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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kirschehr; Kirschfink; Kirschfliege; Kirschgeist; Kirschgummi; Kirschkernbeißer; Kirschlorbeer

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Kirschehr - Kirschlorbeer.

getrocknete Kirschen heißen Kirschrosinen); ferner verarbeitet man sie auf Kirschsaft, Kirschwein, Kirschbranntwein (Kirschwasser und Maraskino); aus den Samen kann man ein fettes Öl pressen, und da sie Amygdalin enthalten, geben sie, zerstoßen, mit Wasser angerührt und destilliert, ein Bittermandelöl- und blausäurehaltiges Destillat, welches wie Bittermandelwasser zu benutzen ist. Das Holz des Vogelkirschbaums ist gelb oder gelbrot, gestreift, geflammt, mit zahlreichen Markstrahlen und deutlichen Jahresringen, grob, aber glänzend, ziemlich hart, schwer spaltbar, läßt sich leicht bearbeiten und durch Beizen dem Mahagoniholz ähnlich machen; es wird von Tischlern, Drechslern und Instrumentmachern sehr gesucht, liefert dauerhafte Wein- und Essigfässer und wird auch verkohlt. Das rötliche, wohlriechende Holz der Mahalebkirsche ist sehr hart, nimmt schöne Politur an, springt wenig, widersteht der Fäulnis und wird zu feinen Tischler- und Drechslerarbeiten, namentlich auch zu Messerheften, verwendet. Die jungen dünnen Stämme liefern, wie erwähnt, Pfeifenrohre, die als türkische in den Handel kommen. Der Sauerkirschbaum liefert unechte Rohre; sein rötlichbraunes Holz zeichnet sich durch Härte, Feinheit und schöne Farbe aus und ist ebenfalls als Werkholz geschätzt. Aus dem Stamm des Kirschbaums schwitzt bisweilen in großer Menge Kirschgummi (s. d.) aus.

Anbau. Der K. verlangt zu gutem Gedeihen einen mehr warmen, nicht feuchten, sandhaltigen Boden mit Kalk und wächst gut in lockerm Boden, dessen Untergrund aus Kalkmergel besteht. Nur wenige Sorten sind in Bezug auf eine freie Lage empfindlich, die meisten ertragen sie gut. Noch weniger eigen in Bezug auf Boden und Lage als der Süßkirschbaum ist der Sauerkirschbaum, welcher selbst auf feuchterm Standort noch gedeiht. Ersterer verlangt einen Standort, wo die Wurzeln tief eindringen können, sei es auch nur zerklüfteter Fels; die schwachen Wurzeln des letztern dagegen dringen nicht tief ein. Süßkirschbäume sind nur dauernd ergiebig, wenn man sie zuweilen düngt, oder wenn sie auf bearbeitetem, gedüngtem Boden stehen. Die Ostheimer Kirsche ist höchst empfehlenswert für Obstgärten sowie für das freie Feld und eignet sich besonders für sonnige, warme Abhänge in sandigem Lehmboden und in Kalkboden, mag er auch steinig und schlecht sein, wie z. B. bei Ostheim in Franken. Zur Vermehrung des Süßkirschbaums erzieht man durch Aussaat der Steine der Vogelkirschen oder andrer gewöhnlicher Sorten die Wildlinge, welche meist in Kronenhöhe, selten niedriger, veredelt werden. Der Süßkirschbaum gedeiht am besten als Hochstamm, weniger als Pyramide oder am Spalier. Den Sauerkirschbaum vermehrt man leicht durch Ausläufer, welche in den Baumschulen zu Hochstämmen erzogen werden. Man kann die Sauerkirschen aber auch auf Wildlingen der Süßkirsche veredeln. Zu Unterlagen für Zwergstämme von Glas-, Weichsel- und Sommerkirschen dienen Sämlinge der gewöhnlichen Weichsel- oder Mahalebkirsche. Für Spaliere wählt man fast nur Sauerkirschen, mit denen Wände in östlicher, westlicher, selbst nördlicher Lage bepflanzt werden können. In vielen Gegenden wird der K. im großen kultiviert, so namentlich im Alten Land an der Elbe, Hamburg gegenüber, bei Guben, Hirschberg, Meißen, Altenburg, bei Erfurt und Lauchstädt, an der Werra durch ganz Hessen, in der bayrischen Pfalz bei Ramberg, in Selzig bei Koblenz, im südlichen Nassau, an der Bergstraße, im badischen Bezirk Oberkirch, am Kaiserstuhl, im Neuffener Thal auf der Schwäbischen Alb, in Freudenberg am Main, in Ostheim, Forchheim am Südrand der Fränkischen Schweiz, bei Bamberg, in der Mark Brandenburg, in Elsaß und Lothringen, dann in mehreren Kantonen der Schweiz, in Vorarlberg, bei Grenoble und Montmorency, in Gelderland und Nordholland, in Kent und Dalmatien. Im Alten Land stehen in der Regel vier Bäume auf einer QRute, die 600-1000 kg Kirschen liefern, aber selbst bei nur 200 kg den Ertrag des Ackerlandes weit übertreffen. Nicht jedes Jahr ist ein Kirschenjahr; aber unter 14 Jahren fallen, wie man in der Mark Brandenburg rechnet, nur 3 Jahre aus. Der Sauerkirschbaum bringt im Alter von 6-22 Jahren durchschnittlich jährlich 28 Lit. Kirschen.

Die Vogelkirsche war als europäischer Baum den alten Römern bekannt, wurde aber mit dem Kornelkirschbaum zusammengestellt und war noch nicht veredelt, während man, wie es scheint, auf kleinasiatischem Boden am Idagebirge und bei Milet veredelte Süßkirschen schon zur Zeit des Königs Lysimachos kannte. Plinius erzählt, der römische Feldherr Lucullus habe die Kirsche (wohl die Sauerkirsche) aus der Stadt Kerasos an der pontischen Küste nach Italien verpflanzt. Plutarchos erwähnt dies in seinem Leben des Lucullus nicht; doch deutet der Name der sinopischen Kolonie allerdings darauf hin, daß dort Kirschen (griech. kerasos) in großer Menge kultiviert wurden. Der neueingeführte K. gedieh in Europa vortrefflich, und schon nach 120 Jahren, zur Zeit des Plinius, wurde er in Britannien angepflanzt und wuchs an den Ufern des Rheins und im heutigen Belgien. In der Folge veredelte er sich gerade diesseit der Alpen in höherm Grad als am Mittelmeer, wo ihm unter der Einwirkung der See das Klima zu gleichmäßig mild ist. Der griechische Name Kerasos ist in fast alle Sprachen übergegangen, und auch unser deutsches Kirsche leitet sich davon ab. Außerdem ist aber durch ganz Europa als zweiter Name, besonders der sauren Kirsche, Weichsel verbreitet, dessen Herkunft dunkler ist. Das deutsche Weichsel erscheint in vielen Sprachen wieder, aber über seine Bedeutung ist nichts bekannt.

Kirschehr, Hauptstadt des gleichnamigen Sandschak im türk. Wilajet Angora in Kleinasien, am Kilidschli Su, mit reichen Gärten und 3-4000 Einw. In der Nähe die einst wichtige, jetzt halb verfallene Kessikbrücke über den Halys.

Kirschfink, s. Kernbeißer.

Kirschfliege, s. Bohrfliege.

Kirschgeist, s. v. w. Kirschwasser.

Kirschgummi (Kirschharz, Gummi nostras), aus Kirsch-, Pflaumen-, Mandel-, Aprikosenbäumen ausschwitzendes Gummi, bildet halbkugel- oder nierenförmige, ziemlich spröde Stücke, ist blaß weingelb bis tief rotbraun, schmeckt fade, hinterläßt beim Lösen in Wasser eine farblose oder gelbliche Gallerte und enthält wechselnde Mengen von Arabin und Cerasin. Man benutzt es wie Gummi arabikum.

Kirschkernbeißer, s. Kernbeißer.

Kirschlorbeer (Prunus Lauro-Cerasus L.), ein immergrüner, 2-6 m hoher Strauch mit großen, lederartigen, glänzenden, elliptischen, am Rand umgebogenen und fein gesägten oder ganzrandigen Blättern, winkelständigen Blütenähren, verhältnismäßig kleinen, weißen, duftenden Blumenblättern und rundlich herzförmigen, schwärzlichen Beeren. Der K. stammt aus den Kaukasusländern, aus Kleinasien und Persien und kam durch Clusius um 1570 nach Wien und von dort als Zierstrauch nach Deutschland, wo er an geschützten Orten und gut gedeckt im Freien aushält.