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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Madagaskar

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Madagaskar (Bodengestaltung, Klima, Bevölkerung).

entlang. Dieses große granitische Massengebirge hat nur eine durchschnittliche Höhe von 1000-1200 m; die höchsten Gipfel liegen nahe dem Mittelpunkt der Insel im Ankaratragebirge; es sind dies Ambohimirandrana (2350 m), Ankawitra (2530 m), Tsiafakafo (2540 m) und Tsiafajavona (2590 m). Nach Sibree erstreckt sich eine vulkanische Linie in ununterbrochenem Zug von SO. nach NW. und bis zur äußersten Nordspitze mit zahlreichen ausgebrannten und zum Teil mit Wasser gefüllten Kratern. Daß die vulkanischen Kräfte noch nicht ganz erloschen sind, beweisen leichte, jährlich vorkommende Erdstöße und mehrere heiße Quellen. Der Grundstock der Gebirge scheint durchgängig aus Granit und Gneis zu bestehen; im erstern ist Quarz in mächtigen Adern abgesondert. Bergkristalle sind häufig, und Basalt findet sich in großen, gebirgsartigen Anhäufungen. Der südwestliche Teil des Ankaratragebirges enthält ein Lager kohlensauren Kalks mit Höhlen voller Stalaktiten. Auf den Ebenen und in den Thälern erscheinen sekundäre, zahlreiche Versteinerungen bergende Lager; im SW. haben Grandidier und Hildebrandt die fossilen Reste von Flußpferden, Riesenschildkröten und Straußvögeln aufgefunden. Sibree berichtet von erratischen Blöcken in verschiedenen Teilen der Insel, deren Ablagerung man mit Gletschern in Zusammenhang denken müßte. Die beträchtlichsten Flüsse nehmen ihren Lauf von O. nach W., die meisten weisen zahlreiche Fälle und Stromschnellen auf, und nur wenige sind für größere Fahrzeuge und auch diese nur auf kurze Strecken schiffbar. Nach Sibree kann der bedeutendste, der Betsiboka, 145 km von seiner Mündung aufwärts mit Dampfern von geringem Tiefgang befahren werden. Die östlichen Mündungen sind zum Teil durch Sandbänke verlegt. Seen sind nicht zahlreich. Die größten sind der Alaotra (42 km lang und 6-7 km breit), der Tasi, der Kinkony und der Andranomena. Ausgedehnte Strandseen hat namentlich die Ostküste.

Das Klima ist an der Küste heiß und ungesund, im höhern Innern aber, wo sich die Berge im Winter mit Schnee bedecken, auch Europäern zuträglich. In Antananarivo fällt das Thermometer im Januar nicht unter 15°, im Juni nicht unter 6° C. und steigt im November nicht über 28,5°, im Juni nicht über 22° C. An der Westküste zu Tullear notierte Grandidier als niedrigste Temperatur im Juli 10°, im Januar 24° C., als höchste im Juli 27°, im Januar 33° C. Der Mineralreichtum der Insel ist noch wenig bekannt, da die Gesetze der Hova das Suchen nach Metallen unter schweren Strafen verbieten. Sehr weit verbreitet sind Eisenerze, die sich namentlich im zentralen Plateau finden; auch Kupfer, Ocker, Graphit, Steinsalz, Salpeter, Silber, Antimon, Mangan und Gold kommen vor. Ein Kohlenbecken von 3000 qkm Umfang soll sich zwischen 12° 26' und 13° 37' südl. Br. befinden. Der Eisenkies liefert Schwefel; die gefundenen Edelsteine sind aber wenig schön. Salz-, Eisen- und Schwefelquellen von hoher Temperatur sind häufig. Die Pflanzenwelt ist von einem Reichtum und einer Mannigfaltigkeit, wie man sie nirgends sonst antrifft. Die ganze Insel wird von einem Streifen Urwald umsäumt, der eine durchschnittliche Breite von 25-30 km besitzt. Zuweilen laufen zwei solcher Streifen nebeneinander parallel. Auch im Innern, namentlich nach N. zu, finden sich sehr ausgedehnte tropische Waldgebiete, während im S. großenteils nur Buschdickichte und dicht bewachsene Grasgefilde existieren. Das Gebirgsland ist meist traurig öde und nur mit grobem Gras bedeckt, die Thäler zeigen aber eine reichere Vegetation. Die nennenswertesten Bäume sind der Baobab, die Fächerbanane Ravenala (der sogen. "Baum der Reisenden", weil die aufrecht stehenden Blattscheiden lange Zeit Wasser enthalten), die hoch wachsende Chrysopia, Eben-, Rosen-, Palisanderholz u. a. Harz liefernde Bäume sind gleichfalls zahlreich vorhanden. Gebaut werden: Baumwolle, Hanf, Reis, Kaffee, Tabak, Zuckerrohr, Kartoffeln, Mais, Hirse, Maniok, Bohnen; dagegen werden Weizen, Hafer und Gerste wenig geschätzt. Die Kokosnuß kennt man seit zwei Jahrhunderten, Bataten und Bananen seit undenklichen Zeiten. Zitronen, Orangen, Pfirsiche und Maulbeeren gedeihen vorzüglich. Auch an Farbepflanzen ist M. reich. Noch mehr als die Pflanzenwelt überrascht die Fauna durch seltsame Formen. Man findet hier keins der großen Säugetiere Afrikas, aber dafür Arten, welche der Insel allein angehören. Zu den wunderbarsten Vertretern der madegassischen Tierwelt gehören die Halbaffen (Lemuridae), die merkwürdige Frettkatze (Cryptoprocta ferox), das Wildschwein; von 238 Vogelarten gehören 129 M. an, die den amerikanischen weit näher verwandt sind als den afrikanischen. Auch die Reptilien und Amphibien weisen sehr merkwürdige Formen auf. Die fossile Fauna, ein kleiner Hippopotamus, ein Krokodil, ein Riesenvogel u. a., weist auf den ehemaligen Zusammenhang mit den Ländern im O. und W. hin.

Die Bevölkerung wird von einigen Reisenden auf 6, von Grandidier aber auf nur 3 Mill. geschätzt. Nach ihm wohnen in dem zentralen Imerina 1 Mill. Hova; ihre Nachbarn, die Betsileo, zählen 600,000. Im O. und S. wohnen 1 Mill., und die übrigen Völkerschaften zählen kaum 500,000 Seelen. Die Bevölkerung besteht aus verschiedenen Bestandteilen. Ein Teil kam aus Ostafrika, ein andrer aus Arabien und Indien, ein dritter wahrscheinlich aus Polynesien. Aus der Vermischung derselben sind zwei Rassen hervorgegangen, die eine mit olivenfarbigem Teint, die andre mit schwarzer oder dunkelbrauner Hautfarbe. Als Urbewohner Madagaskars betrachtet man die Wazimba, Kimo und Kalio, letztere, wie es heißt, pygmäenhafte Wesen mit wolligem Haar. Negroid sind die Sakalaven (s. Tafel "Afrikanische Völker", Fig. 27) an der Westküste und Nordspitze, welche die übrigen Weststämme allmählich unterjocht und denselben den eignen Namen gegeben haben. An der Westküste leben außer afrikanischen Sklaven noch Araber, Inder und Suaheli. Die übrigen Stämme: die Betsileo, die Bara im S., die Tanala oder Waldleute mit fast unzugänglichen Bergorten, die Tonkai, welche von der Beförderung der Waren zwischen der Küste und dem bergigen Innern leben, die Sihanaka im nördlichsten Waldgürtel, die Betsimisaraka an der Ostküste, sind alle mehr oder weniger dem herrschenden Volk der Insel, den Hova, unterthan. Die Hova, ein Mischvolk aus polynesischen und afrikanischen Elementen, sind von Mittelgröße (1,6 m), schlank und wohlgebaut, mit gerader oder gebogener, stumpfer Nase, großem Mund mit fleischigen Lippen und zurückweichendem Kinn. Die Männer schneiden das Haar kurz, so daß es bürstenartig emporsteht, oder sie lassen es einige Zentimeter lang. Um die Lenden wird ein Zeugschurz gewunden und darüber ein langer, breiter Überwurf, die Lamba, in schönen vollen Falten drapiert. Bei den Offizieren und höhern Beamten von Seide, ist er für die Adligen rot, für die andern weiß, auch mit roten oder bunten Streifen verziert. Die Beine bleiben nackt. An die Stelle dieser malerischen Kleidung tritt