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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Krakau

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Krakau (Beschreibung der Stadt).

Eisenbahnknotenpunkt (Linien Wien-K. der Nordbahn, K.-Lemberg der Karl Ludwigs-Bahn und Podgorze-Sucha der Galizischen Staatsbahnen). Durch die im J. 1850 eröffnete Franz Josephs-Brücke ist K. mit dem jenseit der Weichsel liegenden Podgorze (s. d.) verbunden und begreift in seiner Ausdehnung von W. nach O. die Altstadt, die Vorstädte Stradom, Kasimierz etc. (s. unten). Die alten, mit vielen Türmen versehenen Mauern, Wälle und Gräben sind größtenteils verschwunden und in Promenaden umgeschaffen. In neuester Zeit ist K. durch detachierte Forts zu einem befestigten Waffenplatz erhoben worden. Von den vier öffentlichen Plätzen ist der merkwürdigste der große Ringplatz mitten in der Stadt, in dessen Mitte ein von Kasimir d. Gr. erbauter großer Bazar ("Tuchbaute", Sukiennica) steht, dessen oberes Geschoß eine Gemäldegalerie und das Nationalmuseum enthält. Unter den Hauptstraßen der Stadt ist als die belebteste die Burgstraße (Grodzka ulica), welche durch die Vorstadt Stradom nach Kasimierz und von da über die Weichselbrücke nach Podgorze führt, zu nennen. Von den 12 Thoren, welche früher die befestigte Stadt umgaben, ist nur noch das Floriansthor übrig, nach der Vorstadt Piasek zu gelegen, ein merkwürdiges Denkmal alter Kriegsbaukunst. Unter den 5 Brücken sind die bereits erwähnte Franz Josephs-Brücke, die Brücke in der Vorstadt Kasimierz und die Eisenbahnbrücke hervorzuheben.

In frühern Zeiten hatte die Stadt über 65 Kirchen, von denen aber jetzt bloß 38 in dem Zustand sind, daß Gottesdienst darin gehalten werden kann. Die merkwürdigste ist die dem heil. Wenzel gewidmete Schloßkirche auf dem Berg Wawel, angeblich vom König Wladislaw Hermann (1081-1102) gegründet, eine der prächtigsten gotischen Domkirchen in Europa (in ihrer jetzigen Gestalt 1320-59 nach einem großen Brand neu aufgebaut). Die größte Zierde derselben sind die 16 Kapellen, welche die durch schöne Bildnisse gezierten Grabmäler der Herrscher Polens und andrer berühmter Männer enthalten. Unter ihnen zeichnet sich besonders die Jagellonische Kapelle aus mit ihrem kugelrunden, stark mit Gold überzogenen Dach, unter welcher sich das Grabgewölbe der Jagellonischen Königsfamilie befindet. In einer Kapelle, inmitten der Kirche, tragen vier von Silber gegossene Engel in einem silbernen Sarg den Leichnam des Märtyrers Stanislaus, Bischofs von K. (erschlagen 1079), dessen Geschichte in halb erhabener Arbeit auf dem Sarg abgebildet ist; in der Kreuzkapelle das von V. Stoß ausgeführte Grabmal des Königs Kasimir IV. In der Krypte unter dem Eingang in die Kirche ruhen die Überreste Johanns III. Sobieski, Michaels Wiszniowiecki, Wladislaws IV. Wasa und andrer Könige Polens sowie Kosciuszkos und des Fürsten Joseph Poniatowski. Auch befinden sich hier eine reiche Schatzkammer und kostbare Kirchenapparate, die berühmte, 1520 gegossene Siegmundglocke, ein reiches Kirchenarchiv und eine Bibliothek. Unter den zahlreichen Monumenten zeichnet sich besonders die Statue des Grafen Wladimir Potocki (gest. 1812 vor Moskau) von Thorwaldsen aus. Auf der östlichen Seite des Marktes befindet sich die große, in gotischem Stil 1226 gegründete, später verzopfte Marienkirche mit einem 73 m hohen Turm, einem kunstvoll geschnitzten Hochaltar von Veit Stoß und wertvollen Glasmalereien. Schöne Bauwerke sind ferner: die vom König Siegmund III. 1597 angelegte (ehemals jesuitische) Peter- und Paulskirche, im Stil der Peterskirche in Rom erbaut; die zuerst 1223 erbaute, nach dem Brand von K. 1850 wiederhergestellte Dominikanerkirche; die Universitätskirche zu St. Anna (1689-1703 erbaut) mit dem Denkmal des Kopernikus u. a. Außerdem hat K. noch viele Kapellen, Mönchs- und Nonnenklöster und 7 Synagogen.

Unter den öffentlichen Gebäuden nimmt den ersten Platz die Burg auf dem Wawel ein, ein von einer festen Mauer mit Schießscharten umgebenes, früher mit königlicher Pracht ausgeschmücktes Gebäude, das unter der österreichischen Regierung zu einer die Stadt beherrschenden Citadelle umgeschaffen wurde. Gegen S., zwischen dem vormaligen Grodzker Thor und dem durch die Stadt fließenden Weichselarm, liegt Stradom mit der Bernhardinerkirche, dem bischöflichen Seminar und dem Regierungsgebäude. Daran schließt sich das von Kasimir d. Gr. zuerst als abgesonderte Stadt gegründete Kasimierz mit der Kirche des heil. Michael, in welcher der heil. Stanislaus am Altar ermordet wurde, dem Paulinerkloster, der Katharinen- und der Fronleichnamskirche, der mit dem Kloster und Hospital der Barmherzigen Brüder verbundenen Dreifaltigkeitskirche und dem vormaligen, im gotischen Stil erbauten Rathaus. Kasimierz wird größtenteils von Juden bewohnt. Gegen N. liegt die Vorstadt Kleparz mit den Kirchen des heil. Florian und der Heiligen Philipp und Jakob sowie mit dem Bahnhofsgebäude und den Getreide- und Viehmärkten der Stadt. Auf der Nordseite befindet sich auch die Vorstadt Piasek mit der 1087 gegründeten schönen Kirche zur Heimsuchung Marias und der Kirche zur Verkündigung Marias. Gegen W. dehnen sich die Vorstädte Smolensk und Zwierzyniec aus, letztere mit dem Kloster der Norbertinerinnen. Im O. endlich liegt die Vorstadt Wesola mit der Nikolauskirche, dem Hauptspital zu St. Lazarus, der Kirche der heil. Theresia und dem Kloster der Karmeliterinnen, der medizinischen Klinik, dem botanischen Garten und der Sternwarte.

K. zählt (1880) 66,095 Einw. (darunter 20,269 Juden und 6267 Mann Militär), während es zur Zeit seiner Blüte (16. Jahrh.) deren 80,000, in seinem Niedergang (Ende des 18. Jahrh.) aber kaum 10,000 zählte. Die Stadt betreibt lebhaften Handel mit Getreide, Holz, Salz, Wein, Leinwand, Tuch und Borstenvieh und unterhält stark besuchte Jahrmärkte. Sie besitzt mehrere Fabriken für Maschinen und Ackerbaugeräte, für Tischlerwaren, chemische Produkte, Zündhölzchen, Tabak, Bier, Würste und Öl sowie Dampfmühlen. Kreditinstitute, die in K. ihren Sitz haben, sind: die Galizische Bank für Handel und Industrie, die Galizische Bodenkreditbank, die Sparkasse und die Wechselseitige Versicherungsgesellschaft. Auch eine Gasanstalt und eine Pferdebahn sind vorhanden. An Bildungsanstalten besitzt K. vor allen eine Universität mit polnischer Unterrichtssprache. Sie wurde 1364 von Kasimir d. Gr. gegründet, unter den Jagellonen vom Papst Bonifacius IX. 1394 bestätigt und mit Stiftungen ausgestattet (daher die Benennung "Jagellonische Universität"). Die Zahl der Studierenden betrug 1884: 862 (inkl. 72 Hospitanten). Zur Universität gehören eine für die polnische Litteratur wichtige Bibliothek von ca. 150,000 Bänden und vielen seltenen Handschriften, ein Naturalienkabinett, eine Sternwarte und ein botanischer Garten. Außerdem befinden sich in der Stadt

^[Abb.: Wappen von Krakau.]