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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Litauische Sprache und Litteratur; Litauischer Balsam

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Litauischer Balsam - Litauische Sprache und Litteratur.

des ersten Priesters (Kriwe-Kriweito). Mord und Diebstahl wurden sehr streng bestraft. Hauptbeschäftigung waren Ackerbau und Handel mit den Schweden und Slawen. Als erster Großfürst wird Ringold (1230-35) genannt. Sein Sohn Mindowg ließ sich 1252 vom Erzbischof von Riga taufen und zum König krönen, trat dem Deutschen Orden Samaiten und Schalauen ab und versprach ihm für den Fall seines Todes sein ganzes Reich. Doch 1261 fiel er vom Glauben wieder ab, vernichtete ein Ordensheer in der blutigen Schlacht an der Durbe und reizte die heidnischen Preußen zum Aufstand. Fast alljährlich fanden in den nächsten 20 Jahren Einfälle der Litauer ins Ordensland statt, wofür der Orden seit 1283 seinerseits blutige Rache nahm, neue Plünderungszüge der Litauer jedoch nicht verhindern konnte. Gedimin (seit 1315) eroberte durch den Sieg am Fluß Irpénj 1321 einen Teil des südlichen Rußland samt Kiew, gründete die Städte Wilna und Troki, kämpfte im Bund mit Wladislaw von Polen gegen den Orden, der vom König Johann von Böhmen unterstützt ward, und empfing die Todeswunde bei der Belagerung einer Ordensburg 1340. Sein Nachfolger Olgerd (1345-77) entriß den Ruthenen Podlachien am Bug (1366), zwang um dieselbe Zeit die Tataren von Perekop zur Anerkennung seiner Oberhoheit und bewog Groß-Nowgorod und Pskow, unter seinen Schutz zu treten. Weniger glücklich war er in den Kämpfen gegen den Orden, die er, von seinem Bruder Keistut unterstützt, unaufhörlich führte; beide wurden 1370 bei Rudau total geschlagen, doch gelang die Eroberung von Wilna 1378 dem Orden nicht. Olgerds jüngster Sohn, Jagello (1377-1434), ließ sich 1386 in Krakau taufen und nahm den Namen Wladislaw an. Durch seine Vermählung mit der Erbin Polens, Hedwig, erhielt er damals Polen, mußte jedoch 1392 den Litauern in Witowt, dem Sohn des von ihm getöteten Keistut, einen eignen Großfürsten geben. Obwohl dieser sich wiederholt mit dem Orden gegen Polen verband, so focht er doch an der Seite Jagellos in der für den Orden verhängnisvollen Schlacht bei Tannenberg (1410). Während die Eroberung des Fürstentums Smolensk Witowt 1404 gelang, schlug sein Zug gegen die Goldene Horde fehl; er erlitt an der Worskla eine furchtbare Niederlage (1399). Inzwischen war ein großer Teil der Litauer katholisch geworden. Auf dem Tag zu Gorodlj am Bug (1413) ward festgesetzt, daß der katholische Adel Litauens mit dem polnischen zur Wahl der Könige und Großfürsten sowie zu wichtigen Beratungen einen gemeinschaftlichen Reichstag bilden sollte. Vergebens bemühte sich Witowt, welchem die Abhängigkeit von Polen verhaßt war, vom deutschen Kaiser Siegmund den Königstitel zu erhalten; die Polen verhinderten es. Nach Witowts Tod (1430) ernannte Wladislaw seinen Bruder Sswitrigailo zum Großfürsten von L.; dieser ward aber von dem durch die litauischen Bojaren gewählten Bruder Witowts, Siegmund, verdrängt. Jener wurde 1435 in seinen Ansprüchen auf L. und Polen vom Orden unterstützt; doch letzterer versprach im Frieden zu Brzesc 1. Jan. 1436, sich nicht mehr in die litauischen Händel zu mischen. Siegmund, wegen seiner Grausamkeit verhaßt, ward 1440 vom Fürsten Czartoryiski ermordet, und ein Bruder des polnischen Königs Wladislaw III., Kasimir, erhielt L.; derselbe bestieg 1444 auch den polnischen Thron. In den mit L. vereinigten russischen Gebieten bestanden noch bis zum Anfang des 16. Jahrh. Teilfürsten; Smolensk ging 1522 an Moskau verloren. Nach dem Tod Kasimirs IV. (1492) erwählten die Polen dessen zweiten Sohn, Johann I. Albrecht, zum König; die Litauer dagegen wählten seinen dritten Sohn, Alexander, zu ihrem Großfürsten, der 1501 König von Polen wurde. Seitdem blieben Polen und L. unter Einem Oberhaupt vereinigt. Die völlige Vereinigung beider Länder in allen Staatsangelegenheiten kam endlich auf dem Reichstag zu Lublin (1569) zu stande. Die litauischen Provinzen im südwestlichen Rußland fielen an Polen. Beide erhielten einen gemeinsamen Senat und Reichstag in Warschau, doch sollte seit 1673 stets der dritte Reichstag in Grodno gehalten werden. Bei der dritten Teilung Polens 1795 kam der größere Teil Litauens an Rußland, das daraus die sechs Gouvernements: Wilna, Kowno, Grodno, Mohilew, Witebsk und Minsk bildete; der kleinere, bis zur Memellinie Kowno-Grodno, fiel an Preußen, wurde aber 1807 mit dem Großherzogtum Warschau vereinigt und fiel 1814 als Teil Kongreßpolens ebenfalls an Rußland. L. beteiligte sich 1830 und 1863 an den Aufständen in Polen gegen Rußland (s. Polen). Vgl. Schlözer und Gebhardi, Geschichte von L. (Halle 1785); Lelewel, Histoire de la Lithuanie (Par. 1861).

Litauischer Balsam, s. v. w. Birkenteer.

Litauische Sprache und Litteratur. Das Litauische ist im weitern Sinn eine der Sprachfamilien (jetzt nur noch von ungefähr 2½ Mill. Menschen gesprochen), aus denen sich der große indogermanische Sprachstamm zusammensetzt; im engern Sinn versteht man darunter gewöhnlich eine der drei Sprachen (Litauisch, Lettisch, Altpreußisch), aus denen diese Sprachfamilie, die auch die lettische oder baltische genannt wird, besteht. Ihrer nahen Verwandtschaft mit den slawischen Sprachen halber wird sie häufig mit diesen unter dem Namen der slawolettischen (slawolitauischen, baltisch-slawischen) zusammengefaßt. Aber auch die germanischen Sprachen scheinen in nähern Beziehungen zu diesen beiden Sprachfamilien zu stehen, und die drei zusammen können als die nordeuropäische Abteilung des indogermanischen Sprachstammes bezeichnet werden. Vgl. Hassencamp, Über den Zusammenhang des lettoslawischen und germanischen Sprachstammes (Leipz. 1876); Leskien, Die Deklination im Slawisch-Litauischen und Germanischen (das. 1876). Das Litauische im engern Sinn, die Sprache des Landvolkes in der Gegend um Memel und Tilsit und in den russischen Gouvernements Kowno und Wilna, ist die altertümlichste unter den lebenden indogermanischen Sprachen Europas und deshalb sehr wichtig für die vergleichende Sprachforschung. Schon in Bopps vergleichender Grammatik ist die litauische Sprache behandelt, aber der berühmte Sprachforscher Schleicher war der erste, der diesen Schatz systematisch zu heben suchte, indem er 1852 mit Unterstützung der österreichischen Regierung eine Art Entdeckungsreise nach Litauen unternahm und den Bauern durch Abfragen die uralten Formen ihrer Sprache sowie verschiedene ihrer volkstümlichen Lieder (Dainos), Fabeln und Märchen entlockte. Die Resultate seiner Reise legte er in einem vortrefflichen "Handbuch der litauischen Sprache" nieder, wovon der erste Teil die Grammatik (Prag 1855), der zweite das Lesebuch mit Glossar (das. 1856) enthält. Für die Zwecke der Sprachvergleichung verwertete Schleicher das Litauische selbst in seinem "Kompendium der vergleichenden Grammatik" (4. Aufl., Weim. 1876), Curtius in seinen "Grundzügen der griechischen Etymologie" (5. Aufl., Leipz. 1879) u. a.; zahlreiche Monographien enthalten auch verschiedene Zeitschriften, wie Kuhn und Schleichers "Beiträge", Kuhns "Zeit-^[folgende Seite]