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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Königsberg

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Königsberg (K. in Preußen).

Schloßthor, und am Ende der Südseite erhebt sich der 84,5 m hohe Schloßturm, von dessen Galerie man die ganze Stadt und Umgegend und das Frische Haff übersieht. Außer dem Dom und der neuen, in gotischem Ziegelbau errichteten Altstädtischen Kirche mit einem von massenhaften Pfeilern getragenen Schiff wird unter den 15 Kirchen der Stadt ein architektonisch interessantes oder altes Gebäude vergebens gesucht. Der Dom, jetzt die Kneiphofsche Stadtkirche, wurde 1333 vom Hochmeister Luderus von Braunschweig im gotischen Stil gegründet und 1856 einer durchgreifenden Restauration unterworfen. Er ist 92,3 m lang und 25,7 m breit. Der schlanke, 50 m hohe Turm und die schönen drei Schiffe machen einen majestätischen Eindruck; letztere enthalten einen figurenreichen Altar und manche interessante Grabdenkmäler, darunter das des Markgrafen Georg Friedrich und das prächtige Marmormonument des Kanzlers von Kospoth. An der Nordseite des Doms befindet sich ein offener Bogengang, die sogen. Stoa Kantiana, und daran ein dem Andenken Kants gewidmeter und mit dessen Büste geschmückter kapellenartiger Raum, unter dessen Steinboden die Gebeine des großen Philosophen ruhen. Ein Denkmal Kants (Nachbildung der am Denkmal Friedrichs II. in Berlin befindlichen Statue von Rauch) wurde 1864 in der Nähe des Schlosses errichtet, sein mit einer Marmortafel geziertes kleines ehemaliges Wohnhaus befindet sich wenige Schritte davon in der Prinzessinstraße. Auf die genannten ältesten Stadtteile beschränkt sich noch heute der Handel, daher die Handels- und Verkehrsanstalten meistens hier zu finden sind. Die neue Börse, nach dem Plan H. Müllers in Bremen im italienischen Renaissancestil mit einem Aufwand von 1¾ Mill. Mk. erbaut und 1875 vollendet, das imposanteste Gebäude der Neuzeit und zugleich Sitz des Vorsteheramtes der Kaufmannschaft, steht auf dem südlichen Pregelufer. In der Nähe liegen die Bahnhöfe. Die neuesten Stadtteile sind die nördlich vom Schloß gelegenen, die, in der herzoglichen Zeit gar nicht oder spärlich bebaut, den meisten Raum für die Erweiterung bei zunehmender Bevölkerung darboten. Hinter dem Schloß bis an den Steindamm und die Vorstadt Tragheim dehnte sich der fürstliche Tiergarten, jetzt Paradeplatz, aus; nach O. erstreckt sich, 9,35 Hektar groß, der Schloßteich, dessen Ufer mit reichem Baumwuchs in wohlgepflegten Gärten bestanden sind. Eine durchgreifende Änderung in der Bauart ging von der Königsstraße (ehedem "Neue Sorge") aus, besonders seit Friedrich Wilhelm I. sich 1731 hier ein Palais erbaut hatte. Letzteres ist seit 1810 der Universitätsbibliothek eingeräumt und der ebenfalls in der Königsstraße gelegene Jägerhof 1843 der durch Theodor v. Schöns Einfluß gestifteten Malerakademie gewichen. Das moderne K. zeigt fortgesetzt das Bestreben, diese höher gelegenen und darum gesündern Stadtteile immer dichter zu bebauen. Das schöne, durch einen 1885 begonnenen Umbau erheblich erweiterte Bussesche Postgebäude, die oben erwähnte neue Kirche der Altstadt, das neue Universitätspalais, zu dem 1844 beim 300jährigen Jubelfest der Universität der Grund gelegt wurde (nach Stülers Plänen 1865 vollendet), das Stadttheater (von Val. Müller), die drei neuen Gerichtsgebäude auf dem Theaterplatz, die Halle des Börsengartens am Schloßteich gehören zu den nennenswertesten Bauten des heutigen K. Sie liegen alle in der Nähe des größten und schönsten Platzes der Stadt, des Parade- oder Universitätsplatzes, den seit 1852 das 5 m hohe bronzene Reiterstandbild Friedrich Wilhelms III. (von Kiß) schmückt, und als dessen Avenue die elegante Tragheimer Pulvergasse angesehen werden kann. In der Mitteltragheimer Straße ist in den letzten Jahren ein neues Regierungsgebäude, zugleich als Sitz des Oberpräsidiums für Ostpreußen, entstanden, während das stattliche Landeshaus der Provinzialverwaltung in der Königsstraße errichtet ist. Die frühern schönen Spaziergänge der Königsberger: der Philosophendamm, wo Kant einst lustwandelte, und das bepflanzte Glacis zwischen dem Roßgärter und dem Königsthor werden kaum mehr benutzt, seitdem die erstere zum Eisenbahnviertel gezogen und vor das genannte Thor die Mehrzahl der Kirchhöfe verlegt ist. Zur Zeit bilden die Hufen vor dem Steindammer Thor den Hauptvergnügungsplatz für das Königsberger Publikum.

Der Bau der Festungswerke, welche die Stadt jetzt einschließen, begann erst 1843 unter Friedrich Wilhelm IV. Sie stehen in Verbindung mit einer großen Kette von Außenwerken, welche die nächste, ehedem so ländlich angenehme Umgebung der Stadt gänzlich verändert haben, und eine Linie von detachierten Forts, die zum größten Teil jetzt schon vollendet sind, trägt solche Veränderungen noch auf Meilenweite hinaus. Den zum Teil geschmackvoll ausgeführten neuen Festungsthoren, unter denen neben dem Königs- und dem Friedländer Thor das Steindammer Thor am beachtenswertesten ist, haben sämtliche Stadtthore der frühern Enceinte weichen müssen, wie die alten innern Stadtthore dem immer weiter sich ausdehnenden Straßenverkehr. Die riesigen Werke der Ostseite dienen der Garnison als Kasernen; eine Kavalleriekaserne samt Reitplatz ist auf der Nordseite neben den Festungswerken geschaffen worden.

Die Zahl der Einwohner belief sich 1885 mit der Garnison (ein Grenadierreg. Nr. 1, 2 Füsilierbat. Nr. 33, ein Infanteriebat. Nr. 41, 2 Infanteriebat. Nr. 43, ein Kürassierreg. Nr. 3, ein Feldartilleriereg. Nr. 1, ein Fußartilleriereg. Nr. 1 und ein Trainbat. Nr. 1) auf 151,151 Seelen gegen 112,123 im J. 1871. Darunter befanden sich 139,795 Evangelische, 6174 Katholiken und 4155 Juden. Industrie und Handel sind sehr bedeutend. Als besonders hervorragend kann namentlich die Eisenindustrie (Guß und Maschinenbau) bezeichnet werden. Sonstige Erwerbszweige sind: Garn- und Zwirnspinnerei, Fabrikation von Manufakturwaren, Tuch, Konfektionsgegenständen, Leinwand, Shoddy, Tabak und Zigarren, Dachpappe, Tapeten, Chemikalien, Knochenmehl, Mineralwasser, Essig, Spiritus, Pianinos, Marzipan etc., Dampf- und Ölmüllerei, Bierbrauerei, Weißgerberei, Kalkbrennerei, Buchdruckerei. Eigentümlich ist für K. neben Danzig die Bernsteinindustrie. Für Gewinnung des Materials waren 1885 im ganzen 1650 Personen thätig. Der Ertrag stellte sich durch Dampfbaggerei (Schwarzort) auf 670, durch Bergwerksbetrieb (Palmnicken und Kraxtepellen) auf 1030, durch Taucherei, Stechen, Schöpfen und Lesen auf 85 Doppelzentner. Der Handel, begünstigt durch Eisenbahnverbindungen, namentlich aber durch die Lage Königsbergs an einem schiffbaren Fluß, dessen Mündung durch das Frische Haff vor den Meeresfluten gesichert ist, hat der Stadt eine bedeutende Stelle unter den Handelsplätzen des Nordens verschafft. Der äußere Hafen von K. befindet sich in Pillau. Viele Schiffe müssen hier leichtern, da das Haff nur durch Baggerungen Tiefgang erhält, viele werden in Pillau selbst umgeladen. Eine Besserung dieser den Verkehr erschwerenden Kalamität steht durch Anlage