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Meyers Konversationslexikon

Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892

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Marschall von Biberstein - Marschner.

lichkeiten, bei Aufzügen, größern Leichenbegängnissen u. dgl., Marschälle (Festmarschälle) vor, welche entweder dafür zu sorgen haben, daß alles in der gehörigen Ordnung vor sich gehe, oder bloß in feierlichem Kostüm dem Zug vorangehen. Der Deutsche Orden erweiterte zuerst die alte Hofcharge des Marschalls zur vornehmsten Feldherrnstelle, obgleich der eigentliche Titel Feldmarschall (s. d.) erst zur Zeit der "deutschen Reiter" für den Obersten eines Kavallerieregiments vorkommt. In Frankreich nahm das Wort Maréchal, welches anfangs den unter den Befehlen des Connétable stehenden Intendanten des königlichen Marstalls bezeichnete, sehr bald andre Bedeutung an. Schon unter Philipp August (1180-1223) führte der Oberbefehlshaber der königlichen Truppen zeitweilig jenen Titel. Zur Zeit Ludwigs IX. gab es zwei, später drei, vier und mehr solcher Marschälle, welche zum Unterschied von den Marschällen andrer Lehnsherren Maréchaux de France (Marschälle von Frankreich) genannt wurden und besonders nach der Aufhebung der Connétablewürde 1627 zum höchsten Ansehen gelangten. Unter Heinrich III. ward durch die États-Généraux ihre Zahl auf vier herabgesetzt; doch ward diese Zahl schon von Heinrich IV. und noch mehr von dessen Nachfolgern überschritten, so daß es 1703 unter Ludwig XIV. nicht weniger als 20 Marschälle gab, unter denen auch Seeleute waren. Seitdem schwankte ihre Zahl, bis 20. Juni 1790 der Titel "M. von Frankreich" ganz aufgehoben wurde. Napoleon I. stellte die Marschallswürde wieder her, indem er Reichsmarschälle (maréchaux d'empire) ernannte. Unter der Restauration wurde der Titel eines Maréchal de camp (Generalmajor) wieder aus der Vergessenheit hervorgezogen, und unter dem Julikönigtum ward durch ein Gesetz vom 4. Aug. 1839 die Zahl der Marschälle von Frankreich in Friedenszeiten auf sechs herabgesetzt, während sie in Kriegszeiten bis auf zwölf vermehrt werden durfte. Napoleon III. stellte das Verhältnis, wie es unter Napoleon I. bestand, wieder her. Das Zeichen der französischen Marschallswürde ist ein azurblauer, mit goldenen Sternen verzierter Stab. Übrigens werden mit dem Namen M. in Frankreich auch noch andre militärische Chargen bezeichnet, wie z. B. bei der Kavallerie Maréchal des logis derjenige Unteroffizier heißt, welcher die Einquartierung seiner Eskadron zu besorgen hat.

Marschall von Biberstein, Adolf, Freiherr von, bad. Diplomat, geb. 12. Okt. 1842 auf dem väterlichen Gut Neuershausen bei Freiburg i. Br., studierte die Rechte, trat in den badischen Justizdienst und ward Staatsanwalt in Mannheim. Seit 1875 grundherrlicher Abgeordneter in der badischen Ersten Kammer, vertrat er streng konservative Grundsätze und suchte mit Mühlhäußer in Baden neben den Ultramontanen auch eine evangelische kirchliche Partei zu begründen. Zugleich stellte er sich bei den Reichstagswahlen 1878 an die Spitze einer konservativen und schutzzöllnerischen Bewegung und schloß sich, in den Reichstag gewählt, hier der deutsch-konservativen Partei an, deren Verbindung mit dem Zentrum er besonders betrieb. 1879 zum Landgerichtsrat in Mannheim ernannt, ward er 1882 wieder Erster Staatsanwalt daselbst und 1883 badischer Gesandter in Berlin und Mitglied des Bundesrats.

Marschall von Sachsen, s. Moritz, Graf von Sachsen.

Marschallinseln, s. Marshallinseln.

Marschallsstab, s. Kommandostab.

Marschbataillone, s. Marschregimenter.

Marschendorf, Marktflecken in der böhm. Bezirkshauptmannschaft Trautenau, langgestreckt im reizenden Aupathal am Fuß des Riesengebirges gelegen, aus vier selbständigen Gemeinden bestehend, mit Schloß, Bezirksgericht, starker Papierfabrikation, Flachsgarnspinnerei, Bierbrauerei, Glashütte (in dem zu M. gehörigen Dunkelthal) und (1880) 3063 Einw.

Marschland (vom niederd. Marsch, s. v. w. Niederung), in Nordwestdeutschland das niedrige fruchtbare, meist durch Dämme oder Deiche gegen Überschwemmung geschützte und durch Kanäle, deren Öffnungen durch Schleusen geschlossen sind, entwässerte Land längs der Flüsse und der Meeresküste. Es findet sich nur da, wo der Wechsel von Ebbe und Flut vorhanden ist, und die Schleusen (Siele) dienen dazu, dem in den Marschen sich sammelnden Wasser zur Zeit der Ebbe den Ausfluß zu gestatten, zur Zeit der Flut aber dem andringenden Außenwasser den Eingang zu verwehren; denn die niedern eingedeichten Marschen liegen zur Flutzeit unter dem Spiegel des Meers oder der angrenzenden Flüsse. Der Boden, der aus dem feinsten Thonschlamm (Schlick) und Sand besteht und meist reich ist an Resten mikroskopischer Organismen (nicht bloß kieselschaliger Diatomeen, sondern auch kalkschaliger Polythalamien, welch letztere im Binnenland fehlen), ist von fast unerschöpflicher Fruchtbarkeit, ermöglicht vor allem in seinem hohen, massigen Graswuchs die ergiebigste Zucht von Milch- und Mastvieh, welche den Reichtum aller Marschländer von dem Mündungsland der Schelde bis nach Nordschleswig längs der Küste der Nordsee begründet. Die Ortschaften liegen entweder an der Grenze dieses Marschlandes gegen das angrenzende Sandland, die Geest (s. d.), oder es werden die einstöckigen Häuser innerhalb der Marsch selbst auf künstlichen Sanderhöhungen (Warften) gebaut. Kanäle und Dämme bilden die Verkehrswege im von Gräben durchschnittenen M. Diese Marschländer sind noch in täglicher, wenngleich sehr langsamer Fortbildung begriffen, indem die Flut, mit Schlick beladen, eine dünne Schicht desselben auf dem von ihr überschwemmten Land absetzt. An den Küsten von Schleswig-Holstein erfolgt die Bildung des Marschlandes hinter der äußern Dünenreihe, welche von Südjütland bis Texel die Inselreihe parallel der Küste bildet; dort ist der Meeresboden so seicht, daß zur Zeit der Ebbe große teils thonige, teils sandige Strecken desselben über das Wasser treten, die sogen. Watten, die dann eine Verbindung zu Land zwischen mehreren Inseln, z. B. zwischen Föhr und Amrum, gestatten. Während hier der Meeresboden selbst das Material zur Erhöhung bildet, ist es vor der Mündung der Ströme der von diesen mitgebrachte und aus dem durch die Flut aufgestauten Wasser niederfallende Schlick, der vorzugsweise an der Fortbildung des Marschlandes arbeitet und bewirkt, daß sich vor den Dämmen Marschvorland absetzt. Was der Mensch von solchem Lande durch Damm- und Schleusenbau mit jahrhundertelangem Fleiße sich zu eigen gemacht, entreißt ihm freilich oft eine einzige mit Sturm verbundene Springflut wieder. Vgl. Allmers, Marschenbuch (2. Aufl., Oldenb. 1875).

Marschner, Heinrich, Komponist, geb. 16. Aug. 1796 zu Zittau, verriet schon früh Spuren eines bedeutenden musikalischen Talents, bezog 1813 die Universität Leipzig, um die Rechte zu studieren, widmete aber den größten Teil seiner Zeit der Musik und ward endlich durch den Kantor der Thomaskirche, Schicht, ganz für diese gewonnen. Er bildete sich zunächst zum Klaviervirtuosen aus, verlebte von 1817