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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Kotzebue

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Kotzebue.

er jedoch die russische Grenze überschritten, als er (im April 1800) aus bis jetzt noch nicht aufgehellten Ursachen verhaftet und nach Sibirien geführt wurde. Ein kleines Drama: "Der Leibkutscher Peters III.", eine indirekte Lobrede auf Paul I., die Krasnopulski ins Russische übersetzt hatte, brachte ihm plötzlich nicht nur die Freiheit, sondern erwarb ihm auch die Gunst des Kaisers, der ihn mit dem Krongut Worroküll in Livland beschenkte und zugleich zum Direktor des deutschen Theaters in Petersburg ernannte. Der kurze Aufenthalt in Sibirien gab K. Gelegenheit zu einer romanhaften Beschreibung, die er unter dem Titel: "Das merkwürdigste Jahr meines Lebens" (Berl. 1801, 2 Bde.) veröffentlichte. Nach Pauls I. Tod nahm er seine Entlassung aus dem russischen Staatsdienst, ging wieder nach Weimar und nach einem Zerwürfnis mit Goethe 1803 nach Berlin, wo er in der von ihm mit Merkel herausgegebenen Zeitschrift "Der Freimütige" eine heftige Polemik gegen Goethe und die romantische Schule eröffnete. Anfang 1806 begab er sich nach Königsberg, um für die beabsichtigte Bearbeitung einer Geschichte Preußens das dortige Archiv zu benutzen. Das Werk, mit dem Titel: "Ältere Geschichte Preußens", erschien auch wirklich (Riga 1809, 4 Bde.), hat aber nur durch den Abdruck zahlreicher Urkunden litterarischen Wert. Nach der Schlacht bei Jena kehrte K. auf sein Gut nach Esthland zurück und gab von hier aus die Zeitschriften: "Die Biene" (1808-1809) und "Die Grille" (1811-12) heraus, worin er gegen Napoleon und das Franzosentum in satirischer Weise und zwar im Interesse Rußlands auftrat. Infolgedessen ward er 1813 vom Kaiser Alexander I. zum Staatsrat ernannt, folgte als solcher 1814 dem russischen Hauptquartier, gab dann in Berlin eine Zeitlang ein "Russisch-deutsches Volksblatt" heraus und erhielt nach dem Sturz Napoleons I. die Stelle eines russischen Generalkonsuls in Königsberg. Hier beschäftigte er sich wieder vorzugsweise mit historischen Forschungen und schrieb neben verschiedenen Lustspielen eine "Geschichte des Deutschen Reichs" (Bd. 1 u. 2, Leipz. 1814-15; fortgesetzt von Rüder, Bd. 3 u. 4, 1833), die sich freilich nur durch ihre Beschränktheit und Einseitigkeit auszeichnet. 1816 nach Petersburg zurückberufen, ward er als Staatsrat im Departement des Auswärtigen daselbst angestellt, erhielt aber schon 1817 die Erlaubnis, nach Deutschland zurückzukehren, und zwar unter Beibehaltung seines russischen Gehalts gegen die Verpflichtung, von Zeit zu Zeit Berichte über die öffentlichen Zustände in Deutschland einzuschicken. Er nahm zuerst seinen Wohnsitz in Weimar, sodann in Mannheim und gab zugleich ein "Litterarisches Wochenblatt" heraus, das viel gelesen wurde, seinem Autor aber bald den Haß aller liberal Gesinnten erwarb. Namentlich rief der Hohn und Spott, mit welchem K. die patriotischen Bestrebungen der deutschen Burschenschaft übergoß, unter der deutschen Jugend allgemeine Entrüstung hervor. Dies trieb den schwärmerischen jenaischen Studenten K. L. Sand (s. d.) bis zum Fanatismus, und in K. den Todfeind aller Freiheit erblickend, erdolchte er denselben zu Mannheim 23. März 1819. Kotzebues Talent als Lustspieldichter mußte der verschiedenartigsten Beurteilung unterliegen. Wer nur die Leichtigkeit seiner Phantasie, die Schlagkraft seiner Situationskomik, die theatralische Behendigkeit seines Dialogs und überhaupt seine Kenntnis der Bühnenwirkungen in Anschlag brachte, erklärte ihn für einen bedeutenden Schriftsteller; wer umgekehrt die bare Äußerlichkeit, Hohlheit und die Effekthascherei seiner tragischen und sentimentalen Erfindungen und Gestalten, die Frivolität seiner Komik und den unkünstlerischen Grundcharakter seines auf die Lieblingsneigungen und Schwächen des laxen und unterhaltungsbedürftigen Publikums fast allein gestellten Talents in Betracht zog, konnte ihn nur verurteilen. Schließlich ward das Gesamturteil über K. bis zur Ungerechtigkeit herb und verkannte selbst seine unleugbare Begabung. Im ganzen veröffentlichte K. 15 Trauerspiele, 60 Schauspiele, 73 Lustspiele, 30 Possen, 11 Parodien und Travestien, 13 Vor- und Nachspiele und 17 Opern und Singspiele. Zu seinen besten Lustspielen, die begabten Darstellern noch heute Gelegenheit zu seiner Charaktermalerei bieten, gehören: "Die Verwandten", "Die beiden Klingsberge", "Der Wildfang", "Die deutschen Kleinstädter", deren Fortsetzung "Carolus Magnus", "Pachter Feldkümmel", "Der verbannte Amor", "Der gerade Weg ist der beste", "Das Intermezzo", "Die Pagenstreiche" und "Die Zerstreuten". Gesammelt erschienen seine "Sämtlichen dramatischen Werke" in 28 Bänden (Leipz. 1797-1823) und in 44 Bänden (das. 1827-29; neue Aufl. unter dem Titel: "Theater von K.", das. 1840-41). Eine neuerliche "Auswahl dramatischer Werke" (Leipz. 1868, 10 Bde.) und eine Sammlung "Ausgewählte Lustspiele" (2. Aufl., das. 1873) erweisen die in gewissem Sinn unverwüstliche Wirkungskraft seines theatralischen Talents. Seine Romane verfolgen meist eine frivole, verwerfliche Richtung; seine rhetorisch-pathetischen "Gedichte" (Wien 1818, 2 Bde.) sind ohne Wert. Vgl. "August v. K. Urteile der Zeitgenossen und der Gegenwart", zusammengestellt von W. v. Kotzebue (Berl. 1881).

2) Otto von, berühmter russ. Reisender, zweiter Sohn des vorigen, geb. 30. Dez. 1787 zu Reval, besuchte die Kadettenschule in Petersburg und begleitete 1803-1806 als Sekretär Krusenstern auf seiner Reise um die Erde. Im Juli 1815 erhielt er selbst die Führung des Schiffs Rurik anvertraut, um die von den Holländern im 17. und 18. Jahrh. im Stillen Ozean gemachten Entdeckungen näher zu erforschen und die Möglichkeit einer nordwestlichen Durchfahrt in der Nähe der Beringsstraße zu untersuchen. Chamisso und Eschscholtz begleiteten ihn. Nach Umsegelung des Kaps Horn entdeckte K. mehrere Inseln, darunter die Ruriks- und Krusensternsgruppe, sowie (August 1816) im SO. der Beringsstraße den nach ihm benannten Kotzebuesund. Dann besuchte er Kalifornien und Hawai, entdeckte im Januar 1817 den Romanzow-Archipel und wollte eben wieder die nordwestliche Durchfahrt aufsuchen, als ihn ein Brustleiden (August 1817) zur Rückkehr nach Petersburg nötigte. Die Ergebnisse seiner Beobachtungen veröffentlichte er in seiner "Entdeckungsreise in die Südsee und nach der Beringsstraße zur Erforschung einer nordwestlichen Durchfahrt in den Jahren 1815-18" (Weim. 1821, 3 Bde.). Zum Kapitänleutnant der russischen Gardemarine ernannt, trat er 1823, begleitet von ausgezeichneten Naturforschern und Ärzten, wie Eschscholtz, Lenz, Hoffmann, Preuß und Siewel, seine dritte Reise um die Welt an. Er bestimmte auf dieser seine frühern Entdeckungen in der Südsee genauer, nahm den Samoa-Archipel auf und entdeckte drei neue Inseln, die er nach seinem Schiff Predprijätje und nach seinen Leutnants, Bellingshausen und Kordukew, benannte. Am 10. Juli 1826 langte K. in Kronstadt wieder an. Die Beschreibung seiner Reise gab er unter dem Titel: "Neue Reise um die Welt in den Jahren 1823-26" (Weim. 1830,