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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

Schlagworte auf dieser Seite: Magdeburg

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Magdeburg (Geschichte der Stadt).

Stadt. Die Umgegend ist fast ganz reizlos. Die Hauptvergnügungsorte der Magdeburger bilden der Park Herrenkrug, rechts an der Elbe unterhalb der Friedrichstadt und mit dieser durch eine Straßenbahn verbunden, der Stadtpark Vogelsang und der Friedrich Wilhelms-Garten (s. oben). - Zum Landgerichtsbezirk M. gehören die 17 Amtsgerichte zu Aken, Barby, Burg, Erxleben, Gommern, Groß-Salze, Hötensleben, Kalbe a. S., Loburg, M., Neuhaldensleben, Neustadt-M., Schönebeck, Staßfurt, Wanzleben, Wolmirstedt und Ziesar.

[Geschichte.] Im J. 805 wurde M., damals Magadoburg genannt, von Karl d. Gr. zu einem Handelsplatz bestimmt, über welchen die mit den Wenden und Avaren handelnden Kaufleute nicht hinausgehen durften. 923 und 924 wurde M. bei einem Einfall der mit den Ungarn vereinigten Wenden und Slawen beinahe gänzlich zerstört, aber von der Königin Editha, Gemahlin Ottos d. Gr., wieder aufgebaut und mit Wällen und Mauern umgeben. Das von Otto d. Gr. 936 hier gegründete Moritzkloster wurde 968 in ein Erzbistum verwandelt. 1135 hielt Lothar II. hier einen Reichstag, auf welchem Herzog Erich von Schleswig die dänische Krone als deutsches Lehen erhielt. Nach dem großen Brand von 1188, dem ein bedeutender Teil der Stadt zum Opfer fiel, erholte sich diese bald, trat der Hansa bei und erhielt im 14. Jahrh. das Stapelrecht für die Elbschiffahrt. Gegen das Ende des 15. Jahrh. erscheint M. fast unabhängig von den Erzbischöfen, die auch meist auswärts, besonders zu Halle, residierten; doch hat es sich nie völlig von denselben befreit und ist nie Reichsstadt gewesen. Der schon frühzeitig errichtete Schöppenstuhl stand im Mittelalter in großem Ansehen, und das Magdeburger Recht, eine Mischung von altsächsischen Gewohnheits- und Magdeburger Lokalrechten, hatte in den östlichen slawischen Landen weite Verbreitung und Gültigkeit. Die höchste Blüte der Stadt vor dem Dreißigjährigen Krieg fällt in den Anfang des 16. Jahrh., wo sie gegen 40,000 Einw. zählte. Seit 1524 fand in M. die Reformation besonders durch Amsdorfs Bemühungen Eingang. M. trat 1531 dem Schmalkaldischen Bund bei, sagte sich vom Erzbischof und dem Kapitel los und unterwarf sich auch dem Kaiser nicht, selbst als derselbe im Schmalkaldischen Krieg 1547 ganz Sachsen erobert hatte. 1548 deshalb in die Reichsacht erklärt, beugte es sich nicht, sondern verweigerte die Annahme des Interim und wurde Zufluchtsort aller durch die Religionsverfolgung vertriebenen Glaubensgenossen, namentlich zahlreicher Prediger. Karl V. hatte die Vollziehung der Acht dem Kurfürsten Moritz von Sachsen aufgetragen. Dieser begann 4. Okt. 1550 die eigentliche Belagerung und eroberte schon 28. Nov. die Neustadt, doch die Bürgerschaft wies mit glänzender Tapferkeit alle Angriffe auf die Altstadt zurück und machte viele glückliche Ausfälle. Erst als Moritz Gnade und Religionsfreiheit anbot, nahm M. sächsische Besatzung auf und huldigte Moritz als Burggrafen (9. Nov. 1552). Im Dreißigjährigen Krieg wurde es 1626 kurze Zeit von Wallenstein besetzt, dann 1629 von demselben 28 Wochen lang vergebens eingeschlossen und 1630, weil es seinen geächteten Administrator Christian Wilhelm wieder aufgenommen hatte, von neuem durch Pappenheim belagert. In der Hoffnung baldigen Entsatzes durch Gustav Adolf leisteten zwar die Bürger mit Hilfe einer kleinen schwedischen Besatzung unter Falkenberg mannhaften Widerstand. Aber als sich im März 1631 Tilly mit Pappenheim vereinigte und nun 25,000 Mann die nur von 2000 Mann verteidigte Stadt belagerten, konnten die Außenwerke gegen den Ansturm der Übermacht nicht behauptet werden; die Vorstädte wurden in Brand gesteckt und die Verteidigung auf die eigentliche Stadt beschränkt. Indes die Kräfte der heldenmütigen Bürgerschaft waren erschöpft, und als sich die vom Nachtdienst ermüdeten Posten am Morgen des 10. (20.) Mai 1631 eben in ihre Häuser begeben hatten, begann um 9 Uhr der Sturm auf zwei Seiten. Die Kaiserlichen drangen unter Pappenheim am Krökenthor zuerst in die Stadt ein; im Straßenkampf fiel Falkenberg. Während desselben brach an vielen Stellen zu gleicher Zeit eine Feuersbrunst aus, welche wahrscheinlich auf Falkenbergs Befehl von der fanatisierten Schiffer- und Arbeiterbevölkerung angelegt worden war, um M. lieber zu zerstören, als in die Hände des Feindes fallen zu lassen, und sich schnell über die ganze Stadt verbreitete. Die Kaiserlichen rächten sich für die Zerstörung der gehofften Beute durch maßlose Grausamkeiten. Nur der Dom, der sofort für den katholischen Gottesdienst neu geweiht wurde, das Liebfrauenkloster und einige elende Fischerhütten blieben vom Feuer verschont. Von sämtlichen 36,000 Einw. entgingen nur wenige Tausende dem Tod. Nachdem 1632 die Kaiserlichen wieder abgezogen waren, besetzten die Schweden die Stadt. Sie erstand schnell wieder aus den Trümmern, ward aber 1636 schon wieder von den Kaiserlichen und Sachsen belagert und durch Kapitulation genommen. Im Westfälischen Frieden (1648) wurde M. nebst dem Erzstift dem Haus Kurbrandenburg für den Fall des Todes des damaligen Administrators August von Sachsen, der aber erst 1680 erfolgte, abgetreten. Lange sträubte sich M., dem Kurfürsten von Brandenburg zu huldigen, mußte aber schließlich im Vergleich zu Klosterberge 6. Juni 1666 doch einwilligen. In der Folge ließen sich in M. viele der aus Frankreich vertriebenen Reformierten nieder (vgl. Tollin, Geschichte der französischen Kolonie von M., Halle 1887, 2 Bde.). Im Krieg Preußens mit Frankreich 1806 übergab der Kommandant v. Kleist M. 11. Nov. d. J. an die Franzosen unter Ney. Im Tilsiter Frieden 1807 an Frankreich abgetreten und sodann zum Königreich Westfalen geschlagen, kam M. durch den Pariser Frieden wieder an Preußen, nachdem es 1813-14 bloß von einem Korps unter Tauenzien eingeschlossen worden war. Durch die Beseitigung der alten Umwallung, welche seit 1869 durch die Anlage neuer Festungswerke ersetzt wurde, hat die Stadt neuerdings eine bedeutende Erweiterung erfahren. Vgl. Lehmann, Beschreibung der Stadt M. (3. Aufl., Magdeb. 1839); Rosenthal, M. (Festschrift zur 57. Naturforscherversammlung, das. 1884); Kawerau, M., ein deutsches Städtebild (das. 1886); Rathmann, Geschichte der Stadt M. (das. 1800-17, 4 Bde.); Hoffmann, Chronik der Stadt M. (das. 1843-50, 3 Bde.; 2. Aufl. 1885 ff.); Wolter, Geschichte der Stadt M. (das. 1845); Janicke, Chroniken von M. (Leipz. 1869, Bd. 1); Dittmar, Beiträge zur Geschichte der Stadt M. nach 1631 (Halle 1885 ff.); Kawerau, Aus Magdeburgs Vergangenheit (das. 1886); Hertel, Geschichte des Klosters Unsrer Lieben Frauen (Magdeb. 1885); "Geschichtsblätter für Stadt und Land M." (das., seit 1866); O. v. Guericke, Geschichte der Belagerung, Eroberung und Zerstörung von M. (hrsg. von Hoffmann, 2. Aufl., das. 1887). Über diese Episode der Zerstörung und ihren Urheber ist ein lebhafter Streit entbrannt (vgl. besonders Wittich, M., Gustav Adolf und Tilly, Berl. 1874, Bd. 1).