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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Lateinische Sprache

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Lateinische Sprache.

eignet hatte, stetig schwand. Dazu kam, daß in den Provinzen sich mehr oder weniger erhebliche Eigentümlichkeiten geltend machten, welche der herrschenden Umgangssprache eine eigenartige Färbung verliehen (afrikanisches, gallisches Latein). So büßte die hochlateinische Schriftsprache nach einem Zeitraum von ungefähr 300 Jahren ihre Herrschaft ein, und an ihre Stelle trat die Vulgärsprache, aus deren Vermischung mit der Sprache der alten Bewohner der Provinzen sich die neuen Sprachen bildeten, die man als romanische zu bezeichnen pflegt. Nach dem Untergang des römischen Reichs erhielt sich die l. S. nicht nur im Munde der Besiegten, sondern ward als die ausgebildetere auch von den Siegern angenommen. Natürlich war sie dabei vielfacher Veränderung und Verunreinigung ausgesetzt und geriet infolge davon mehr und mehr in Verfall. Dieser ist schon im 6. Jahrh. vorhanden und zeigt sich in der Aufnahme vieler fremder Wörter, welche man latinisierte, in Vertauschung, Verdumpfung, Schwächung etc. der Vokale, in Nichtbeachtung der grammatischen Regeln, in verändertem Gebrauch der Präpositionen, in Vernachlässigung der Regeln der Flexion etc. Die Bemühungen einzelner, dem völligen Verderb der Sprache entgegenzuarbeiten, scheiterten an der Abneigung des christlichen Klerus, der diese entartete l. S. zu der seinigen gemacht hatte, wie sie auch Sprache der Regierung geworden war, gegen das Studium der altrömischen Litteratur als einer heidnischen. Nur hier und da erhielt sich in Klöstern und Schulen mit dem Studium der alten klassischen Litteratur auch eine notdürftige Kenntnis der klassischen Sprache. Mit der Ausbildung der Scholastik, mit der Gründung der Universitäten und mit den anhebenden theologisch-philosophischen Streitigkeiten begann eine vermehrte Anwendung der damals üblichen lateinischen Sprache, des sogen. Mittellateins, indem sie als Schriftsprache und verhältnismäßig immer noch am meisten ausgebildete unter den damaligen Sprachen sich allein zur Sprache der Wissenschaft eignete. Die Wiederbelebung des klassischen Altertums seit der Mitte des 14. Jahrh. führte auch eine vollständige Regeneration der lateinischen Sprache aus der mittelalterlichen Entartung herbei, indem man an den jetzt wieder ans Tageslicht gezogenen Klassikern mit dem größten Eifer wie die alten Römer sprechen und schreiben zu lernen sich bemühte. Auch nach dem Erlöschen der humanistischen Bewegung erhielt sich das Latein als Sprache der Gelehrten und Geistlichen im gegenseitigen Verkehr und der Staatsmänner; in Wort und Schrift bediente man sich derselben auf den Universitäten, in den Schulen, auf den deutschen Reichstagen, in allen öffentlichen Akten des Reichs, namentlich bei völkerrechtlichen Beschlüssen, ja auch vielfach an den Höfen, von denen sie erst zur Zeit Ludwigs XIV. von Frankreich durch die französische verdrängt ward. An den deutschen Universitäten wurde ihre Alleinherrschaft erst seit 1687 durch Chr. Thomasius gebrochen; doch hat ihre Verwendung bei öffentlichen Disputationen und in Promotionsschriften erst seit etwa zwei Jahrzehnten aufgehört, Pflicht zu sein. Im Reich wurde das Deutsche seit 1717 dem Latein gleichberechtigt und verdrängte es dann schnell in den Reichstagsverhandlungen und den Erlassen der Gerichtsbehörden. In Verträgen halten das Latein am längsten fest der Papst, Polen, Ungarn, der Kaiser und England. Französisch sind zuerst abgefaßt die Rastatter Friedensverhandlungen 1714, freilich unter Verwahrung des Reichs; seitdem erst gewinnt das Französische allmählich hier die Herrschaft. Gegenwärtig ist die l. S., wie vorzeiten, die Kirchensprache der römisch-katholischen Welt.

Wie die Alphabete der übrigen italischen Völkerschaften, so geht auch das lateinische auf ein griechisches zurück und zwar auf das in der Latium benachbarten griechischen Kolonie Cumä übliche chalkidische. Von den 24 Buchstaben des dorisch-cumäischen Alphabets ließ das Lateinische die drei ihm unbekannten Aspiraten Θ (th), Φ (ph) und Ψ (ps) fallen und behielt somit 21 Buchstaben: A B C D E F H I K L M N O P Q R S T V X Z. Von diesen kam Z allmählich außer Gebrauch und fand erst zu Ciceros Zeit aus dem Griechischen wieder Aufnahme in die Bücherschrift zusammen mit Y. Das ursprünglich dem griechischem Γ wie in der Stellung, so in der Aussprache entsprechende C diente, als schon seit der Mitte des 5. Jahrh. K für gewöhnlich außer Gebrauch kam und sich nur in einzelnen Wörtern vor A (wie Kalendae) erhielt, lange als Bezeichnung zugleich für den weichen und harten Gaumenlaut, bis im 3. Jahrh. v. Chr. für den erstern G aufkam und C ausschließlich den letztern bezeichnete. So bildete sich ein Alphabet von 23 Buchstaben, denn die graphische Unterscheidung zwischen I und J sowie zwischen V und U ist nicht antik. Vgl. hierzu die Übersichtstafel beim Art. "Schrift"; über die lateinischen Zahlzeichen s. Ziffern. - Die Aussprache der Vokale war wohl im wesentlichen der jetzt üblichen gleich. Selbstverständlich aber ist, daß dieselben Buchstaben, Konsonanten wie Vokale, weder zu allen Zeiten noch zu derselben Zeit in allen Lautverbindungen ganz gleich gelautet haben. Von den Konsonanten ist es besonders das c, das jetzt in gewissen Verbindungen (vor ei, v) fälschlich wie z statt k gesprochen wird; so sprechen wir Cicero: Zizero, während es Kikero lauten muß. Vgl. Corssen, Über Aussprache, Vokalismus und Betonung der lateinischen Sprache (2. Aufl., Leipz. 1868-70, 2 Bde.); E. Seelmann, Die Aussprache des Latein nach physiologisch-historischen Prinzipien (Heilbr. 1885); H. Schuchardt, Der Vokalismus des Vulgärlateins (Leipz. 1866-68, 3 Bde.). Für die Feststellung der Orthographie ist erst in neuerer Zeit durch die kritischen Ausgaben der Schriftsteller und die inschriftlichen Forschungen eine festere Grundlage geschaffen worden (vgl. Brambach, Die Neugestaltung der lateinischen Orthographie, Leipz. 1868).

Schon die Römer begannen frühzeitig, namentlich seit dem 1. Jahrh. v. Chr., ihre Sprache wissenschaftlich zu behandeln und zwar im Anschluß an die Systematik der Griechen. Durchaus überwiegend war die Thätigkeit der Grammatiker der Formenlehre zugewendet; in der Behandlung der Syntax kamen sie über schüchterne Anläufe nicht hinaus. Im Mittelalter erhob man sich nicht über dürren Formelkram und magere grammatische Systeme nach der Weise des Donatus (s. d.). Seit dem 15. Jahrh. beginnt die Bearbeitung der lateinischen Grammatik durch die italienischen Humanisten, deren Reihe Laurentius Valla mit "Libri VI elegantiarum" (um 1470), einer Sammlung einzelner scharfsinniger Beobachtungen über Grammatik und Phraseologie ohne systematische Ordnung, eröffnet. Im 16. Jahrh. waren in derselben Richtung thätig besonders der Engländer Thomas Linacer, der zuerst die Syntax systematisch und ausführlich behandelte, der Deutsche Philipp Melanchthon, der Franzose Ramée und der Spanier Francisco Sanchez de las Brozas (Franciscus Sanctius Brocenzis), dessen "Minerva, s. de causis linguae latinae commentarius" (zuerst Salamanca 1587, nachher sehr oft, namentlich mit den wertvollen Zu-^[folgende Seite]