Kirchenstaat (1848-1859).

gung erhielt. So blieb die höchste Autorität doch in den Händen des Klerus. Gleichzeitig wurde der K. in den Kampf für die italienische Unabhängigkeit gegen Österreich fortgerissen. Durch zahlreiche Freiwillige verstärkt, zogen die römischen Truppen nach Oberitalien, wo sie aber bei Vicenza besiegt und zur Kapitulation gezwungen wurden.

Dies ermutigte den Papst, in einem öffentlichen Protest sein Verdammungsurteil über den Krieg Italiens gegen Österreich auszusprechen. Hiermit war das Band, welches bisher Pius IX. und sein Volk vereinigt hatte, zerrissen. Die gemäßigten Liberalen und die Republikaner verschmolzen sich in Eine Partei; täglich war der Ausbruch der Revolution zu befürchten. Unter diesen Verhältnissen richteten die gemäßigten Patrioten ihre Blicke auf den Grafen Pellegrino Rossi, dessen konstitutionelle Neigungen bekannt waren. Pius IX. ernannte ihn zum ersten Minister. Aber seine herbe Strenge und der Erfolg, den sein energisches Regiment erzielte und noch mehr versprach, regten alle Leidenschaften gegen ihn auf. Als er 15. Nov. bei der Wiedereröffnung der Kammern beim Eintritt in das Ständehaus durch den Dolch eines Meuchelmörders fiel, war das Signal zum Ausbruch der längst gefürchteten Revolution gegeben. Bald war der Quirinal von allen Seiten dicht umlagert, schon machte ein Teil der Menge den Versuch, gewaltsam in den Hof zu dringen, da endlich entschloß sich Pius IX., das demokratische Ministerium (Mamiani, Rosmini, Sterbini, Campello, Lunati, Sereni) anzunehmen, die nationale Frage aber der Entscheidung des Parlaments anheimzustellen. Am 25. Nov. floh er nach Gaeta und erklärte durch ein Dekret vom 27. Nov. alle Handlungen der neuen Regierung für nichtig. Dieselbe war übrigens gar nicht zu stande gekommen, da alle Minister die Ernennung des Papstes abgelehnt hatten. Die Deputiertenkammer ernannte darauf eine provisorische Regierung und dekretierte 29. Dez. die Zusammenberufung einer konstituierenden Nationalversammlung, die aus allgemeinem Stimmrecht mit direkter Wahl hervorgehen sollte. Obwohl Pius IX. von Gaeta aus die Wähler exkommunizierte, so eröffnete doch 5. Febr. die Konstituante ihre Sitzungen im Kanzleipalast, wo auch die Mitglieder der provisorischen Regierung (Armellini, Muzzarelli, Galetti, Mamiani, Sterbini und Campello) erschienen, und beschloß 6. Febr. nach stürmischen Verhandlungen mit 120 gegen 23 Stimmen die Proklamierung der Römischen Republik. Hierauf antwortete Pius IX. 14. Febr. mit einem Protest, an dessen Schluß er auf eine bewaffnete Intervention der katholischen Mächte zur Wiederherstellung seiner weltlichen Gewalt hindeutete.

Um die Mitte des März 1849 war kaum in Rom bekannt geworden, daß Karl Albert 12. März Österreich den Waffenstillstand aufgekündigt habe, als die Konstituante sogleich beschloß, daß Rom sich mit einem Kontingent von 10,000 Mann unter dem Befehl des Obersten Mezzacappa an dem Unabhängigkeitskampf auf den Feldern der Lombardei beteiligen solle. Noch hatten indessen die römischen Scharen die Grenze nicht überschritten, als bereits die Hoffnungen Italiens nach einem dreitägigen Feldzug durch die Schlacht bei Novara 23. März niedergeworfen waren. Die Konstituante ernannte nun ein diktatorisches Triumvirat, aus Mazzini, Saffi und Armellini bestehend, welches sich sofort mit einem neuen Ministerium umgab. Schon im Februar hatten die Vertreter von Österreich, Frankreich, Spanien und Neapel mit dem Papst sich zu Gaeta über eine bewaffnete Intervention geeinigt. Die französische Regierung beschloß, den andern zuvorzukommen. Am 24. April erschien eine französische Flotte von zehn Schiffen unter General Oudinot im Hafen von Civitavecchia und landete 25. April ungestört. In Rom wurden nun die nötigen Vorbereitungen zum Kampf getroffen. Am 28. April rückte Oudinot mit 9000 Mann gegen die Stadt heran und begann die Belagerung. Doch erst 5. Juni, nachdem jede diplomatische Unterhandlung sich fruchtlos erwiesen, unternahm er den Sturm bei dem Thor San Pancrazio. Dreimal nahmen die Franzosen das Thor, und dreimal wurden sie von den Römern wieder geworfen. Hierauf begannen die Franzosen ein regelmäßiges Bombardement der offenen Stadt und erzwangen 3. Juli die Übergabe derselben. Die Regierung und die Konstituante sowie die politischen Klubs lösten sich auf, und die Republik ging in einer militärischen Fremdherrschaft unter.

Mit dem 15. Juli begann die Restauration des Papsttums; gleichzeitig wurde die Regierungskommission aus drei Kardinälen eingesetzt, die sich wegen ihrer Verfolgungssucht und ihrer reaktionären Maßregeln den Beinamen des "roten Triumvirats" erwarb. Mitglieder der Konstituante wurden nach langer Präventivhaft mit 15-20jähriger Gefängnisstrafe belegt. Sogar sehr gemäßigte Liberale mußten ihr Heil in der Flucht suchen. Auch in Ancona, Bologna, Terni, Rimini u. a. O., wo der Aufstand durch Österreicher und Neapolitaner inzwischen niedergeworfen war, wüteten sowohl die Militär als die geistlichen Tribunale mit blutiger Grausamkeit. Die geheime Polizei wurde wiederhergestellt, und die Indexkommission trat wieder in volle Thätigkeit. Die Regierungskommission beeilte sich, die Gregorianischen Gesetze wiederherzustellen, und erließ strenge Strafgesetze wider Ungehorsam gegen die kirchlichen Satzungen. Die wiedergekehrten Jesuiten wurden beauftragt, über die Beobachtung dieser Gesetze zu wachen. Oudinot verließ Rom gegen Ende August 1849, und die dortige französische Okkupation wurde auf Rom und Civitavecchia beschränkt, während die Österreicher Bologna und Ancona besetzt hielten. Der Papst hielt erst 12. April 1850, von französischen Truppen geleitet, seinen Einzug in Rom, nachdem er eine Amnestie erlassen hatte, von der jedoch alle politischen Autoritäten der Revolution ausgeschlossen waren. Die Kerker fand er mit Tausenden politischer Gefangenen überfüllt, das platte Land organisierten Räuberbanden preisgegeben, überall Elend und Demoralisation; der Staat war geteilt zwischen zwei fremden Armeen, die nach Willkür schalteten. Bei Veröffentlichung des Staatsbudgets für 1852 ergab sich ein Defizit von 1,756,745 röm. Skudi, infolge dessen zu außerordentlichen Maßregeln geschritten werden mußte. Am 20. Okt. 1852 versammelte sich zum erstenmal die Finanzkonsulta, eine Art Notabelnversammlung und Landesvertretung. Auf ihren Antrag wurde zunächst die Einlösung des Papiergeldes beschlossen; um das Defizit zu decken, mußte eine Anleihe von 800,000 Skudi aufgenommen werden. Eine Zusammenstellung der Staatsschulden ergab 1853 eine Gesamtsumme von 100 Mill. franz. Frank, deren Verzinsung ungefähr 5 Mill. Frank jährlich oder 1/10 der Staatseinnahme forderte. Beim Beginn des italienisch-österreichischen Kriegs 1859 erklärte die päpstliche Regierung 3. Mai ihre Neutralität. Kaum hatten aber Anfang Juni die Österreicher ihre Truppen aus Bologna, Ferrara und Ancona zurückgezogen, als nach dem Vorgang der