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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kontrapunkt; Konträr; Kontraremonstranten; Kontrarietät; Kontrasignatur; Kontrasignieren; Kontraspiel

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Kontrapunkt - Kontraspiel.

Kontrapunkt, nach heutigem vulgären Gebrauch des Wortes ein besonderer Teil der musikalischen Kunstlehre, nämlich im Gegensatz zur Harmonielehre, welche an bezifferten Bässen geübt wird, die Übung des mehrstimmigen Satzes an nicht bezifferten Aufgaben, d. h. also die mehrstimmige Aussetzung einer gegebenen Melodie ohne jedweden weitern Anhalt. Im engern Sinn versteht man unter kontrapunktischer Behandlung der Stimmen den konzertierenden Stil, in welchem die der Hauptstimme gegenübertretenden Stimmen nicht bloße harmonische Füllstimmen sind, die stets in der primitivsten Form die Harmonie ausprägen, in deren Sinn die melodische Phrase zu verstehen ist; vielmehr gestalten sich im konzertierenden Stil auch die Nebenstimmen melodisch, so daß die Wirkung eines Streitens (concertatio) der Stimmen miteinander um den Vorrang entsteht. Eine gute kontrapunktische (polyphone) Stimmführung ist daher die den einzelnen Stimmen Selbständigkeit gebende. Natürlich hat die Selbständigkeit ihre Grenzen. Da wir einen Zusammenklang mehrerer Töne wie eine schnelle Folge von Tönen nur verstehen, wenn wir sie zur Einheit der Bedeutung eines Klanges zusammenfassen, so wird die selbständige Bewegung mehrerer Stimmen nur verständlich sein, wenn sie die Auffassung im Sinn derselben Harmonie zuläßt. Daß sich z. B. nicht die eine Stimme in der As dur-Tonleiter, die andre aber in der G dur-Tonleiter bewegen kann, ist an sich verständlich; doch ist es noch nicht genügend, daß die Fortschreitungen beider im Sinn desselben Klanges geschehen, es muß auch die Stellung dieses Klanges zu andern in beiden gleich aufgefaßt sein. Dieser Teil der Lehre des Kontrapunktes ist indes noch etwas im unklaren; zwei verschiedene Methoden stehen einander gegenüber, deren Verschmelzung erst das Rechte treffen kann, nämlich die auf die alten Kirchentöne fußende und die moderne von der Dur- und Molltonleiter ausgehende. Den Versuch dieser Verschmelzung hat H. Riemann in seiner "Neuen Schule der Melodik" (1883) gemacht. Als der Name Contrapunctus aufkam (im 14. Jahrh.), war die Kunst des mehrstimmigen Satzes schon sehr entwickelt; die als Regulae de contrapuncto auftretenden theoretischen Traktate eines Johannes de Muris, Philipp v. Vitry u. a. bringen daher nichts eigentlich Neues, sondern sind Abhandlungen über die vorher Discantus genannte Schreibweise mit veränderter Terminologie. Sie gehen dabei aus von dem Satz: Note gegen Note (punctus contra punctum oder nota contra notam), der von Muris ausdrücklich als fundamentum discantus bezeichnet wird. Den ungleichen K. nennt Muris "Diminutio contrapuncti", eine Auffassung, die noch heute zu Recht besteht. Hier ist eins seiner Beispiele (daselbst, 62):

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Die imitatorischen Formen des Kontrapunktes reichen zurück bis ins 13. Jahrh.; Walter Odington (1228 Bischof von Canterbury) gibt vom Rondellus die Definition: "Si quod unus cantat, omnes per ordinem recitent" (Coussemaker, "Script.", I, 245). Zu übertriebener Künstelei wurden die Imitationen entwickelt durch die Kontrapunktisten des 15.-16. Jahrh. und klärten sich schließlich im 17.-18. Jahrh. ab zur Kunstform der Fuge; der strenge Kanon (s. d.) mit schneller Stimmenfolge ist schließlich doch nur ein Kunststück, eine Spielerei. Von ungleich höherer Bedeutung für die Komposition ist der sogen. doppelte K., welcher so angelegt ist, daß die Stimmen vertauscht werden können, d. h. die obere zur untern gemacht wird. Man unterscheidet den doppelten K. in der Oktave, in der Dezime und in der Duodezime, je nachdem, ob er für die Umkehrung durch Versetzung in die Oktave, Dezime oder Duodezime berechnet ist. Eine klare Darlegung der verschiedenen Arten des doppelten Kontrapunktes und des Kanons gibt schon Zarlino in seinen "Istitutioni armoniche" (1558). Lehrbücher des Kontrapunktes im alten Stil (d. h. mit Zugrundelegung der Kirchentöne) sind die von Martini, Albrechtsberger, Cherubini, Fétis, Bellermann, Bußler u. a.; für dieselben ist die Harmonielehre nur ein Accidens, die Regeln sind im Grunde dieselben wie zu den Zeiten des Discantus, als man von Harmonie überhaupt noch keinen klaren Begriff hatte (Intervallenlehre statt Harmonielehre). Dagegen sind die Werke von Dehn (B. Scholz), Richter, Tiersch u. a. mit der Harmonielehre verwachsen, richtiger: bei ihnen ist die Harmonielehre die eigentliche Schule und der K. die Probe aufs Exempel; durch jene muß der Schüler lernen, diesen instinktiv zu handhaben. Daß sich aber durch Vertiefung der harmonischen Studien im Rahmen des Kontrapunktes, d. h. durch Vereinigung der beiden Methoden, eine glückliche Fortentwickelung der Lehre wird anbahnen lassen, ist oben schon angedeutet.

Konträr (franz. contraire), entgegengesetzt, widerstreitend; konträre Begriffe und konträre Urteile, einander ausschließende Begriffe und Urteile der Art, daß durch die Setzung des einen die Nichtsetzung des andern, keineswegs aber durch die Nichtsetzung des einen die Setzung des andern bedingt ist, z. B. Grünes und Rotes (denn was rot ist, kann zwar nicht grün, keineswegs aber muß, was nicht rot ist, deshalb schon grün sein).

Kontraremonstranten (lat.), s. Arminianer.

Kontrarietät (lat.), Widerstreit, Hindernis, Widerwärtigkeit; kontrahieren, entgegen sein, hindern.

Kontrasignatur (lat.), s. Gegenzeichnung.

Kontrasignieren (lat.), gegenzeichnen.

Kontraspiel, Kartenspiel mit deutscher Karte unter 3, 4, 5, 6, gewöhnlich aber unter 4 Personen und dann mit 24 Blättern (ohne Sieben und Achten) gespielt. Der Geber setzt den ersten Stamm und gibt jedem 5 Blätter; von den übrigbleibenden 4 Karten deckt er eine als Trumpf auf. Ist dies der eichelne oder grüne Wenzel, so muß er denselben hereinnehmen, ein Blatt dafür ablegen und in der Farbe des Wenzels spielen. Die beiden Wenzel sind ständig die höchsten Atouts; die sonstige Kartenfolge ist die natürliche. Wird ein Daus aufgeschlagen, so darf der Geber auch dieses an sich nehmen, um darauf zu spielen, aber ehe er seine Karte besehen. Außerdem verpflichtet er sich durch einmaliges Dauskaufen zu steter Wiederholung dieses Wagnisses, bis er einmal dabei "revoltiert" wird (keinen Stich bekommt). Viele stellen es auch beim Aufschlag des Wenzels dem Geber frei, ob er den Wenzel kaufen oder ein für allemal auf dieses Recht verzichten wolle. Hat man den eichelnen Wenzel gekauft und glaubt verlieren zu müssen, so darf man die Karte weglegen und sein Bete setzen, ehe ein anderer "Kontra!" ruft. Dies thut man oft, denn gewinnt der Kontrasager, so zieht er den Betrag vom Teller. Beim Kauf des grünen Wenzels oder eines Dauses muß unbedingt gespielt werden, weil "Revolte" für den Spieler möglich ist. Ist der Spieler