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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Leopold

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Leopold (Anhalt: "der alte Dessauer").

der Landstraßen, Aufhebung der Inquisition (1787), Anlegung von Besserungshäusern und ein treffliches Kriminalgesetzbuch verdient machte. Früher als sein Bruder Joseph, aber behutsamer als dieser, unternahm er Reformen in Kirchensachen. Am 20. Febr. 1790 folgte er seinem Bruder Joseph II. in den österreichischen Erbstaaten, deren Regierung er unter mißlichen Umständen überkam, 30. Sept. auch als deutscher Kaiser. Durch freundliche Annäherung gelang es ihm jedoch, sich mit Preußen 2. Aug. 1790 durch den Vertrag zu Reichenbach sowie mit der Pforte durch den Frieden von Sistowa 4. Aug. 1791 zu vergleichen. Die empörten Niederlande wurden durch die Einnahme Brüssels 3. Dez. zum Gehorsam gebracht, doch bestätigte L. die alten Vorrechte und Institutionen des Landes. Auch die Bewegung der Ungarn, die in einem neuen Eid seine Königsrechte beschränkt wissen wollten, wurde durch Mäßigung und Festigkeit gedämpft. In Polen begünstigte er den Versuch, durch die Verfassung vom 3. Mai 1791 den Staat lebenskräftig und widerstandsfähig gegen Rußland zu machen. Als Bruder Marie Antoinettes an deren Schicksal lebhaft beteiligt und von den französischen Emigranten mit Bitten bestürmt, den alten Zustand der Dinge in Frankreich mit Gewalt herzustellen, ging er doch mit der äußersten Vorsicht zu Werke, und erst, als der mißglückte Fluchtversuch Ludwigs XVI. im Juni 1791 eine noch größere Beschränkung der königlichen Gewalt nach sich zog und somit die Gefahr für das gesamte monarchische Europa immer drohender erschien, vereinigte sich L. 27. Aug. 1791 mit Friedrich Wilhelm II. von Preußen in Pillnitz zu der Erklärung, daß sie mit den andern Mächten zur Herstellung eines geordneten Zustandes in Frankreich beizutragen entschlossen seien und deshalb ihre Truppen in Bereitschaft setzen würden, und 7. Febr. 1792 erfolgte der Abschluß eines Schutz- und Trutzbündnisses zwischen Österreich und Preußen. Doch starb. L. schon 1. März d. J. Er war ein kluger, vorurteilsfreier, kenntnisreicher und menschenfreundlicher Fürst, that viel für Verbesserung der Justiz, Polizei und öffentlichen Erziehung, war aber in seinen Reformen vorsichtig und gemäßigt. Vermählt war er seit 1765 mit Maria Luise von Spanien, die ihm 16 Kinder gebar. Ihm folgte sein Sohn Franz II. als Kaiser von Österreich. Von seinen übrigen Söhnen sind bemerkenswert die Erzherzöge Karl, Johann, Palatin Joseph, Rainer, Vizekönig der Lombardei, Rudolf, Fürsterzbischof von Olmütz. Vgl. Krome und Jagemann, Die Staatsverwaltung von Toscana unter der Regierung Leopolds II. (Gotha 1795 bis 1797, 3 Bde.); Sartori, Leopoldinische Annalen (Augsb. 1792, 2 Bde.); A. Wolf, L. II. und Maria Christine, ihr Briefwechsel (Wien 1867); Schels, Geschichte Österreichs unter der Regierung Kaiser Leopolds II. (Wien 1837). Briefe von L. gaben Arneth und Beer heraus. Über Leopolds Politik gegen Polen und Frankreich hat sich neuerdings zwischen E. Herrmann ("Die österreichisch-preußische Allianz vom 7. Febr. 1792", Gotha 1861; "Zur Geschichte der Wiener Konvention vom 25. Juli 1791.", in den "Forschungen", Bd. 5) und H. v. Sybel ("Über die Regierung Kaiser Leopolds II.", Münch. 1860; "Österreich und Deutschland im Revolutionskrieg", Düsseld. 1868) ein lebhafter Streit erhoben, indem ersterer die alte Ansicht von neuem aufgestellt hat, daß L. durchaus einen allgemeinen Krieg zur Unterdrückung der französischen Revolution beabsichtigt habe.

[Anhalt.] 3) L. I., Fürst von Anhalt-Dessau, unter dem Namen des "alten Dessauers" berühmt, geb. 3. Juli 1676 zu Dessau, der Sohn Johann Georgs II. und der Prinzessin Henriette von Oranien, bewies schon in früher Jugend bei ungestümer Leidenschaftlichkeit und unbezähmbarer Roheit die größte Ausdauer in jeder körperlichen Übung und zugleich einen unwiderstehlichen Hang zum Militärwesen. Bereits 1688 ernannte ihn Kaiser Leopold zum Obersten und Chef eines Reiterregiments; als L. aber 17. Aug. 1693, nach dem Tod seines Vaters, unter der Vormundschaft seiner Mutter die Regierung übernahm, trat er in die Kriegsdienste des Kurfürsten von Brandenburg über und erhielt das Regiment seines Vaters in Halberstadt, das er mit Eifer einübte; er führte den Gleichschritt und den eisernen Ladestock ein und handhabte Pünktlichkeit und Ordnung mit furchtbarer Strenge. 1695 beteiligte er sich am Feldzug gegen Ludwig XIV., namentlich an der Eroberung von Namur, und wurde zum Generalmajor ernannt. 1698 übernahm er die Regierung seines Landes, dessen Wohlfahrt er, sobald er nicht im Feld war, durch Verbesserungen der Verwaltung und Landwirtschaft, Errichtung von Elbdämmen und einer Menge andrer Bauten zu fördern suchte. Daneben trat freilich auch vielfach die ihm eigentümliche willkürliche Härte hervor. Im spanischen Erbfolgekrieg führte er zu Österreichs Unterstützung zwölf Bataillone preußischen Fußvolks an den Niederrhein, zeichnete sich hier unter dem General v. Heyden 1702 bei den Belagerungen von Kaiserswerth, Venloo und Roermonde aus und rettete 20. Sept. 1703 in dem unglücklichen Treffen bei Höchstädt durch seinen tapfern Widerstand gegen die Übermacht der Franzosen und Bayern und durch seinen meisterhaften Rückzug Styrums Heer vom Untergang. 1704 zum General der Infanterie ernannt, gab er in der zweiten Schlacht bei Höchstädt 13. Aug. den Ausschlag und eroberte die Festung Landau. 1705 nahm er mit 8000 Mann an Eugens Feldzug in Italien teil, focht bei Cassano, wo zuerst der bekannte "Dessauer Marsch" gespielt wurde, und 1706 bei Turin. 1707 eilte er aufs neue nach Italien, nahm an Eugens Einfall in die Provence Anteil, half Toulon berennen und eroberte Susa. 1709 machte er als Freiwilliger den Feldzug in den Niederlanden mit, erhielt bald darauf, auf Eugens Fürsprache, den Oberbefehl über die in englischem und holländischem Sold stehenden preußischen Truppen, eroberte mit denselben Douai und Aire und nahm 1711 an Marlboroughs glücklichen Operationen bei Arras gegen Villars Anteil. Hierauf wurde er im Dezember 1712 Feldmarschall und Wirklicher Geheimer Kriegsrat. Im Krieg mit Schweden 1715 eroberte er an der Spitze von 25,000 Mann Preußen und 8000 Mann Sachsen erst Rügen, dann Stralsund und führte so den für Preußen vorteilhaften Frieden herbei. Mit Friedrich Wilhelm I., mit dem sein Charakter große Übereinstimmung hatte, und der Leopolds Verdienste um die Armee, seine umfassenden Kenntnisse im Geniewesen zu würdigen wußte, war L. eng befreundet und hatte am Hof bedeutenden Einfluß, den er 1730 auch zu gunsten des Kronprinzen geltend zu machen suchte. Mit dem General v. Grumbkow lebte L. seit 1725 auf gespanntem Fuß, doch endete der geplante Zweikampf ohne Blutvergießen. Friedrich II. übertrug dem Fürsten während seines ersten schlesischen Feldzugs die Deckung der preußischen Lande wider einen befürchteten Einfall Hannovers und 1742 das Kommando in Oberschlesien. Im zweiten Schlesischen Krieg erhielt er zuerst den Oberbefehl in der Mark und erfocht 15. Dez. 1745 den blutigen Sieg bei Kesselsdorf. Gebeugt